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Thema / Archiv | Beitrag vom 08.12.2009

"Ich habe natürlich meine eigenen Bilder"

Schriftsteller Gaarder über die Verfilmung des Romans "Das Orangenmädchen"

Jostein Gaarder im Gespräch mit Holger Hettinger

Der Autor Jostein Gaarder hat den neuen Kinofilm "Das Orangenmädchen" gelobt. "Es stört mich überhaupt nicht, wenn da andere Bilder hinzukommen", sagte der Schriftsteller zur Verfilmung seines Romans.

Holger Hettinger: Herr Gaarder, wenn ich Ihre Bücher lese, dann brauche ich eigentlich gar keinen Film. Bei der Lektüre in meinem Kopf entstehen sofort ganz starke, intensive Bilder. Ich habe, muss ich gestehen, anfangs gar kein gutes Gefühl gehabt, diesen Film anzuschauen, weil ich Angst hatte, dass meine eigenen Bilder sozusagen überschrieben werden. Wie ist es Ihnen gegangen, als Sie als Autor dieser Romanvorlage den fertigen Film gesehen haben?

Jostein Gaarder: Ja, ich habe natürlich meine eigenen Bilder, wenn ich ein Buch schreibe, aber es stört mich überhaupt nicht, wenn da andere Bilder hinzukommen, sodass dann sogenannte Doppelbilder entstehen. Meine Bilder bleiben mir dennoch erhalten.

Ich glaube erstens, ich habe diesen Film nicht gemacht, und dann ist es natürlich so, ich würde überhaupt keinen Kommentar zu diesem Film abgeben, wenn er mir nicht gefallen würde. Das ist ein Film, der basiert auf meiner Geschichte, und es wichtig, dass dann einfach auch die Message, die ich ausdrücken wollte, beibehalten wird. Aber ein Film muss trotzdem etwas anderes sein, weil wenn da im Film nichts anderes ist, dann wird es einfach kein guter Film.

Hettinger: Es geht im "Orangenmädchen" wie in eigentlich vielen Ihrer Bücher um die großen Fragen des Lebens, die aber aus einer sehr jungen, unverstellten Perspektive erzählt werden. Was können wir von dem jungen Georg über das Leben lernen?

Gaarder: Nun, ich glaube wirklich, dass es unmöglich ist, irgendwie das Leben, nur man muss es (…) sehen. Und es wirklich so, wir können das Leben nicht verstehen, wenn wir nicht gleichzeitig auch immer wieder an das Ende denken, sein oder nicht sein sozusagen. Und wir haben das eine nur mit dem anderen, wir können das Leben nur dann genießen, wenn wir gleichzeitig dazu verurteilt sind zu wissen, dass unsere Tage nicht für immer sind.

Und es gibt einfach auch Augenblicke und Momente, die einem helfen, uns damit zu versöhnen, dass wir eines Tages nicht mehr leben werden. Da gibt es zum Beispiel die Geschichte aus Deutschland von einer Mutter, die schrieb mir drei Tage, nachdem ihre Tochter an Leukämie verstorben war. Und dieses junge Mädchen hatte mein Buch "Durch einen Spiegel, in einem dunklen Wort" gelesen, und dieses Buch half dem Mädchen loszulassen. Also manchmal können Film und Literatur helfen, nicht nur, dass wir leben, sondern auch, dass wir mit dem Tod umzugehen wissen.

Hettinger: Ich kann es ja ganz offen bekennen, Herr Gaarder, ich bin ein großer Fan Ihrer Bücher, und ich mag sie ganz besonders deswegen, weil ich nach der Lektüre immer das Gefühl habe, dass mir diese vielen warmherzigen, klugen, lebenserfahrenen, aber auch oft naiv draufhin lebenden, unverstellt auf die Welt schauenden Menschen, dass dieses ganze Personal mir unendlich viel gibt. Manchmal bedauere ich Sie, denn Sie als der Schöpfer dieser Figuren, für Sie tritt ja dieser Effekt nicht ein, oder?

Gaarder: Ich lerne auch von meinen Figuren. Während ich diesen Prozess des Schreibens durchlebe, während ich diese Figuren erschaffe, da lerne ich natürlich selber auch über meine Figuren etwas. Ich finde zum Beispiel, dass diese Charaktere manchmal viel größer sind als das Leben, auch größer als ich, halte sie für weiser, ich halte sie für klüger.

Ich persönlich halte mich nicht für besonders weise, ich finde manchmal einige meiner Entscheidungen ausgesprochen dumm. Also es ist durchaus so, dass man Schriftsteller durchaus von den Figuren lernt, die man erschaffen hat.

Hettinger: Ich hab jetzt nicht alle europäischen Länder verglichen, aber die Zahlen, die ich mir jetzt hier mal so rausgesucht habe, die zeigen schon ganz deutlich, dass Sie gerade in Deutschland besonders viele Leser finden. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Gaarder: Ich weiß es gar nicht so genau. Man liest mich auch sehr stark in Spanien, in Italien, in Lateinamerika, in Brasilien, in Korea, auch in Japan. Also "Sophies Welt" beispielsweise, dieses Buch hat nicht nur Millionen in Deutschland verkauft, sondern auch in Frankreich, Spanien oder Italien.

Und der Grund dafür - und darüber freue ich mich auch sehr, dass es so viele Leser meiner Bücher gibt - liegt, glaube ich, einfach darin, dass ich einfach die ganz wichtigen Fragen der Menschheit stelle, diese inneren Fragen, die man sich immer so stellt.

Ich gebe aber zu, ich bin sehr beeinflusst von deutscher Philosophie und auch von deutscher Literatur. Das ist ein Einfluss, den ich ja sehr gerne zurückgebe in meinem Werk, und diese Inspiration ist etwas, das gebe ich den Deutschen dann gerne wieder zurück. Mein Buch "Das Kartengeheimnis" beispielsweise, das habe ich so aufgefasst, als würde ich ein deutsches Märchen schreiben.

Hettinger: Das ist ja interessant, dass Sie das sagen, denn ich hatte es auch beim Lesen so ein bisschen so aufgefasst, wo ich bei manchem Motiv dachte, hm, dieser Mann hat bestimmt so was wie Grimms Märchen gelesen. Haben Sie?
Gaarder: Absolut, und nicht nur die Märchen, aber viel Literatur aus jener Periode in Deutschland.

Also, ich habe nicht nur die Grimmschen und das deutsche Märchengut gelesen, aber die deutsche Literatur hat in Europa einfach einen sehr, sehr großen Einfluss, das hat mich sehr beeinflusst. Deutsche Kultur überhaupt hat mich sehr beeinflusst. Und natürlich, wir Skandinavier, wir haben eine germanistische Kultur, unsere Sprachen sind miteinander irgendwie auch verwandt.

Hettinger: Jostein Gaarder, ein Norweger, hat Schlegel gelesen. Ich glaube, das haben Sie ungefähr 95 Prozent aller Deutschen voraus. Es gibt Kinderbücher, die auch von Erwachsenen gelesen werden, und es gibt die wenigen Fälle, dass Bücher wirklich alle Generationen faszinieren und fesseln. Ihre Bücher gehören ganz sicher zu dieser letzteren Kategorie. Wie machen Sie das?

Gaarder: Ich glaube, gute Geschichten für Kinder und auch für Jugendliche, die wirken einfach auch bei Erwachsenen. Das liegt einfach daran, dass in jedem Erwachsenen immer noch ein Kind steckt. Andersrum funktioniert das nicht, in Kindern stecken keine Erwachsenen, deswegen ist auch nicht jede Erwachsenenliteratur für Kinder geeignet.

Aber in uns Erwachsenen steckt immer noch irgendwo ein kleines Kind, und das ist es ja auch in der Literatur. Durch Bücher beispielsweise wie "Der kleine Prinz" oder "Winnie the Pooh" oder auch die Bücher von Michael Ende ist das ja auch mehrere Male ganz klar bewiesen worden.

Aber mein nächstes Buch, was hier in Deutschland erscheinen wird, "Die Frau mit dem roten Schal", das ist dann schon ein Buch, das sich nicht an Kinder richtet, sondern dass sich wirklich an Erwachsene wendet und für Kinder dann auch gar nicht geeignet ist. Es gibt also Ausnahmen. Ich schreibe nicht immer für Kinder und Erwachsene, es gibt dann schon auch Bücher, die richten sich eben ausschließlich an Erwachsene.

Hettinger: Jostein Gaarder war das, der norwegische Schriftsteller ist Autor von solchen Bestsellern wie "Sophies Welt". Nun kommt eine Verfilmung seines Romans "Das Orangenmädchen" in die Kinos. Eva Dahr hat den Film gemacht. Ich danke Ihnen sehr für dieses Gespräch, Herr Gaarder!

Gaarder: Danke sehr!

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