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Thema / Archiv | Beitrag vom 12.05.2010

"Ich kann doch nicht die sozialistische Frau kreieren"

Dorothea Melis, Moderedakteurin der DDR-Zeitschrift "Sybille", über Mode- und Frauenbilder in der DDR

Dorothea Melis im Gespräch mit Frank Meyer

 Titel der Erstausgabe der "Sibylle" 1/1956 mit einem Foto von Goethe (Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte)
Titel der Erstausgabe der "Sibylle" 1/1956 mit einem Foto von Goethe (Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte)

Als die DDR-Zeitschrift "Sybille" anfing, Mädchen mit kurzen Röcken abzubilden, habe es massiven Einspruch gegeben. Man fand, "dass es unwürdig wäre für Frauen in der DDR, die Beine zu zeigen, sich wie Sexobjekte zu gerieren", erinnert sich Moderedakteurin Dorothea Melis anlässlich der Ausstellung "Sibylle – Modefotografie und Frauenbilder in der DDR" im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte in Potsdam.

Frank Meyer: Dorothea Melis hat den Minirock in die DDR geholt und sie hat auch sonst die Modeszene in der DDR mitbestimmt, fast zehn Jahre lang als leitende Moderedakteurin in der Zeitschrift "Sibylle", und danach 20 Jahre lang bei der Luxus-Modemarke Exquisit. Einen Rückblick auf die Modeszene und die Frauenbilder in der DDR gibt es ab morgen mit einer Ausstellung in Potsdam, und wir wollen jetzt mit Dorothea Melis über dieses Thema reden. Seien Sie herzlich willkommen!

Dorothea Melis: Hallo!

Meyer: Wie hat sich denn die Staats- und Parteiführung der DDR dazu geäußert, als Sie 67 den Minirock in der Modezeitschrift "Sibylle" abgebildet haben und damit gewissermaßen in die DDR geholt haben?

Melis: Anfangs, glaube ich, wurde das gar nicht richtig bemerkt, aber dann, als wir des Öfteren Mädchen mit kurzen Röcken abgebildet hatten, gab es massiven Einspruch, und zwar fand man, dass es unwürdig wäre für Frauen in der DDR, die Beine zu zeigen, sich wie Sexobjekte zu gerieren, also bitte, das doch nicht. Und ich habe da mitunter großen Ärger gehabt. Aber eins muss ich noch sagen: In der DDR gab es insgesamt eine gewisse Intoleranz, gerade der Mode und Neuem gegenüber. Ich versuche mir das zu erklären, weil die Menschen eingesperrt waren, weil sie eingeengt waren und nicht den freien Blick hatten und wahrscheinlich Verlustgefühle, und darum dann so aggressiv reagierten, nämlich auf mich selbst. Ich war ja sehr jung und habe natürlich jede Mode mitgemacht, und meine Röcke waren auch kurz. Und da sagte dann ein Kollege von mir: Ich finde es unwürdig, wie du umhergehst, es tut mir leid, du bist doch eine kluge, gebildete Frau, hast du denn das nötig?

Meyer: Das heißt, es gab nicht nur Einspruch vonseiten der staatlichen Aufsicht sozusagen, sondern auch von ganz normalen Leuten?

Melis: Ja, ja, das war der Layouter von der Zeitschrift, der es unwürdig fand, dass ich – jung wie ich war und schlank –, dass ich eben meine Beine zeigte.

Meyer: Wenn wir beim gesellschaftlichen Gefüge DDR bleiben: Was für ein Platz hatte denn da überhaupt so ein Phänomen wie eine Modezeitschrift – "Sibylle" eben, Zeitschrift für Mode und Kultur – jetzt in diesem Kontext Mangelwirtschaft und ja auch so ein gewisser Anspruch auf Gleichheit aller Bürger in diesem Land? Welchen Platz hatte da die Mode?

Melis: Mode hat in der DDR auch eine wichtige Rolle gespielt. Und ja, es hat den Mangel gegeben, natürlich, die Industrie war weit zurück, es gab keine gute Technologie und vor allen Dingen, es gab die Planwirtschaft, die natürlich jede Mode kaputtmacht. Wenn man Mode plant, und zwar möglichst zwei Jahre im Voraus, und dann nach Stückzahlen und nicht nach Form und nach Anregung und Inspiration, dann kann eigentlich nichts daraus werden, aber diese Not hat die Leute, die Frauen vor allen Dingen, provoziert zu improvisieren, Möglichkeiten zu finden, weil eben Mode wichtig ist. Und dann haben die sich eben ihr Zeug selber genäht oder irgendwie angeschafft.

Meyer: Es gibt doch die Geschichte, dass die Schnittmusterbögen, die es in der "Sibylle" auch immer gab, hunderttausendfach weitergereicht wurden, nachgeschneidert wurden. Stimmt das?

Melis: Ja. "Sibylle" ist ja eine Zeitschrift für Mode und Kultur, und in dieser Zeitschrift waren ja immerhin 40 Seiten dem Feuilleton- oder Kulturteil vorbehalten. Aber da es eben so eine Misere war im Angebot, haben wir auch Schnittmuster entwickelt – nicht viele, immer zu einem ganz bestimmten Thema, und sehr gute, ausgefeilte, gut überlegte Dinge. Und die Leute waren ja nicht doof, die haben gemerkt, da steckt eine Idee dahinter, und haben die Schnitte gekauft. Da gibt es eine Geschichte. Ich habe mal ein Kleid entworfen, eigentlich war da gar nichts dran, aber es war ein Grundschnitt. Aus dem konnte man alles machen. Da konnte man was drunter und drüber und dran und Kragen und nicht und doch – und der wurde, ich weiß nicht, wie viele tausend Mal verkauft, also, unglaublich! Aus der Improvisation, aus der Not entstehen viel interessantere Dinge als aus dem "Alles ist vorhanden". Wenn ich so daran denke, wie es heute ist: Es ist alles möglich. Man kann ja alles machen, es gibt alles zu kaufen. Aber wenn ich durch die so einfacheren Kaufhäuser gehe, gucke ich mit Entsetzen über dieses hässliche, furchtbare, unstrukturierte Angebot an billigem Zeug. Ich wundere mich, dass die Frauen überhaupt noch so gut angezogen sind, wenn man sich dieses breite Angebot anguckt.

Meyer: Aber wo waren damals bei dem, was Sie machen konnten eben als Leiterin der Moderedaktion in der "Sibylle", wo waren da auch die Grenzen, wie weit Sie gehen konnten? Sie haben mal erzählt in einem anderen Interview, Sie hatten zum Beispiel mal rauchende Mannequins, wie man damals sagte, abgebildet – das ging dann nicht, weil das galt als zu mondän. Wo wurden die Grenzen gezogen?

Melis: Partei und Regierung hatte die Vorgabe, möglichst alle Frauen berufstätig zu machen. Frauen sollten einen richtigen Beruf lernen, das ist ja okay, und sollten aber auf jeden Fall beteiligt sein an dem Aufbau der Wirtschaft, also Berufstätigkeit. Und da wurde dann also ein sehr schlichter Frauentyp verlangt, der ganz aufgeht eben in der Arbeit. Und rauchen hatte für die Damen des ZKs, also der Frauenkommission im ZK, etwas Mondänes, und sie sagten, also bitte, keine Damen, keine mondänen Frauentypen, und auch hier kleine Hundchen und so was alles, das darf nicht auf den Fotos sein. Eine berufstätige Frau kann sich kein Haustier leisten. Also das war immer wieder der Maßstab aller Dinge: die berufstätige Frau, die gebildete, die informierte, aber die den sozialistischen Staat aufbaut.

Meyer: Und was haben Sie damals gehalten als selbst junge Frau von diesem Frauenbild, was vorgegeben war, wie Sie es gerade beschrieben haben, dass man berufstätig sein musste, dass man seinen Anteil leisten musste am Aufbau dieses Landes?

Melis: Ich war davon begeistert und überzeugt, denn ich war selber berufstätig, ich habe mein eigenes Geld verdient, ich war selbstständig, ich konnte über mich entscheiden, ich konnte alle Entscheidungen treffen, ob ich umziehe, ob ich eine Fahrerlaubnis mache, ob ich meinen Beruf wechsle oder nicht. Das war schon toll. Und da ging ich mit Partei und Regierung völlig konform. Berufstätigkeit ist gut, Selbstständigkeit, Emanzipation ist wichtig und wir haben uns auch als Redakteure bemüht, diese Gedanken immer wieder ... zu helfen dabei, die durchzusetzen. Also, da war ich einer Meinung. Nur wissen Sie, diese kleinlichen Vorgaben, die so eng und spießig waren – die haben uns mitunter zur Weißglut gebracht.

Meyer: Was für Vorgaben waren das?

Melis: Na ja, diese Frauenkommission hatte ganz bestimmte Vorstellungen vom sozialistischen Frauenbild. Und da habe ich auch gefragt: Wie sieht denn die aus, die sozialistische Frau? Ist sie groß, ist sie klein, ist sie dick, ist sie dünn, ist sie blond, ist sie schwarz? Das ist doch eine Geisteshaltung – da muss man versuchen, eine gewisse Form zu finden, aber ich kann doch jetzt nicht die sozialistische Frau kreieren.

Meyer: Deutschlandradio Kultur, wir sind im Gespräch mit der Publizistin Dorothea Melis über Mode und Frauenbilder in der DDR. Morgen wird in Potsdam eine Ausstellung zu diesem Thema eröffnet. Was ja auch wichtig war für diese Zeitschrift "Sibylle", die Sie so lange geleitet haben: Sie haben großartige Fotografen zu dieser Zeitschrift geholt. Um ein paar Namen zu nennen: Arno Fischer, Sibylle Bergemann, Ute Mahler, Roger Melis, Ihren Mann. Was hat diese Fotografen denn an Modefotografie in der DDR interessiert?

Melis: Ich denke, Arno Fischer ist ja eigentlich unser Vater der Fotografie. Er war der Mentor meiner Diplomarbeit, war Oberassistent an der Kunsthochschule Weißensee und als ich bei "Sibylle" anfing zu arbeiten, holte ich natürlich Arno Fischer dazu, der vorher gar keine Mode fotografiert hat. Ihn hat an der Modefotografie interessiert, eine Interpretation der Zeit zu finden. Da waren natürlich Mädchen auf den Fotos, und da hat er gesagt ... – dieses Althergebrachte, die reine Modefotografie, die es so in der Vorkriegszeit noch gegeben hat, die es dann aber auch in der DDR gab, die Mannequins sahen ja aus wie Schaufensterpuppen in ihren exaltierten und künstlichen Posen –, da hat der Arno Fischer gesagt, nee, das lassen wir mal gut sein, und hat die Mädchen einfach laufen, rennen, springen lassen. Natürlichkeit war also sein Kredo, und dann war ihm eben wichtig, zur Mode den entsprechenden Hintergrund zu finden, damit Gesellschaftliches zu zeigen. Das ist mit wenigen Worten schwer zu erklären, das erklärt sich am besten, wenn man seine Fotos sieht. Also, Arno Fischer kriegte die Idee – und das war ein Skandal eigentlich, aber –, hinter einem Gaswerk, hinter diesem großen Kessel mit dieser Stahlkonstruktion, den als Hintergrund zu wählen für ein Modefoto. Hallo, wo gibt es denn so was? Eigentlich Blütenzauber, Parklandschaften oder vielleicht auch im Atelier irgendwelche Kulissen, aber doch nicht die Wirklichkeit! Und das zeichnet ihn eigentlich aus, und damit hat er Maßstäbe gesetzt, die Maßstäbe, die für die DDR-Modefotografie wirklich wichtig waren.

Meyer: Das fällt auf, wenn man die Fotos in dem Buch, das Sie jetzt auch zu der Ausstellung herausgebracht haben, durchblättert, dass man darauf zum Beispiel ziemlich oft stößt, auf Fabriklandschaften im Hintergrund oder Straßen, die – wie das in der DDR halt so war – nicht besonders hoch renoviert aussehen und viel Alltag eben sieht auf diesen Modefotografien. Und was noch auffällt in diesem Buch und einen ins Grübeln bringt: Die erste Abteilung der Fotos, das sind Schauspielerinnen aus der DDR, Autorinnen, Anna Seghers zum Beispiel, Christa Wolf, wo man sich ein bisschen fragt: Was haben die in diesem Buch eigentlich zu suchen, wo es um Modefotografie geht?

Melis: Nun war ja "Sibylle" auch eine Kulturzeitschrift, und Beiträge, auch in der Literatur, in der Malerei, in der Plastik, Beiträge über Architektur, über Formgestaltung – das gehörte ja eigentlich immer in jede Ausgabe. Und das waren auch Autorinnen unserer Zeitschrift, aber eigentlich waren sie für uns Orientierung. Es waren also nicht die Ikonen, die man eben heute kennt, die zwar schön und reich sind – uns war es wichtig, was sie waren, nicht was sie hatten, war uns so wichtig, sondern das, was sie konnten, was sie geleistet haben. Und da waren diese erfolgreichen Künstlerinnen wirklich Maßstab.

Meyer: Ab morgen zeigt das Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte in Potsdam die Ausstellung "Sibylle – Modefotografie und Frauenbilder in der DDR". Zu dieser Ausstellung erscheint im Lehmstedt Verlag ein Buch von Dorothea Melis, der Titel: "Sibylle. Modefotografie 1962 – 1994", für 24,90 Euro gibt es dieses Buch. Dorothea Melis, vielen Dank für das Gespräch!

Melis: Ja, bitte!

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