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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 11.10.2010

"Ich liebe Deutschland"

Vor 125 Jahren wurde der Schriftsteller und Publizist François Mauriac geboren

Von Eberhard Spreng

Aufgeschlagenes Buch mit Lesebrille (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Aufgeschlagenes Buch mit Lesebrille (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Der Literaturnobelpreisträger François Mauriac ist eine der herausragenden Figuren der französischen Literatur. In seinem Werk spannt sich ein weiter Bogen vom psychologisch subtilen aufgeschlüsselten Drama bis zur politischen Publizistik.

"Ich liebe Deutschland. Ich liebe es so sehr, dass ich zufrieden bin, weil es gleich zwei Deutschland gibt." Dieser oft zitierte Satz stammt von dem französischen Publizisten und Romancier François Mauriac. In seinem Werk spannt sich ein weiter Bogen vom frommen Katholizismus seines ersten Buches noch vor dem Ersten Weltkrieg bis zur kritischen Analyse der französischen Politik der Nachkriegsjahrzehnte; vom psychologisch subtilen aufgeschlüsselten Drama bis zur politischen Publizistik. Der Literaturnobelpreisträger ist einer der herausragenden Figuren der französischen Literatur. Vor 125 Jahren wurde er in Bordeaux geboren; Eberhard Spreng erinnert an François Mauriac.

"Diesem Jungen genügten eine Terrasse am Ende von drei Laubengängen und die Garonneebene zu seinen Füßen, um still seine Augen umherwandern zu lassen. Da gelang es ihm, sich in sich selbst zu vertiefen, sich selbst zu betrachten, den eigenen Blick zu ertragen, sich selbst zu erkennen."

In seiner Autobiografie "Commencements d'une vie" schildert der am 11. Oktober 1885 in Bordeaux geborene Romancier François Mauriac seine Jugendzeit auf dem Château Malagar. Er war der das fünfte Kind in einer wohlhabenden Familie, auf deren Weingut viele der späteren Romane entstehen sollten. Romane, mit denen er weltberühmt wurde und die ihm den Literatur-Nobelpreis einbrachten: Geschichten voller provinzieller Enge, familiärer Beklemmungen, rigoroser Tabus und versteckter Leidenschaften.

"Heute ist mir bewusst, dass ich als Kind die Erwachsenenwelt unglaublich aufmerksam beobachtete. Meine Mutter sagte mir immer: 'Du hängst mir immer an den Rockzipfeln, geh doch, bleib doch nicht immer bei den Erwachsenen'. Bis heute habe ich eine sehr lebendige Erinnerung an die kleine ländliche Welt, in der ich aufwuchs und aus der fast mein ganzes Romanwerk entsprungen ist."

Nach einer katholischen Privatschule in Bordeaux besucht er das Ordenskolleg der "Bruderschaft der Heiligen Maria". Mit seinem Erstlingswerk "Les Mains jointes" ("Die gefalteten Hände") voller frommer Gedichte wird man 1909 auf ihn aufmerksam. Schnell wird dem jungen, vorübergehend in den Pariser Salons verkehrenden Talent klar, dass sein Weg im so genannten Renouveau Catholique, der katholischen Erneuerungsbewegung liegt.

"Meine Literatur ist geprägt von meinem christlichen Denken, wobei das Hauptaugenmerk auf dem Heilsdrama liegt. Das ist eine eher jansenistische Variante des Katholizismus. Andererseits ist sie geprägt von meinem Interesse am Drama des Menschseins, das mich seit meiner Kindheit begleitet. Jedes Leben und jede Familie sind dramatisch; Beziehungen zwischen Menschen sind dramatisch."

Eine junge Frau, die an der Seite ihres unheilbar kranken Mannes zur Märtyrerin wird, steht im Zentrum seines Romans "Le Baiser au Lépreux". Eine äußerste menschliche Vereinsamung als Konsequenz eines nie erfüllten Liebesverlangens erzählt "Le Désert de l'Amour" - zu deutsch "Die Einöde der Liebe"; einen Rückblick auf ein von Hass geprägtes Leben schildert "Le Noeud de Vipère" ("Natterngezücht"). Fast immer geht es dabei um die Bigotterie und Geistesenge des französischen Provinzbürgertums in den "Landes", der Heimat des Dichters, deren Figuren er mit psychologischer Präzision zum Leben erweckt.

"Obwohl ihr die Abende unendlich lang vorkamen, trat sie gelegentlich noch vor der Dämmerung den Rückweg an, aber bei ihrem Anblick nahm eine Mutter ihr Kind bei der Hand und stieß es unsanft in ein Bauernhaus, oder ein Kuhbauer, den sie mit Namen kannte, ließ ihren Gruß ohne Erwiderung. Ach! Wie gut wäre es gewesen, sich zu verlaufen, in einer bevölkerungsreichen Stadt zu verschwinden!"

Mauriacs wohl berühmteste Romanfigur Thérèse Desqueroux ist, wie man gelegentlich bemerkt hat, seine "Madame Bovary". Verdruss, Frustration und die Enge der Ehe mit ihrem trägen Mann treiben die leidenschaftliche und kluge Thérèse in einen Mordversuch. Aber es ist nicht sie, die Mauriac anprangert, sondern die Verhältnisse, in denen sie lebt. Und so wie Gustave Flaubert einst sagte: "Madame Bovary, das bin ich", vermutete man auch bei Mauriac eine geheime Identifikation mit seiner Protagonistin.

"Natürlich kann man sagen: Thérèse Desqueyroux, das bin ich, oder das wäre ich, wenn ich kein glücklicher Ehemann und Familienvater gewesen wäre. Die Figur ist eine Möglichkeit des François Mauriac, aber sie ist nicht ganz er selbst."

Der streitbare, der soziale Katholik Mauriac hatte sich seit dem Ende der 30er Jahre auch als politischer Autor profiliert. Er schrieb seine Polemiken gegen die Katholiken der "Kollaboration" in dem Résistance-Blatt "Cahier Noir", später war er Leitartikler des konservativen "Figaro" bis er dort mit seinen regierungskritischen Äußerungen gegen die Kolonialpolitik Frankreichs und die Folter in Algerien aneckte: Seine politischen Feinde bewirkten das Ende seiner Mitarbeit in dieser Tageszeitung.

Als François Mauriac am 1. September 1970 starb, war aus dem konservativen Katholiken längst ein christlicher Demokrat geworden, dem an einer republikanischen Bewegung gelegen war und einem an sozialen Fragen orientierten Katholizismus.

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