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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 27.08.2008

"Ich möchte im Leben bleiben!"

Das Mehrgenerationenwohnhaus "Amaryllis" bei Bonn

Von Brigitte Vankann und Ulrich Gineiger

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Zwei Menschen unterschiedlichen Alters (AP)
Zwei Menschen unterschiedlichen Alters (AP)

Längst entscheiden ältere Menschen selbst, wie sie sich ein Wohnen im Alter vorstellen. Das klassische Seniorenheim ist dabei für viele nur noch eine Notlösung. Eine Alternative bieten die Mehrgenerationenwohnhäuser. Eine Wohnform, in der alte und junge Menschen miteinander leben. Nach zehnjähriger Planung entstand auf dieser Grundlage das Projekt "Amaryllis":

Ein Mehrgenerationenwohnhaus in Vilich-Müldorf bei Bonn. Im Spätsommer 2007 zogen 47 Erwachsene und 20 Kinder in die Gebäude ein. Sie waren voller Hoffnungen und Erwartungen. Was ist daraus geworden? Wie sehen sie die mittlerweile eingetretene Realität des Alltags?

"Da bin ich mit dem Wagen und vielen Helfern..."

Daniel Hörnemann springt wie ein aufgeregter Junge aus dem LKW, der mit dem ganzen Hausrat der Familie beladen ist. Hörnemann, 42 Jahre alt, und seine Frau Jennifer, 38, ziehen mit der gemeinsamen 6-jährigen Tochter in das Mehrgenerationenwohnhaus "Amaryllis" bei Bonn. Es ist Anfang Oktober 2007.

Der Wagen steht vor den drei neuen, in warmen Gelb- und Orangetönen gestrichenen Gebäuden. Zwischen den Häusern liegt noch eine Mondlandschaft, der spätere Gemeinschaftsgarten. Oben im ersten Stock befinden sich kleine Terrassen, die durch eiserne Brücken von Haus zu Haus verbunden sind - dieses Detail verrät den besonderen Charakter der Anlage: Wer hier einzieht, wohnt anders als der Normalbürger. Die Erwartungen sind hoch gesteckt.

"Unser Ziel ist es, mit vielen Leuten zusammenzuwohnen und nicht als Paar mit Kind irgendwo vereinzelt. Die Erwartungen sind ja erst mal, dass man viele Sachen gemeinsam entscheidet. Also, das ist eine Gemeinschaft von 44 Erwachsenen und 21 Kindern, die ein Gebiet gemeinsam entwickelt haben und auch weiterhin entscheiden, wo welcher Baum hinkommt und was man für Feste macht und so, und das finde ich spannend."

Ein halbes Dutzend Helfer lädt die Möbel aus, mit freundlicher Neugier nehmen die bereits Eingezogenen Anteil oder packen mit an - Kinder, Nachbarn im Großelternalter - oder die mittlere Generation wie Jennifer Hörnemann:

"Einfach ein wunderbares, gemeinschaftliches Miteinander, also wo jeder jeden unterstützt, man voneinander lernt und sich einfach nur gut tut. Also, selbst durch Konflikte zu gehen ist: Sich es gut gehen lassen, weil man die Dinge bewusst und vorausschauend durchprozessiert - in dem Sinne."

Doch das ist zu diesem Zeitpunkt noch Wunschdenken. Und Wünsche gibt es viele. Da wären die Nachbarn im Großeltern-Alter, die aber nie Enkel haben werden. In dieser Wohnform erwartet sie ein Leben, in dem der Wunsch nach Enkeln in anderer Form wahr werden kann.

Die Helfer schleppen den Hausrat in den ersten Stock. Die Wohnungen in den drei Häusern sind unterschiedlich groß geschnitten, vom Ein-Zimmer-Appartement bis zum Eck-Reihenhaus. Nun beginnt - für die, die bereits eingezogen sind - das Hineintasten in den gemeinsamen Alltag. Clemens Rohloff, Sprecher von Amaryllis:

"Es gibt 32 Wohneinheiten in diesen drei Häusern. Und von diesen 32 Wohneinheiten wird heute die 18. bezogen, von dem Ehepaar Hörnemann mit der Tochter Emma Louise. Die 19. zieht im November, also im nächsten Monat, ein. Dann sind die ersten Häuser komplett bezogen mit 19 Parteien und die anderen - 13 wären das - ziehen ins Haupthaus, das nennt sich dann 5c. Das sind dann vorwiegend Einzelappartements - Appartements für Einzelpersonen - meist auch Ältere als hier in den anderen beiden Häusern. Und dann werden wir im Januar, spätestens zum 1. Februar, komplett sein.

Ich denke, wir haben beispielsweise einen Gemeinschaftsraum, in dem wir dann künftig gemeinsam unsere Versammlungen durchführen werden. Und da werden wir Feste feiern, werden wir Veranstaltungen organisieren auch im Hinblick auf unsere unmittelbare Nachbarschaft und den Ort hier, Vilich-Müldorf. Und ich denke, da werden wir ganz dolle Erfahrungen gemeinsam machen.

Oder es werden die musikalischen und kulturellen Aktivitäten der einzelnen zur Vorstellung kommen, die wir jetzt noch nicht kennen und sehen - die Kinder werden beispielsweise Musik machen und Theater spielen - und da erst erleben. Und ich meine, wenn wir daran teilnehmen, ich glaube das wäre so ein Höhepunkt."

Vier Monate später. Es ist Januar 2008. Noch sind Teile des Geländes eine Baustelle - doch das Leben ist eingekehrt. Morgens starten viele zur Arbeit, andere gehen einkaufen, bringen Kinder bei Nachbarn unter. Nur zwei Wohnungen stehen unvermutet leer. Manchmal spielt das Leben anders als geplant. Clemens Rohloff:

"Die Genossenschaft hat sich gefunden im Laufe dieser letzten zweieinhalb Jahre. Es hat einen Fall gegeben, in dem ein Mitglied der Genossenschaft den Genossenschaftsanteil trotz großen Bemühens nicht aufbringen konnte. Der beträgt immerhin – gut, also, ich kann als Beispiel sagen:

Ich mit meiner Frau habe für eine gut 80 Quadratmeter große Wohnung einen Genossenschaftsanteil von 35.000 Euro hinblättern müssen, nur damit die Genossenschaft überhaupt in der Lage war, das Grundstück zu erwerben und den Bau starten zu können.

Und eine junge Frau, eine alleinerziehende Mutter mit einer jungen Tochter, die war also trotz vielen Hin- und Herüberlegens schließlich nicht in der Lage, den Genossenschaftsanteil für ihre Wohnung aufzubringen. Sie hat zurückgezogen. Im zweiten Fall gab es eine Frau, die eine schwere Krebsoperation hinter sich hatte mit diversen Chemotherapien. Die hat es nicht erlebt."

Wie geht es nun weiter - eine eigene Satzung regelt, wie die Gemeinschaft auf solche Situationen reagiert. In der Satzung heißt es:

"Stirbt ein Mitglied, so geht die Mitgliedschaft auf die Erben über - insbesondere bleiben den Erben die unwiderruflichen Optionsrechte auf Erwerb einer Eigentumswohnung erhalten."

In diesem Fall gab es keine Erben. Und so entschied die Warteliste: Ein Ehepaar, das sich für das Wohnprojekt interessierte und das auch gut zur Gemeinschaft zu passen schien, sollte nachrücken.

Zu diesem Zeitpunkt machen sich im zehn Kilometer entfernten Siebengebirge zwei ältere Herrschaften reisefertig: Gisela und Günter Rubbert sehen ein wenig so aus, als hätten sie Lampenfieber. Mit Mitte 70 zieht man nicht mehr so leicht um, vor allem nicht in eine Wohnform, die anders beschaffen ist, als alles, was man bisher gekannt hat.

Seit 40 Jahren leben sie in einem freistehenden Einfamilienhaus mit einem 800 Quadratmeter großen Garten am Rande eines Naturschutzgebietes. Traumhaft schön, doch all das macht im Alter zu viel Arbeit. Nun sind die Koffer gepackt, die Entscheidung ist gefallen, es gibt kein zurück mehr. Vor dem Umzug. Ein letztes Mal läutet die Nachbarin. Es ist gar nicht so leicht, beim Abschied den richtigen Ton zu treffen - zumal, wenn man einen Klos im Hals sitzen hat.

"Ja, liebe Rubberts, letzter Abend: Ich wollte mich halt ganz kurz verabschieden nach all den vielen Jahren, die wir hier zusammen verbracht haben. Und wenn ich wiederkomme, ist das Haus leer, ganz komisch."

Vor dieser großen Entscheidung haben sie lange das Für und Wider abgewogen.

"Unser Wunsch ist natürlich, dass wir niemandem zur Last fallen. Wie die Realität aussieht, dass wissen wir natürlich nicht. Und wir wollten uns einfach dieses Umfeld erhalten, das hat ganz viel Bedeutung. Und für mich war auch wichtig, irgendwo hinzuziehen, wo es Kinder gibt. Es ist natürlich, wenn wir hier weggehen, auch Wehmut dabei, ist klar, das würde ich auch nicht verschweigen. Es ist im Moment so ein Schwanken. Was ich schön finde: Wir wohnen ja Parterre. Und dieser Gemeinschaftsgarten erlaubt mir hoffentlich auch, einfach etwas zu sähen. Ich liebe es, etwas zu sähen, habe schon Samen gesammelt hier im Garten von Blumen und so und hoffe, da was aussähen zu können. Das sind Ringelblumensamen und Malvensamen, ich liebe diese Stockrosen so sehr."

"Tja, mein schönes Atelier muss ich aufgeben. Da bietet sich jetzt aber an, dass ich jetzt so ein Zimmer mit einem anderen zusammen mieten kann, und dann bin ich eigentlich beruhigt. "

Die Art, in der Günter Rubbert von seinem Atelier spricht, zeigt deutlich, wie sehr er an seiner Arbeit hängt - und zwischen den Zeilen wird etwas Bangen deutlich.

Zum selben Zeitpunkt in der Wohnanlage Amaryllis. Fast alle Wohnungen sind bezogen:15 Jahre, nachdem die Idee entstand, und nach gut zwei Jahren intensiver gemeinsamer Vorarbeit. Alle, die hier wohnen, haben sich längst vor ihrem Umzug kennengelernt - und: Man weiß auch um den Lebensplan der Nachbarn. Der des knapp 60-jährigen Clemens Rohloff:

"Das heißt, wir wünschen uns eine Umgebung, in der es Kinder gibt, wo wir mit verfolgen können, dass eine neue Generation heranwächst und wo wir uns dann langsam verabschieden, mal so etwas poetisch gesagt."

Die Motive, sich auf ein solches Projekt einzulassen, sind so vielfältig wie die Menschen, die hier wohnen: Bei manchen ist es die Flucht aus der Einsamkeit, bei anderen die Abneigung gegen die Distanzlosigkeit einer Wohngemeinschaft, oder einfach, weil man das schlechte soziale Umfeld nicht mehr ertragen konnte - der 27-jährige Marcus Dannenberg wohnte in einem Problemviertel:

"Also da wurde keine Rücksicht genommen, weder von den Mietern, die da wohnen, als auch noch vom Vermieter selber. Also, Ruhestörung und Sachbeschädigung wurde halt nicht nachgegangen. Und deshalb haben wir irgendwann gesagt: So, wir suchen uns jetzt was anderes. Weil: Auf Dauer kann man das nicht."

Andere gaben ihre Wohnform auf, weil ihnen die Zeit davonläuft.

"Ich lebe seit 31 Jahren sowieso allein, weil ich geschieden bin. Das habe ich aktiv beenden wollen. Und ich habe auch aktiv nach diesen Konzepten gesucht. Ich hatte Hoffnung, dass zu schaffen, nur mir lief die Zeit davon. Ich werde nächsten Monat 74, also musste ich zusehen, dass ich für mich sorgte."

Auch Ängste vor dem Leben im Altenheim können ein Grund sein:

"Ich muss sagen, als ich durch die Gänge ging, da habe ich gedacht: O weia, hier möchte ich nicht so gerne rein, ich möchte lieber mitten im Leben bleiben."

Und so haben sie sich zu einer Gemeinschaft verschworen, in der zwar jeder seine eigene Wohnung hat, aber das Leben doch gemeinsam gemeistert werden muss. Es gibt Gemeinschaftsräume, Versammlungsräume und eine Küche mit großem Arbeitsbereich.

Es ist April dieses Jahres. Einmal in der Woche bereitet ein wechselndes Kochteam das Mittagessen vor. Mit dabei sind Silke Gross, 53 Jahre, Helga Ahrenhövel, 74 und die 85jährige Ursula Tietgen. Es stimmt eben nicht, dass viele Köche den Brei verderben. An diesem Frühlingstag stehen Rohkost, Kartoffeln und Kräuterquark auf der Karte, danach Großmutters Schokoladenpudding. Zuvor waren sie einkaufen mit einem der wenigen Autos.

"Also, wir zählen dann, wie viele Leute wir haben. Wir hatten heute 24 Anmeldungen mal 2,50 Euro. Das gibt knapp 60 Euro. Und mit dem Portemonnaie bin ich heute früh losgegangen, und meist ist hinterher mehr in der Kasse."

Car-Sharing ist für viele eine vollkommen neue Erfahrung:

"Also das klappt erstaunlicherweise unwahrscheinlich gut. Zu Anfang hatten wir ein bisschen Manschetten davor, dass das nicht läuft. Aber das klappt sehr gut, es haben ja schon viele Leute ihr Auto verkauft. Wir haben ja auch dieses Car-Sharing-Modell hier entwickelt und weniger Stellplätze gebaut."

Diese andere Wohnform hat als rechtliche Basis den Status einer Genossenschaft. Die Bewohner zahlen zunächst einen genossenschaftlichen Pflichtanteil, der sich nach der Wohngröße richtet und ein lebenslanges Wohnrecht garantiert. So sind für eine 80 Quadratmeter-Wohnung um die 35.000 Euro zu bezahlen. Mit dem Einzug ist dann monatlich eine Warm-Miete von zehn Euro pro Quadratmeter zu entrichten, dabei bleibt die Genossenschaft Besitzer der Wohnung.

Entschieden werden solche Regularien in einer Reihe von Arbeitsgruppen, die - vergleichbar einem Kommunalparlament - abstimmen über Baugestaltung und Auftragsvergabe, über die Gestaltung der Außenanlage - oder der Frage, welche neuen Mieter in die Gemeinschaft passen.

Eine von diesen "jung" zugezogenen Mietern ist die 74-jährige Helga Ahrenhövel, die zuvor in der Küche half. Ihr gemütliches Appartement ist überschaubar, Bücher und Gläser im Regal, ein runder Esstisch. Helga Ahrenhövel hatte eine Art Einstandsproblem. Alle paar Minuten läutete anfangs jemand an der Tür. Wegen Kleinigkeiten - oder nur, um zu sehen, wie sie wohnt.

"Ich hatte anfangs das Gefühl, dass ich mich zu sehr vereinnahmen ließe. Ich habe ein solches Verpflichtungsgefühl gehabt. Da habe ich gedacht: Ne, also wieso, du bist doch hier kein zoologischer Garten, du bist hier nicht ausgestellt, das willst du nicht. Das wurde auch zur Kenntnis genommen, zumal ich auch für mich ganz eindeutig Ruhepausen beanspruche. Das heißt, in der Mittagszeit schellte es, und dann hatte ich ein mürrisches Gesicht. Es war eindeutig, dass ich aufgestanden war, und dann habe ich das explizit gesagt."

Manchmal, wenn sie aus dem Fenster blickt und Kindern beim Spielen zuschaut, bekommt sie leuchtende Augen.

"Und da gucke ich gerne zu, denn das ist mir ja nicht vertraut, das kenne ich nicht, weil ich ja keine Enkelkinder habe und da ein ganz starkes Potenzial von Sehnsucht habe. Nur: Ich stürze da nicht drauf zu, sondern ich gönne mir die Zeit abzuwarten, das die mich auswählen. Ich betone das, ich will sie ja auch einfangen, dass ist ja ganz eindeutig."

Sie ist nicht die einzige. Clemens Roloff zum Beispiel ist sogenannter Nenn-Großvater eines kleinen Mädchens, dessen echte Großeltern zu weit weg zu Hause sind. Die Tücken, die das Wohnprojekt Amaryllis im gelebten Alltag bereit hält, kommen unvermutet - wie in diesem Fall:

"Das gab natürlich gewisse kleine Eifersüchteleien. Als das Kind ein paar Monate alt war, wurde also ein Namenfest gefeiert, da waren dann die leiblichen Großeltern da und wir auch. Da gab es dann so eine Szene, dass das Kind dann sozusagen wie selbstverständlich auf meinen Arm ging, auf den Arm der anderen Eltern erst einmal nicht."

Es gehört zu den Geburtswehen dieses Projektes, dass sich in den ersten Monaten jeder Teilnehmer in der gemeinsamen Arbeit öffnet und dabei auch Schwächen zeigt. Dies zuzulassen und die eigene Position in der Gemeinschaft zu finden, ist nicht einfach, weiß Daniel Hörnemann:

"Es ist aber auch klar, dass sich jeder fragen muss: Möchte ich hier wohnen, ist es wirklich die Wohnform, die ich haben möchte? Denn es geht hier nicht, aus meiner Sicht, hier einfach nur zur Miete zu wohnen und dann außen vor zu bleiben. Das würde anstrengend werden, sowohl für den einzelnen wie für die Gemeinschaft.

Das heißt, jeder muss sich immer wieder fragen: Will ich an dieser Gemeinschaft teilnehmen, will ich auch soviel von mir zeigen? Weil die anderen natürlich alles genau mitbekommen - auch, was sind meine Stärken, was sind meine Schwächen?

Zum Beispiel die Abgrenzung: Wenn ich jetzt zum Beispiel sehe, dass draußen viele arbeiten, und es ist schönes Wetter, und man müsste eigentlich rausgehen und arbeiten. Jetzt ist es aber - wenn ich es bei mir nachprüfe - will ich gar nicht draußen arbeiten, sondern ich will etwas hier drinnen machen oder will etwas für mich machen - nichts was jetzt Job, Geldverdienen ist, wo man dann ja immer ein Argument hat - und das ist ja dann schon was, was andere mitbekommen.

Das kriegt man ja mit, und das ist ja auch o.k., und das wird toleriert. Aber es ist gleichzeitig etwas, das Unsicherheit erzeugt und wo ich für mich einfach lernen möchte, dazu zu stehen, ohne mich abzuschotten."

Sommer 2008. Die Anlage ist nun so gut wie fertig, der Alltag ist Normalität. Nun treffen wir die Familie Rubbert wieder - jenes ältere Ehepaar, das ein großes Haus und einen riesigen Garten aufgab, um der Wohngemeinschaft Amaryllis beizutreten.

Die Erzieherin und der Architekt - er bangte noch ein halbes Jahr zuvor, ob er seine geliebte Malerei im neuen Zuhause würde fortsetzen können. Und sie - Gisela Rubbert - musste sich erst daran gewöhnen, dass man den Garten vor der Wohnungstür nicht mehr "einfach so" gestalten kann - die Gemeinschaft entscheidet! Nach eigenem Gusto bepflanzen dürfen sie nur eine winzige Zelle.

"Wir bekommen ja im Grunde genommen einen Streifen von 1,50 Meter. Und da kann man eigentlich nur ein paar Blümchen setzen, das auch der Ausblick auch aus dem Wohnzimmer schön ist."

Keine hundert Meter entfernt rauscht die S-Bahn vorbei. Bis zur nächsten Haltestelle sind es nur fünf Gehminuten. Auf die Frage, ob er im neuen Atelier wieder angefangen habe zu malen, kommt eine leise Antwort.

"Ja. Ich könnte, aber ich tue es noch nicht."

In der Zwischenzeit war Günter Ruppert am Herzen erkrankt, er befindet sich auf dem Weg der Besserung. Um wieder malen zu können, sagt er, bedarf es eines inneren Prozesses. Er geht nicht näher ins Detail. Das beide aber noch keinen Grund haben müssen, sich alt zu fühlen, dass haben sie verstanden, als sie die über 80-jährigen Mitbewohner arbeiten sahen:

"Aber da sind ja zwei noch viel ältere Damen drüben, die sind ja Standbilder für Selbsthilfe, also wirklich: Da kann ich mich nur wundern, was die so können, zum Beispiel: Eine Dame ist 85, und während ich mich noch bemühe, da im Garten auf den Knien noch ein bisschen herum zu harken, sehe ich die drüben mit der Spitzhacke arbeiten. Dann stehe ich da staunend vor."

Ein halbes Jahr nach ihrem Einzug - war die Entscheidung richtig? Sie lehnen sich zurück, atmen durch, ja, sagt Günter Ruppert, als er krank war, haben sich alle rührend gekümmert. Das Leben hat gewonnen an Sicherheit, an Ansprache und sozialem Austausch, und auch die Regularien des Alltags sind leichter zu organisieren. Doch Gisela und Günter Ruppert haben auch einen hohen Preis gezahlt:

"Der eigene Garten, Platz im Haus, um sich auszubreiten, ein gewisses Maß an Anonymität - andere haben auch ihr Auto verkauft. So viele Dinge des Lebens, die bisher der eigenverantwortliche Mensch entschied, bedürfen plötzlich der Zustimmung der Gemeinschaft."

"Mein Wohngefühl ist gut. (Schmunzeln.)"

"Das betont er so. (Lachen.) Ja, ich habe mich schon sehr umstellen müssen. Ich habe den Garten vermisst, zum Beispiel, einfach so einmal herauszugehen - und mal hier einen Zweig abschneiden, und mal da..."

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