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Interview / Archiv | Beitrag vom 03.06.2013

ICE-Unglück "überstieg alles menschlich Vorstellbare"

Wie ein Polizeiseelsorger die Opfer der Katastrophe von Eschede begleitet hat

Matthias Stalmann im Gespräch mit Korbinian Frenzel

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Ein zerstörter Waggon des verunglückten ICE wird am 4. Juni 1998 mit einem Kran in Eschede von den Gleisen gehoben. (AP)
Ein zerstörter Waggon des verunglückten ICE wird am 4. Juni 1998 mit einem Kran in Eschede von den Gleisen gehoben. (AP)

Vor 15 Jahren starben 101 Menschen, als ein ICE in voller Fahrt entgleiste und gegen eine Brücke fuhr. Der Polizeiseelsorger Matthias Stalmann war am Unglücksort bei Eschede und hat Überlebenden signalisiert: "Du bist hier nicht alleine, ich halte das hier jetzt mit dir aus."

Korbinian Frenzel: Eschede. Das ist ein Wort, das ist ein Ort, der bei uns allen sofort etwas wachruft: die Erinnerung an ein Zugunglück, das so schrecklich war wie kein anderes jemals hierzulande. Heute vor 15 Jahren war das, am 3. Juni 1998, kurz vor elf Uhr. Ein ICE entgleist, rast mit 200 Stundenkilometern in eine Brücke kurz vor Eschede, kurz vor dem Ort in Niedersachsen. 101 Menschen sterben, noch mal so viele werden teils schwer verletzt. Wenn wir uns erinnern, dann sind es Nachrichten und Fernsehbilder, die wach werden, Bilder aus der Distanz. Wenn Matthias Stalmann zurückschaut, dann sind das Erinnerungen aus nächster Nähe. Er war einer der Ersten vor Ort damals, als Polizeiseelsorger, und er ist jetzt mein Gesprächsgast. Pastor Matthias Stalmann, guten Morgen.

Matthias Stalmann: Einen schönen guten Morgen, Herr Frenzel.

Frenzel: Was war das für ein Bild, das sich Ihnen damals bot vor 15 Jahren?

Stalmann: Ein Bild mit wunderbarem Sonnenschein - wir hatten tolles Wetter am 3. Juni 1998 – und ansonsten ein sehr unreales Bild. Man dachte, das kann eigentlich alles nicht sein, was du hier siehst, weil es war ganz viel Schrott aufgetürmt, und man musste sich erst mal klar werden, dass in diesem Schrott tatsächlich Menschen ums Leben gekommen waren.

Frenzel: Sie sind da, Sie waren da, um anderen zu helfen. Aber vielleicht erst mal die Frage an Sie: Wie sind Sie selbst mit diesen Bildern fertig geworden? Sie haben es jetzt gerade ja auch etwas weggelassen. Sie haben uns diese Bilder nicht direkt dargestellt. Ist das eine Art und Weise, damit umzugehen, dass man das auch nicht mehr richtig in Worte fasst?

Stalmann: Ich weiß nicht, ob ich die Bilder bewusst weggelassen habe. Vielleicht war das eher unbewusst. Ich habe aber schon das Gefühl, dass ich dadurch, dass ich über Jahre hinweg mich mit diesen Ereignissen habe beschäftigen können oder beschäftigen müssen im Rahmen meiner Arbeit, gelernt habe, mit den Bildern auch ganz gut umzugehen. Es kommt aber noch ein weiteres hinzu, auch das will ich nicht verschweigen. 15 Jahre sind eine gewisse Zeit und auch ich muss mir bestimmte Bilder durchaus inzwischen auch wieder in Erinnerung rufen.

Frenzel: Das heißt, die Erinnerung, die verblasst schon?

Stalmann: Die verblasst schon, ja. Auf jeden Fall.

Frenzel: Sie waren direkt am Unglücksort vor 15 Jahren in Eschede, damals noch ehrenamtlich. Wenn man dann in der Situation ist, was kann man denn da konkret tun, wenn man dort ankommt?

Stalmann: Vernünftig ist es erst mal, überhaupt sich einen Überblick zu schaffen und zu fragen, was kann ich für euch tun? Das Interessante war, dass die Antworten, die wir bekamen, wirklich in die Richtung gingen: "Da oben auf dem Brückenkopf, da liegen noch Leichen, die sind nicht gesegnet, bitte geht dorthin." Das war das Erste, was ich als Antwort bekam. Das haben wir auch getan und ansonsten haben wir versucht, Menschen, die das Ganze überlebt hatten, die dort aber warteten auf ihren Transport in Krankenhäuser, in der Situation, zum Teil schwerstverletzt, sie nicht alleine zu lassen, sondern ihnen das Gefühl zu geben: Da ist jemand, der versucht, dir hier zu helfen, der zumindest versucht, mit dir auszuhalten, was auf den ersten Blick eigentlich nicht auszuhalten ist.

Frenzel: Sie haben dem "Spiegel" damals kurz nach dem Unglück berichtet, haben da unter anderem die Situation beschrieben, wie eine Frau eingeklemmt neben ihrem toten Kind kauert, stundenlang, weil man sie erst dann herausholen kann mit dem entsprechenden Gerät. Ich habe mich gefragt: Was kann man einer solchen Frau sagen, wie kann man sich um im Wortsinn um ihre Seele sorgen in einer derart grausamen Situation?

Stalmann: Ich gebe zu, Herr Frenzel, das weiß ich nicht, was man dann so spontan sagen kann. Ich bin ja auch in der Situation gewesen: Ich konnte der Frau nichts sagen, weil ich dort nicht hochklettern konnte. Ich habe es schlicht und ergreifend nicht geschafft, weil wir ja als Kolleginnen und Kollegen von der Kirche da von einer Konferenz hinkamen. Wir waren dementsprechend angezogen mit Schuhen, die in keinster Weise dazu geeignet waren, in irgendwelchen quer stehenden Zugwagen hochzuklettern. Ich weiß nicht, was man da sagen kann. Vielleicht ist es auch manchmal hilfreicher, gar nicht viel zu sagen, sondern einfach nur eine Hand zu halten und zu signalisieren: Mensch, du bist hier nicht alleine, ich halte das hier jetzt mit dir aus.

Frenzel: Sie haben damals noch zwei Jahre lang nach der Katastrophe Polizisten und Feuerwehrleute betreut, die im Einsatz waren. Wie kann man da helfen, wie kann man diesen Menschen helfen, die Bilder von Leichen und Schwerverletzten aus dem Kopf zu kriegen oder damit umzugehen?

Stalmann: Wir haben nicht nur Polizisten und Feuerwehrleuten, sondern auch vor allen Dingen Rettungsdienst-Mitarbeitenden und auch Bundeswehrsoldaten da versucht beizustehen. Wie kann man da helfen? Man kann helfen, mit diesen Menschen Techniken zu entwickeln, das Erlebte nicht einfach nur zu verdrängen, zu sagen: Ich denke da jetzt einfach nicht mehr dran, spül das eventuell auch mit, was weiß ich, Alkohol oder sonst welchen Dingen weg, sondern man kann ihnen helfen, diese Erinnerungen zu verarbeiten, indem man ihnen quasi auch hilft, erst einmal über das Erlebte zu sprechen und darüber nicht ins Schweigen zu geraten. Das ist für mich die entscheidende Lehre, die ich aus dieser Zeit gezogen habe: Es ist wichtig, über schlimme erlebte Dinge nicht ins Schweigen zu geraten, sondern darüber sprechen zu lernen und sprechen zu können, um dann die Erinnerungen so in eine Richtung zu lenken, dass man selber Kontrolle über die Erinnerungen bekommt und nicht die Erinnerungen über den Menschen selbst.

Frenzel: Haben das denn auch alle geschafft, oder gab es da auch Menschen, die Sie betreut haben, die in ihrem Beruf einfach nicht mehr weiterarbeiten konnten?

Stalmann: Es gab auch Menschen, die in dem Beruf nicht weiterarbeiten konnten.

Frenzel: Die Notfallseelsorge, die hat sich ja nach diesem Einsatz deutlich professionalisiert. Da wurde viel getan. Wenn Sie zurückgucken auf diesen Tag vor 15 Jahren: Waren die Menschen, die da vor Ort waren, die im Einsatz waren, auch etwas überfordert von dem, was sie gesehen haben, was sie erleben mussten?

Stalmann: Ich denke, alle, die dort im Einsatz gewesen sind, sowohl von der Seelsorge als auch von den Einsatzkräften, waren überfordert, denn das übersteigt alles menschlich Vorstellbare, oder zumindest zu dem Zeitpunkt überstieg es alles menschlich Vorstellbare, und wir waren natürlich auch überfordert. Ich zumindest ja.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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