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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 25.10.2013

"Ich stehe vor der Landschaft wie eine Kuh"

Das "Museum Haus Dix" zeigt das Landleben des Großstadtmalers Otto Dix

Von Matthias Kußmann

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Selbstbildnis Otto Dix' aus dem Jahr 1922 (picture alliance / dpa / Jens Büttner)
Selbstbildnis Otto Dix' aus dem Jahr 1922 (picture alliance / dpa / Jens Büttner)

Die Stadt war die Inspiration des Malers Otto Dix. Doch als die Nazis an die Macht kamen, flüchtet er aufs Land in die innere Emigration. Sein Haus am Bodensee ist heute ein Museum. Es zeigt, wie er dort mit der Familie lebte und mit der Provinz haderte.

"Herzlich willkommen im Haus Dix!"

Das ist die Stimme von Jan Dix. Der Sohn des Malers Otto Dix begleitet einen per Audioguide durch das "Museum Haus Dix" in Hemmenhofen am Bodensee. In dem Haus hat der große Maler von 1936 bis zu seinem Tod 1969 gelebt.

"Mein Vater ging ja ins Dorf jeden Tag zur Post und brachte dann Brötchen mit. Und dann wurde eben gefrühstückt, aber meistens nur Brötchen, Marmelade oder so. Er las dann seine Post, vielleicht auch die Zeitung."

Klingt ganz gemütlich, denkt man und geht mit Jan Dix´ Stimme im Ohr durch die schönen Räume der Villa. Beste Hanglange, toller Blick auf den See, liebliche Landschaft – ein Paradies. Nur: Otto Dix wollte hier gar nicht leben. Er liebte die großen Städte, das Nachtleben, Bars und Bordelle, Jazz und Swing. Bilder davon hatten ihn be¬rühmt ge¬macht. Nun saß er in der tiefsten Provinz in einem Fischer¬dorf am Bodensee und malte Land¬schaften. Wie war er nur da hin-gekom¬men?

Ein schönes Paradies. Zum Kotzen schön. Ich müsste in die Großstadt! Ich stehe vor der Landschaft wie eine Kuh.

Otto Dix wird 1891 in Gera geboren, sein Vater arbeitet in einer Gießerei, seine Mutter ist Näherin. Nach einer Lehre als Dekorationsmaler studiert er in Dresden Kunst und malt anfangs wilde, expressionistische Bilder. Bei Kriegsausbruch 1914 meldet er sich zum Militär.

Der Krieg war eine scheußliche Sache, aber trotzdem etwas Gewaltiges. Das durfte ich auf keinen Fall versäumen. Man muss den Menschen in diesem entfesselten Zustand gesehen haben, um etwas über den Menschen zu wissen. Der Krieg ist eben etwas so Viehmäßiges: Hunger, Läuse, Schlamm, diese wahnsinnigen Geräusche. Alles muss ich sehen. Alle Untiefen des Lebens muss ich selber erleben.

"Für manche ist er ein Bürgerschreck – für andere ein Genie"

Die Kriegserfahrungen prägen ihn tief, genau wie die Jahre der Weimarer Republik. Dix lebt in Dresden, Berlin und Düsseldorf, trifft sehr Reiche und sehr Arme, die Ober- und Unterwelt. Er malt Kunsthändler, Schriftsteller und Wirtschaftsbonzen, Kriegsbeschädigte, Huren und Bettler – und er malt sie sehr genau, wird zu einem Hauptvertreter der "Neuen Sachlichkeit". In einem Interview aus den 60er-Jahren sagt er:

"Es war ein Streben danach, alle Dinge möglichst präzis zu sehen, mit scharfem Auge zu sehen und sehr realistisch zu sehen. Das Individuelle des Menschen, was ja nicht bloß in seinem Gesicht, sondern auch in seinen Bewegungen, in seiner Kleidung liegt, das hat mich immer am meisten interessiert."

Doch seine Bilder sind auch entlarvend, nicht selten werden Gesichter zu Fratzen. Für manche ist er ein Bürgerschreck – für andere ein Genie.

"Schon damals hab ich mir gar nichts aus diesen Etiketten gemacht, die man mir angehängt hat: 'Bürgerschreck' oder 'Pazifist' oder 'Anti-Kriegs-Maler' und so weiter. Ich hab eben das gemacht, was ich wollte, und das mach ich heut auch noch genauso. (…) Es ist ein ganz großer Irrtum, dass ich aus Hass, aus Moralismus oder aus Verbitterung gemalt habe. Ich habe eigentlich all die Dinge geliebt, die ich gemalt habe. Auch die hässlichen Dinge, ich liebe die Hässlichkeit genauso. Vielleicht sehe ich auch etwas schärfer, hab etwas schärfere Augen als andere. Es entstehen natürlich Dinge, die manchmal peinlich, manchmal penetrant, manchmal zu überdeutlich sind. Das ist eben meine Eigenart. Das ist nicht forciert, das ist nicht gewollt, sondern ich muss so sein, weil ich so bin."

"Von den Nazis mit Ausstellungsverbot belegt"

Er ist so, doch er provoziert auch gern, und das kommt an. Die Preise für seine Bilder steigen. 1927 erhält Dix an der Dresdner Akademie eine Professur für Malerei, als Nachfolger Oskar Kokoschkas – mit nur 36 Jahren. Nun ist er ganz oben, stellt in europäischen Metropolen aus, auch in New York. Sechs Jahre später ist Hitler an der Macht. Sofort verliert Dix seine Professur – ohne anschließende Pension, versteht sich.

"Da kriegte ich einen Brief, dass ich sofort die Akademie zu verlassen hätte und die nie wieder betreten dürfte. Ich hatte aber schon vorher die Sache gerochen und hatte meine Bilder alle in den Keller schaffen lassen während der Ferien und in Kisten gepackt. Und wie die Burschen dann kamen – mit nem Möbelwagen sind die angekommen, hat man mir erzählt, ich war ja nicht mehr dort, durfte ja nicht mehr rein – da war nischt mehr drin, die waren alle weg, die Bilder."

Er hatte sie zuerst im Keller der Akademie, dann in einer abgelegenen Mühle versteckt. Aber zeigen kann er sie jetzt nicht mehr. Die Nazis belegen ihn mit weitgehendem Ausstellungsverbot. Dix zieht sich mit seiner Familie nach Süddeutschland zurück, so lange, bis der vermeintliche Spuk vorbei ist – was viel länger dauert, als er denkt. Sie gehen ins rund 700 Kilometer entfernte Randegg im Hegau, nordwestlich des Bodensees. Dort leben sie in einigen Räumen eines abgelegenen alten Schlosses, die kaum zu heizen sind. Da Dix seine gesellschaftskritischen Bilder nicht mehr verkaufen kann, beginnt er Landschaften zu malen, in altmeisterlicher Technik.

"Wenn man nicht selber in der Landschaft sitzt, geht das gar nicht. Man muss selber drin sitzen, muss alles selber sehn. Nun ist die Landschaft eben eine sehr lyrische, liebliche. Und diese ganze Zeit war ja eigentlich so eine Art Emigration, eine private Emigration, nicht wahr, wir sind in Deutschland geblieben. Und ich habe dann alles, was ich um mich sah, studiert, gezeichnet und von Neuem studiert: Bäume, Landschaften, Häuser, Wasser, Pflanzen – alles Mögliche. Und habe dann eben diese Landschaften gemalt."

"Otto Dix ist zwar von den Nazis verfemt worden und als "entarteter" Künstler bezeichnet worden. Trotzdem hat er natürlich versucht, sein Auskommen in dieser Zeit zu finden."

Sven Beckstette vom Stuttgarter Kunstmuseum, das eine bedeutende Sammlung von Dix-Werken besitzt.

"Er hat versucht, eine Ausstellung zu machen explizit mit Landschaften. Das Thema Landschaft spielt ja in der NS-Zeit eine ganz große Rolle. Auch sein Galerist hat gedacht, mit dem Dix muss man doch irgendwie noch Geld machen können, wenn er diese Landschaften zeichnet, wo die Leute sich nicht so sehr aufregen. Aber das fiel bei der Kritik total durch, weil das Beißende, das man mit Dix verbindet, nicht zum Vorschein kam. Es gab aber auch Ankäufe, eine Ordensburg zum Beispiel hat ein Bild von Dix gekauft, was er am besten verschwiegen haben wollte, wie er in Briefen schreibt."

1935 beschließen Dix und seine Frau, in dem Fischerdorf Hemmenhofen am Bodensee ein Haus zu bauen – nicht irgendein Haus, sondern eine Villa.

Beckstette: "Dieses Haus konnte nur entstehen, weil Martha Dix, die aus einem relativ guten Haus kommt, geerbt hatte und das Geld hatte, das Haus für die Familie zu bauen. Und alle Bauunterlagen sind dann auch mit ihrem Namen unterzeichnet. Natürlich nicht mit Martha Dix, wie man das vermuten könnte, sondern, wie das für die Zeit wahrscheinlich gang und gäbe war, mit 'Frau Otto Dix' oder 'Frau Professor Dix'."

In Hemmenhofen leben damals schon mehrere deutsche Künstler, die von den Nazis verfemt wurden, aber nicht ins Exil gehen wollen.

Beckstette: "Hemmenhofen vielleicht auch deswegen, weil: Die Schweiz ist direkt auf der anderen Seite, man kann rübersehn. Auch wenn Otto Dix nie wirklich an Emigration gedacht hat. Weil er sich immer auch als deutscher Künstler verstanden hat, der immer wusste, dass die Themen, die er eigentlich zum Ausdruck bringen möchte, eigentlich nur hier in Deutschland funktionieren, kam für ihn eine Emigration erst mal nicht infrage."

Otto Dix:

Wie konnte man denn emigrieren, wenn man hier einen Stall voll Bilder hat?

"Hausdurchsuchungen und Festnahme"

1937 wird in München die Ausstellung "Entartete Kunst" eröffnet, die rund 600 sogenannte undeutsche Werke zeigt – vor allem aus Expressionismus, Surrealismus, Dada und Neuer Sachlichkeit. Otto Dix´ Gemälde "Kriegskrüppel" und "Schützengraben" dienen als Paradebeispiel für "gemalte Wehrsabotage". Bald darauf werden 260 seiner Werke aus deutschen Museen entfernt. Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels resümiert am Ende der Ausstellung:

"Wir haben den Mut gehabt, die Produkte einer frechen Anmaßung zurückzuweisen. Sie stehen heute in der Ausstellung "Entartete Kunst" versammelt, und das Volk geht millionenfach an diesem blühenden Unsinn vorbei, ingrimmig den Kopf schüttelnd."

Wenn es ihm in Hemmenhofen zu eng wird, fährt Dix nach Dresden, wo er noch ein kleines Atelier hat und endlich wieder Stadtluft atmet. Doch nicht nur das. Schon seit 1927 trifft er in Dresden eine Geliebte, mit der er auch ein Kind hat. Er nennt sie seine "Zweitfamilie". Seine "Erstfamilie" am Bodensee erfährt davon erst viel später. Unterdessen wollen die Nazi-Behörden nicht glauben, dass der ehemalige "Bürgerschreck" nur noch Landschaften malt.

Beckstette: "Es gab Hausdurchsuchungen hier in Hemmenhofen, wo die SS vor der Tür stand und Bilder durchsuchen wollte. Er musste abliefern, was er in einem Jahr gemalt hatte, zur Kontrolle."

1939, nach dem Münchner Attentat von Georg Elser auf Hitler, nimmt die Gestapo in ganz Deutschland Leute fest, auch Otto Dix. Nach einer Woche Haft kommt er frei. Ob er tatsächlich in irgendeiner Weise Kontakt zu Elser hatte, ist bis heute unklar. Nach Ende der NS-Zeit wurde Dix gelegentlich vorgeworfen, dass er in Deutschland geblieben sei, sich hinter Landschaftsbildern versteckt habe. Er selbst meinte lakonisch:

Ich bin eben anonym durchgerutscht. Ich habe Landschaften gemalt – das war doch Emigration.

"Grenzgänger zwischen Ost und West"

Beckstette: "Ich glaube, es ist ein Sowohl-als-auch. Wobei er kein Nazi-Mitläufer ist, weil seine späten Landschaften explizit gegen die NS-Kunstvorstellung gemalt sind. Das endet dann in surrealen Landschaften, die dann doch wieder auf einem subjektivem Ausdruck beharren, der für Dix ganz wichtig ist, aber für die ganze NS-Kunst überhaupt keine Rolle spielt."

Nach dem Krieg wird Otto Dix zu einem Grenzgänger zwischen Ost und West.

Beckstette: "Er hatte in Dresden auch weiterhin ein Atelier und hat dort auch gearbeitet, hat nach dem Zweiten Weltkrieg sehr viele Lithografien in Dresden hergestellt. Deswegen ist er eigentlich ein Grenzgänger zwischen BRD und DDR und wird in beiden Landesteilen ganz unterschiedlich rezipiert. In der BRD, wo die Abstraktion hochkommt in den 50er-Jahren, spielt Dix in der kunsttheoretischen Debatte keine Rolle mehr. Er fühlt sich auch so, dass er damit gar nichts anfangen kann. "

Jan Dix: "Mein Vater konnte sich ja nie befreunden mit den sogenannten Abstrakten. Nach dem Krieg hat sich ja alles lustig gemacht über die abstrakte Malerei, weil, das kannte ja kein Mensch hier, die gegenstandslose Malerei, und plötzlich kam das auf. Für meinen Vater war das 'Tapetenmuster', hat er mal gesagt. Oder auch die Konkreten, das hat ihm alles nicht gepasst. Da war viel zu wenig Aussage drin, das ist nur 'ästhetisch'. "

In den 50er-Jahren wird Dix in mehrere westdeutsche Akademien gewählt, bekommt auch das Bundesverdienstkreuz. Doch man ehrt ihn vor allem als wichtigen Künstler der Weimarer Republik. Seine späten Werke werden kaum wahrgenommen.

Otto Dix: "Die früheren Bilder sind eben etwas härter. Es ist mehr das Ärmliche des Menschen dargestellt. Und hier sehen Sie eben … Gott, es wird eben langsam sogenannter Altersstil. Es wird weicher, es wird mehr mit Farben gearbeitet, nicht so sehr mit Formen, nicht so sehr mit Einzelheiten, es geht mehr ins Farbige. Es ist eben mehr ein Erlebnis des Farbigen, was eingetreten ist."

Dennoch ist Dix in den 50er-Jahren für manche junge Künstler ein Vorbild.

"Wir sind hochgegangen, sein wunderschönes Grundstück, und am Türschild stand nur – das war ein Messingtürschild – mit Hand graviert: "DIX". Mit großen Buchstaben. Mehr war da nicht drauf. Das war schon ein Signum, das war enorm."

"Das Wort "Schüler" mag er nicht"

Helmut Bischoff, heute 87-jährig, besucht Dix Anfang der 50er-Jahre. Er und Klaus Winter haben an der Karlsruher Kunst-Akademie studiert und wenden sich an Dix, um noch mehr zu lernen.

"Das war gar kein Problem, er hat uns reingelassen, obwohl es sein privates Haus war. Jeder große Künstler von seinem Format hätte da vielleicht eine Aura um sich gebildet. Aber das war bei Dix überhaupt nicht der Fall. Er hat eine sehr hübsche Frau gehabt, die war natürlich auch mit im Spiel, schwarzhaarig, das war dem Dix sein Typ."

Otto Dix akzeptiert die beiden als begabte junge Kollegen; das Wort "Schüler" mag er nicht.

Bischoff: "Wir haben dann ein richtiges Freundschaftsverhältnis entwickelt mit Dix. Wir sind zusammen nach Gaienhofen gegangen zu Fuß, da war natürlich an ein Auto nicht zu denken. Er hat noch gelitten an der langen Verfemung."

Die jungen Künstler richten sich in einem Gartenhaus ein und bleiben gleich neun Monate lang.

Bischoff: "Er hat einen Bauern gemalt; ein typisches Dix-Bild mit der unglaublichen altmeisterlichen Technik, die er gehabt hat. Das wussten die gar nicht, er hat es ihnen geschenkt. Das haben die später verkauft, für 300.000, oder was weiß ich. Die Bauern sind wahnsinnig reich geworden mit dem einen Bild."

Einmal lädt Klaus Winter seine hübsche junge Freundin nach Hemmenhofen ein. Sie gehen ins Wirtshaus "Zur Post" – das es heute noch gibt –, um an der Theke etwas zu trinken. Da kommt Otto Dix herein.

Bischoff: "Dann hat der sich so hingestellt, hat den Kopf aufgestützt und hat die unverwandt angeschaut, ohne den Blick zu wenden. Die hat gedacht, was ist denn an mir? Die wusste ja gar nicht, wie sie sich verhalten soll. Er hat die so lange angeschaut. Und das war im Grund genommen seine große Klasse: So sind seine Porträts, so hat er die Menschen angeschaut, die er gemalt hat."

"Museum will das Leben einer Künstlerfamilie zeigen"

Otto Dix stirbt am 25. Juli 1969 in einem Krankenhaus in Singen am Hohentwiel. Er liegt auf dem Hemmenhofener Friedhof begraben, nur wenige Schritte von dem Maler Erich Heckel, der ebenfalls vor den Nazis hierher floh. Ein kleiner Friedhof zwischen Apfelbäumen, mit Blick auf den See – paradiesisch. Aber nicht Berlin oder Dresden.

Heute zählt Otto Dix zu den großen Malern des 20. Jahrhunderts. Die Hemmenhofener Villa wurde im Sommer 2013 als "Museum Haus Dix" neu eröffnet – mit einem ungewöhnlichen, aber überzeugenden Konzept. Sven Beckstette ist Kurator des Hauses.

Beckstette: "Uns geht’s darum, hier nicht nur Otto Dix alleine zu zeigen und das Werk von Otto Dix. Gleichzeitig geht’s uns darum, das Leben einer Künstlerfamilie zu zeigen. Alle drei Kinder von Otto und Martha Dix haben eine künstlerische Laufbahn eingeschlagen. Nelly Dix hat geschrieben und hat kunsthandwerkliche Arbeiten gemacht; Ursus Dix ist ein bedeutender Restaurator geworden; Jan Dix ist Goldschmied geworden und hat sich stark für Jazzmusik interessiert, hat auch in Jazzbands gespielt, wo er sich dann mit seinem Vater getroffen hat, musikalisch, vom Geschmack."

Und Dix´ Frau Martha war ausgebildete Pianistin. Die Räume der Villa sind mit Originalmöbeln eingerichtet, soweit sie auffindbar waren. Wo das nicht ging, stehen dezente graue Platzhalter aus Sperrholz, wie Schatten dessen, was hier einmal war. Natürlich werden einige Gemälde und Zeichnungen von Dix im Original gezeigt – keine der ganz großen leider, sie sind heute weltweit in Museen und Privatbesitz verstreut. Und da, wo einst Dix-Bilder an der Wand hingen, sieht man nun Reproduktionen, ebenfalls schatten grau. So entsteht ein schönes und ein wenig melancholisches Bild davon, wie hier einmal eine außergewöhnliche Familie gelebt hat.

"Die Familie wusste zu feiern"

Beckstette: "Ich glaube, Martha Dix hatte es hier einfacher. Sie hat sich in die Gartenarbeit gestürzt und hat es auch genossen, im Bodensee zu schwimmen. Otto Dix hat sich, glaube ich, hier schon wie ein Fremdkörper gefühlt. Vielleicht hat er deshalb auch den Kontakt zu Dresden nicht ganz abgebrochen. So ganz ohne Großstadt wird er wohl nicht gekonnt haben."

Allzu traurig wird es in dem Haus aber nicht zugegangen sein. Der Maler und seine Familie wussten zu feiern. Bei der Sanierung wurden im Keller Wandmalereien gefunden, die bisher unbekannt waren.

Jan Dix: "Faschingsfeste wurden ja schon nach dem Krieg, Ende der 40er-Jahre gefeiert, aber oben, in der Halle und so. Und später kam er eben auf die Idee, man könnte es auch im Keller machen. Irgendjemand hat den Papi überredet, er soll doch hier die Wände anmalen, und das hat er dann auch bereitwilligst getan."

Beckstette: "Man sieht, wie das für eine Party üblich ist, so ein Wesen, das Musik macht, es gab natürlich auch Musik, es musste getanzt werden."

Jan Dix: "Ja, da ging´s hoch her, der war voll, der Keller. In der Waschküche waren die Getränke und die Suppe, die da extra gekocht wurde, ne Gulaschsuppe wurde gekocht. Musik schon vom Tonband, ich hatte ein Tonbandgerät."

Beckstette: ""Es gab ein 'Hansele', eine Figur aus der alemannischen Fastnacht, die im Werk von Otto Dix in dieser Zeit eine große Rolle spielt. Es gibt Füße, die auf einen Film mit Alec Guinness verweisen. Es ist natürlich nicht so, dass diese Werke gleichbedeutend sind mit den Hauptwerken von Otto Dix, wie das "Großstadt-Triptychon" oder "Anita Berber". Aber gleichzeitig zeigen sie, welchen Stellenwert das Haus auch hatte, im Zusammenleben, in der Kunstproduktion. Dass der Ort, wo man wohnt, wo man feiert, gleichzeitig auch ein Ort ist, wo man Kunst produziert – dass Kunst und Leben bei Dix ineinander fallen. Das ist schon ein interessantes Zeugnis, wie sehr dieses Haus auch von einer Künstlerfamilie betrieben wurde."

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