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Lesart | Beitrag vom 07.04.2021

Ideengeschichte von "Führung" und "Effizienz"Die Geburt des Managements aus dem NS-Geist

Johann Chapoutot im Gespräch mit Joachim Scholl

Johann Chapoutot vor einer Bücherwand. Er hat eine Brille auf und trägt ein helles Hemd und einen dunklen Pullover (Gallimard / Francesca Mantovani)
Der französische Historiker Johann Chapoutot verfolgt moderne Managementmethoden zu ihren Ursprüngen in der NS-Zeit zurück. (Gallimard / Francesca Mantovani)

Der französische Historiker Johann Chapoutot hat Managementmethoden bis zu den Wurzeln im Nationalsozialismus zurückverfolgt. Der NS-Jurist Reinhard Höhn habe sie erdacht - und an die Elite in Nachkriegsdeutschland vermittelt. Das werfe Fragen auf.

"Leistungsbereitschaft", "Flexibilität", "Effizienz" – das sind Begriffe, die uns auch heute leicht über die Lippen gehen. Der französische Historiker Johann Chapoutot rät nun dazu, über diese Begriffe im Management nochmal neu nachzudenken – aufgrund ihrer Geschichte im NS-Staat. Der Sorbonne-Professor hat sein Buch über die Kontinuität der Begriffe und der Eliten "Gehorsam macht frei. Eine kurze Geschichte des Managements – von Hitler bis heute" genannt.

Eine Verwaltung für die Eroberungpläne der Nazis

Darin hebt der französische Historiker eine Person besonders hervor, auf die er bei einer früheren Forschung auf das Thema gestoßen sei:

"Da habe ich viele Juristen gelesen und unter denen einen gewissen Prof. Dr. Reinhard Höhn, der Mitglied der SS war und auch des SD und sehr jung zum Professor in Berlin befördert worden ist, mit der Aufgabe, ein Institut zu leiten, das Institut für Staatsforschung in Berlin-Dahlem. Er sollte mit anderen darüber nachdenken, wie man den Staat beziehungsweise die Verwaltung reformieren sollte, um sie an die neue Zeit anzupassen – das heißt, an eine Zeit, wo man viel leisten sollte und wo man auch ganz Europa erobern sollte."

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Höhn sei Teil einer Elite junger Akademiker im Deutschland der Weimarer Republik gewesen, die begierig waren, Theorie und Praxis, akademische Reflexion und technokratisches Handeln zu verbinden, schreibt Chapoutot:

"Die Weimarer Republik hat die Türen der deutschen Universitäten ganz weit geöffnet, und sie haben das studiert, und sie haben die Doktorwürde erlangt, und sie sind Ende der 20er-Jahre konfrontiert worden mit der Perspektive der Arbeitslosigkeit. Nur einen Weg gab es für sie, der auch ihren Ideen entsprach: In die NSDAP einzutreten und vor allem in die SS, die auf der Suche nach Kräften war."

Inbegriff des technokratischen Intellektuellen

Für mehrere Dutzend dieser jungen Männer sei der Sicherheitsdienst (SD) der SS "der ideale berufliche Ort" gewesen, schreibt Chapoutot, andere hätten sich nach den "Säuberungen" an den Universitäten dort Stellen geschnappt. "Reinhard Höhn war – neben Werner Best, Wilhelm Stuckart, Otto Ohlendorf und vielen anderen – der Inbegriff dieses technokratischen Intellektuellen", heißt es im Buch. "'Gemeinschaft‘ und ‚Lebensraum‘ waren die beiden Themen, mit denen sich Höhn vor 1945 vor allem beschäftigte."

Nach dem Krieg, in den 1950er-Jahren wird Reinhard Höhn Kopf der "Akademie für Führungskräfte der Wirtschaft" in Bad Harzburg. Erst in den 1970er-Jahren wird seine SS-Biographie ruchbar, es kommt zu einem großen Skandal, und Höhn muss von seinem Posten zurücktreten.

Ausbilder der Nachkriegselite

Diese Akademie haben aber Hunderttausende von deutschen Managern durchlaufen. Höhn hatte ein Management-System, das Harzburger Modell, vorgestellt, das in den 1960er-Jahren die Unternehmensführung in Deutschland bestimmen sollte.

"Er ist nicht nur ein weiteres Beispiel für die Wiederverwendung dieser NS-Eliten - er ist auch ein dynamischer Faktor in der Wirtschaft der BRD", hebt Chapoutot die besondere Rolle von Höhn hervor: Höhn sei hochintelligent und hochbegabt gewesen und habe ganz schnell verstanden, dass seine Ideen und die Ideen seiner ehemaligen alten Kameraden der Zeit des Kalten Krieges ganz gut angepasst waren, sagt der Historiker.

Militätrische Prinzipien auf die Betriebswirtschaft übertragen

"Sein Managementmodell wurzelt ganz tief im Gedankengut der NS-Zeit, insofern als führende Nationalsozialisten meinten, man solle frei sein als Produzent, man solle begeistert sein für seine eigene Aufgabe", erklärt Chapoutot. "Und das hat Höhn weiterentwickelt nach dem Zweiten Weltkrieg. Er hat wunderbar ein Managementmodell erdacht, das sagte, dass man als Produzent frei sein solle, man über Handlungsspielräume verfügen solle in seiner Aufgabe, in der Arbeit. Das nennt er 'Management durch Delegation von Verantwortung'."

Ursprünglich gehe diese Prinzip auf die preußische Armee zurück, und Höhn habe es auch nach dem Krieg anschlussfähig gemacht: "Das hat er ganz geschickt und meisterhaft, muss man sagen, der Betriebswirtschaft angepasst."

Toter Winkel der Demokratie

Chapoutot weist auf ein grundsätzliches Problem in den Arbeitsbeziehungen hin, das im Widerspruch zum Gedankenmodell der Demokratie stehe: "Es gibt ein Problem im Arbeitsverhältnis an sich – und das ist die Unterordnung. Die Unterordnung ist eigentlich ein Bestandteil des Arbeitsvertrags, und das ist ein toter Winkel unserer Demokratie, denn in der Demokratie sind wir frei als Bürger. Nur im Arbeitsverhältnis sind wir es nicht, weil wir untergeordnet sind, weil wir eine Aufgabe vorgeschrieben bekommen und diese Aufgabe durchzuführen haben. Und das ist eigentlich eine ganz große Frage der politischen Philosophie und der Arbeitssoziologie heute."

(mfu)

Johann Chapoutot: "Gehorsam macht frei. Eine kurze Geschichte des Managements - von Hitler bis heute"
Aus dem Französischen von Clemens Klünemann
Propyläen, Berlin 2021
176 Seiten, 22 EUR

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