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Interview / Archiv | Beitrag vom 21.07.2008

"Ich glaube nicht an diese Energielücke"

Grünen-Fraktionschefin Künast macht mögliche Koalitionen vom Atomausstieg abhängig

Moderation: Marcus Pindur

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Die Fraktionschefin von Bündnis 90/ Die Grünen, Renate Künast, verteidigt den Atomausstieg. (AP)
Die Fraktionschefin von Bündnis 90/ Die Grünen, Renate Künast, verteidigt den Atomausstieg. (AP)

Die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, Renate Künast, hat verlängerten Laufzeiten für Atomkraftwerke eine Absage erteilt und mögliche Koalitionen an die Voraussetzung des Atomausstiegs geknüpft. Überlegungen, die Energiekonzerne könnten Gewinne aus länger laufenden Atomkraftwerken in erneuerbare Energien investieren, bezeichnete Künast als "naiv".

Marcus Pindur: Da hatte es gerade so ausgesehen, als sei das Hamburger Modell tatsächlich eines. Eine moderne Großstadt-CDU und ein aufgeschlossener, aber wertekonservativer, grüner Landesverband kamen in Hamburg zusammen, und alle sprachen von neuen Koalitionsmodellen, die jetzt auch auf Bundesebene denkbar seien. Dann stieg der Ölpreis auf 160 Dollar pro Fass, die Energiekosten explodierten weltweit und die alten Lager waren wieder aufgeschlagen. Die Kanzlerin brachte erneut eine Renaissance der Kernenergie aufs Tapet und die Grünen schüttelten sich vor Entsetzen. Wir sprechen jetzt mit Renate Künast, Fraktionsvorsitzende der Bündnis 90/Grünen im Bundestag. Guten Morgen, Frau Künast.

Renate Künast: Guten Morgen, Herr Pindur.

Pindur: Sind mit der neuen Energiekrise sämtliche schwarz-grünen Gedankenspiele schon wieder obsolet?

Künast: Och, ich spiele eigentlich nicht mit dem Gedanken über Koalition, sondern eher in der Kategorie, wie sehen eigentlich die Lösungen für die Zukunft aus. Und wenn andere in der Lage sind, sich zu bewegen, sage ich mal ganz selbstbewusst, sind wir bereit, und können das, das haben wir in der Vergangenheit gezeigt, etwas Neues auf die Agenda setzen und Deutschland zum Technologieführer zu machen, wie jetzt bei erneuerbaren Energien, macht mehr als 200.000 Arbeitsplätze.

Pindur: Vielleicht müssten Sie sich aber auch ein wenig bewegen, denn das große Nachdenken im Bezug auf die Kernkraft hat ja eingesetzt. Der ehemalige grüne Bundestagsabgeordnete und jetzige Politikwissenschaftler Hubert Kleinert plädiert zum Beispiel in der neuesten Ausgabe des "Spiegels" für längere Laufzeiten für AKWs, zumindest für eine Übergangsperiode.

Künast: Da sehen Sie mal, selbst bei Politikprofessoren, die grüner Herkunft sind, kann man manchmal Dinge sagen, ohne Sachkenntnis zu haben. Ich habe sein Interview nicht verstanden. Ich habe eher die Sorge, dass da jemand darauf reingefallen ist, dass die Energiekonzerne behaupten, wir können längere Laufzeiten haben und dann investieren wir in erneuerbare Energien. Die haben jetzt schon satte Gewinne, die investieren sie irgendwo, aber nur zu einem kleinen Teil in Erneuerbare, und als selbst Frau Merkel vorm letzten Bundestagswahlkampf, ich habe das noch mal nachgeschlagen, gesagt hat, sie wolle jetzt mit den Energiekonzernen Preisvereinbarungen treffen und Ähnliches, wurde ihr dann gesagt: "Nö, gar nicht." Da möchte ich auch mal die Aktieninhaber sehen. Ich glaube, wir sind sehr gut beraten, wenn wir beim Atomausstieg bleiben. Denken Sie mal dran, dass in Tschernobyl und im Süden von Weißrussland noch heute Todeszonen sind, wo es Menschen verboten ist zu leben und dass wir gut beraten sind, etwas Neues zu wagen, nämlich uns umzustellen auf Erneuerbare.

Pindur: Was Hubert Kleinert aber gesagt hat, war, das müsse man einfach auch mal aushandeln und mal ausprobieren, was dort zu machen sei, ob vielleicht eben bei längeren Laufzeiten man die Konzerne auch darauf festnageln kann, dass sie mehr Geld in erneuerbare Energien investieren.

Künast: Ja, das ist mir aber ehrlich gesagt zu naiv. Ich fange doch nicht an mit einer Risikotechnologie, bei der wir heute noch nicht wissen, wo wir eigentlich mit dem hochradioaktiven Müll hin sollen, das ist alles nur zwischengelagert, mal ganz naiv irgendetwas auszuprobieren. Wofür denn eigentlich? Ausprobieren muss ich doch nur was, wenn …

Pindur: Damit es keine Energielücke in Deutschland gibt. Viele Experten sagen, die droht uns. Immerhin, über 20 Prozent unserer Energie kommt aus Atomkraftwerken.

Künast: Tja. Gut, dass Sie es selber direkt sagen. Ich glaube nicht an diese Energielücke. Im letzten Jahr waren fünf, teilweise sieben unserer 17 Atomkraftwerke stillgelegt. Hier ist nicht das Licht ausgegangen in Deutschland im letzten Jahr, sondern wir haben im letzten Jahr sogar noch zwei Terawattstunden, und das ist reichlich Strom, an Frankreich exportiert, weil die Engpässe hatten. Die haben nämlich einen so hohen Anteil an Atomstrom, dass …

Pindur: 80 Prozent, ja.

Künast: … Ja, dass sie im hohen Sommer als sie nicht genug kühles Wasser in den Flüssen hatten, was sie ja als Kühlwasser brauchen, da haben sie Atomkraftwerke wegen Mangel an kühlem Wasser stillgelegt eine Zeit lang und haben sozusagen deutschen Strom bezogen. Es gibt Viele, die gerechnet haben und wenn Sie einer grünen Stimme nicht glauben, obwohl wir bei der Sonne und erneuerbaren Energien vor zehn, zwanzig Jahren auch belächelt wurden, und jetzt ist sie da, dann glauben Sie doch einfach zum Beispiel vielen Studien, die die Europäische Kommission gemacht hat. mit Ihrem Geld von Wissenschaftlern gemacht. Und da redet keiner über irgendwelche Lücken, sondern das eine läuft systematisch auf und das andere geht rein. Sie haben gerade gesagt, Atomstrom hat 20 Prozent. So viel haben wir bald auch an erneuerbarem Strom. Da haben wir jetzt 15.

Pindur: Kommen wir noch mal zur Frage der Koalitionen zurück, die wir am Anfang gestellt haben. Die CDU will die Kernkraft, die SPD will nicht von den Kohlekraftwerken lassen, da sind ja auch neue Technologien im Gespräch, die Sequestration, die Abscheidung des CO2. Laufen die Grünen Gefahr, dass ihnen die Koalitionsfähigkeit verloren geht wegen dieser Energiefrage?

Künast: Meine These ist da eine andere. Sie können sicher sein, wirklich sicher sein, dass bei Regierungsbildungen am Ende jedermann weiß, ja, dass man mit den Grünen nicht den Atomausstiegskonvent wieder aufmacht und Sie können auch sicher sein, dass jedermann weiß, welches ungeheure Wissen die Grünen haben, welchen Mut, wenn es um Effizienz, um Einsparungen und Ähnliches geht. Wenn Sie mal, heutzutage bezahlt der Endkonsument ohne Ende Geld, ständig wird was erhöht. Und wir Grüne sagen, wie kann man einsparen und wie kann man auf Energien setzen, die nicht ständig teurer werden. Die Sonne und der Wind, oder Gezeitenkraft, werden nicht teurer, anders als Uran, Erdöl, zum Beispiel. Und wir sind halt diejenigen, die eines machen. Wir lassen uns nicht ein "X" für ein "U" vormachen.

Sie haben gerade von Abscheidung von CO2 geredet, also CO2 aus dem Kohlekraftwerk raus und irgendwo lagern. Keiner der großen Konzerne bietet heute an, ein Kraftwerk damit zu bauen oder schon schriftlich zu geben, dass er, wenn diese Technologie kommt, es so machen würde. Alle gehen auf Expansion, noch mehr Strom erzeugen, noch, versuchen, noch mehr CO2-Werte im Augenblick zugeteilt zu bekommen, vielleicht, um sogar nachher damit zu handeln. Ich glaube, wir Grüne sind nicht isoliert, sondern wir sind sehr weit vorne.

Pindur: Dann schauen wir, was die Koalitionsverhandlungen dann 2009 nach der Wahl ergeben. Vielen Dank für das Gespräch.

Künast: Ich danke auch, Herr Pindur.

Pindur: Renate Künast, Fraktionsvorsitzende der Bündnis 90/Grünen im Bundestag.

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