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Profil / Archiv | Beitrag vom 22.01.2008

"Ich musste diesen Film machen"

Filmemacherin Anna Ditges über ihre Hommage an die Dichterin Hilde Domin

Von Maria Riederer

Hilde Domin bei einer Pressekonferenz in Zürich 1969. (AP Archiv)
Hilde Domin bei einer Pressekonferenz in Zürich 1969. (AP Archiv)

"Ich will dich – Begegnungen mit Hilde Domin" heißt der erste große Dokumentarfilm von Anna Ditges. Die 29-Jährige hatte die Dichterin Hilde Domin, die 2006 mit 96 Jahren starb, einfach angerufen. Seit Monaten lockt ihr Film überall in Deutschland Menschen in die Kinos. Nun ist er in die Vorauswahl für den Deutschen Filmpreis gekommen.

" Als mir in einer Buchhandlung die Gedichte von Hilde Domin in die Hände gefallen sind und ich die gekauft und gelesen hatte, war ich so begeistert und bewegt, dass ich dachte, die Frau musst du kennenlernen. "

Vor Anna Ditges, auf ihrem Küchentisch, steht ein großer Milchkaffee. Sie wirkt ein wenig erschöpft. Schon wieder hat sie ein ganzes Wochenende in Zügen und Kinosälen verbracht, um ihren Film in verschiedenen deutschen Städten vorzustellen. "Ich will dich – Begegnungen mit Hilde Domin". Die Anfänge der Dreharbeiten liegen drei Jahre zurück.

" Ich hab sie dann angerufen, hatte sie direkt am Apparat, was mich total erstaunt hat, und dann hab ich ihr erzählt, ich würde sie unglaublich gerne kennenlernen. Und dann sagte sie – ja, können wir im Prinzip machen, ist da sonst noch was? Und da meinte ich halt – ja, ich bin auch Filmemacherin und ich könnte mir vorstellen, dass ich einen Film mache über Sie. - Ja, könnte sie sich vorstellen. "

Das erste etwas unsichere Zusammentreffen der beiden Frauen bildet auch den Beginn des Filmes und sagt nicht nur über Hilde Domin, sondern auch über Anna Ditges viel aus. Die junge Filmemacherin fängt einfach an. Sie dreht alleine, ohne Team. Zwei Jahre arbeitet sie ohne finanzielle Unterstützung eines Senders. Der WDR und die Filmstiftung NRW steigen erst im dritten Jahr in das Projekt ein. Es ist ein Wagnis.

" Ich musste diesen Film machen, es war einfach ein Bedürfnis. Obwohl ich keine finanziellen Mittel hatte, hab ich den Film weitergemacht und mich finanziert, indem ich Kamera und Schnitt für andere gemacht habe. "

Drei Jahre - weitgehend allein - an einem Film zu arbeiten, zeugt von großem Durchhaltevermögen. Und von starkem Interesse an ihrem Gegenüber und dessen Geschichte. Schon als Kind war Anna Ditges immer neugierig auf wahre Geschichten.

" Ich hab sehr gerne Dokumentarfilme geguckt im Fernsehen, ich hab aber auch mich sehr gerne mit anderen Menschen unterhalten, mit älteren, mit Erwachsenen, und hab versucht, mir vorzustellen, wie die früher gelebt haben. Und fand es eben spannend, mich in andere Welten hineinzubegeben. "

Man sieht der zierlichen jungen Frau mit der sanften Stimme nicht auf den ersten Blick an, mit welcher Energie und Hartnäckigkeit sie ihren Weg geht. Anna Ditges, 1978 in Bonn geboren und dort mit zwei Schwestern aufgewachsen, ist schon mit 16 Jahren in die Welt gezogen und absolvierte ihr Abitur in Spanien. Zurück in Deutschland bewarb sie sich an der Kunsthochschule für Medien in Köln - zunächst in den Fächern Fotografie und Text.

" Ich bin natürlich jemand, der das Bild sehr schätzt, und ich fotografiere auch sehr gerne, ich hab auch schon als Jugendliche sehr gerne fotografiert, und den Film hab ich dann erst während des Studiums für mich entdeckt, dass ich mich eben auch filmisch ausdrücken kann. "

Nach einem Praktikum in Honduras und einer Reise durch den Regenwald drehte Anna Ditges einen Film über Frauen eines Indio-Stammes. In ihrem Abschlussfilm an der Hochschule für Medien ging es um eine russlanddeutsche Familie und den Konflikt der Generationen. Immer steht der Mensch im Mittelpunkt. Meistens Frauen.

" Es war eigentlich nicht meine Absicht, mich besonders mit Frauen auseinanderzusetzen. Es hat sich eben so ergeben, weil das Dinge waren, die mich interessiert haben, und ich würde jetzt nicht sagen, dass ich eine Spezialistin für das Thema jung und alt bin, aber das Thema Alter, Tod hat mich schon immer interessiert. "

In "Ich will dich", dem Film über Hilde Domin, hat die Filmemacherin besonders genau hingesehen. Sie wollte diese alte Frau und Künstlerin mit ihrer bewegten Geschichte aus der unmittelbaren Nähe zeigen.

Szene aus dem Film:
H.D. Und jetzt willst du mich so von Nahem aufnehmen, das geht nicht. Man kann nicht einen 90-jährigen Menschen so behandeln als wäre er 40 oder 20. Das geht nicht.
A.D. Aber man guckt dich so gerne an.
H.D. Ja, weil wir uns mögen, deswegen schauen wir uns gerne an. Weil wir uns mögen.

" Wenn man einen Dokumentarfilm macht, ist es, glaube ich, sehr, sehr wichtig, jemanden so zu sehen, wie er ist – ok, wie er für mich ist, ja? Aber ihn dann auch so aufzunehmen und auch nachher im Schnitt wirklich ein Gefühl für den Menschen in den Zuschauern hervorzurufen, und dass über diesen persönlichen Zugang auch ein Zugang zu Inhalten geschaffen wird, den ich sonst so nicht erreichen würde. "

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