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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 29.09.2016

Icarus-ProjektTiere beobachten aus dem All

Von Thomas Wagner

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(epa / Tia Goldenberg)
Elefanten an einer Wasser-Stelle (Bild: epa / Tia Goldenberg). (epa / Tia Goldenberg)

"Icarus" haben Forscher ein Projekt getauft, das einzigartig ist: Tausende Tiere wurden mit Sendern ausgestattet, die die Bewegungsprofile an einen Server senden. Über diese Daten erhoffen sich Wissenschaftler neue Erkenntnisse über Epidemien oder den Klimawandel.

Ziegen, die friedlich am Fuße des Vulkans Ätna in Süditalien grasen. Das Besondere: Jedes Tier hat einen kleinen Sender im Nacken sitzen, gerade mal so groß wie ein Fingernagel.

"Also wir haben ein Patent eingereicht, dass wir über diese tierischen Sensoren Vulkanausbrüche im Ätna voraussagen können. Die Tiere sagen es uns. Da ist auch ein GPS-Logger drauf und ein Beschleunigungsmesser. Die Ziege sitzt jetzt gerade, läuft, frisst. Und wenn alle Ziegen gleichzeitig etwas machen, viele Ziegen laufen gleichzeitig weg, dann kann man sehen: Da passiert jetzt etwas Außergewöhnliches."

Funkchips sind nur wenige Gramm schwer

Biologe Martin Wikelski, Honorarprofessor an der Universität Konstanz und Direktor am Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell am Bodensee, ist, wenn man so will, der weltweit größte Tierbeobachter: Nicht nur die Ziegen am Fuße des Ätna, sondern auch viele Tausend Zugvögel, Elefanten, Ratten, Hunde, Fledermäuse und viele andere Tierarten haben er und seine Mitarbeiter in den vergangenen Jahren mit  'Mini-Handys' ausgestattet. Die Funkchips sind jeweils nur wenige Gramm schwer. Über 3000 Arbeitsgruppen weltweit, die mit dem Forscherteam um Professor Wilkelski zusammenarbeiten, haben Tiere auf allen Kontinenten mit den kleinen Sendern ausgestattet.

"Das ist im Prinzip eine kleine Elektronik. Das kommt aus dem Handy-Bereich. Da ist ein GPS-Empfänger drin. Speicherkarte, Beschleunigungsmesser. Also im Prinzip wie ein gutes Handy, das einer dabei hat."

Noch werden die Daten erdgebunden, also über normale Handy-Masten oder Blue-Tooth-Verbindungen, an den zentralen Server der Uni Konstanz geschickt. Das aber ändert sich im Juni nächsten Jahres. Dann soll das sogenannte "Icarus"-Antennenmodul in eine Umlaufbahn geschossen und auf der Internationalen Raumstation ISS installiert werden. Die kleinen Funk-Chips, mit denen viele Tausend Tiere ausgestattet sind, werden dann ihre Daten direkt ins All senden, zu "Icarus".

Uschi Müller arbeitet als Projektkoordinatorin im Auftrag des Max-Planck-Institutes für Ornithologie:

"Also die 'Icarus'-Antenne wird am russischen Service-Modul der ISS angebracht. In diesem Service-Modul wird ein On-Board-Computer sein. Dort kommen die Daten an und werden dann geleitet in das russische Datenzentrum in Moskau. Von dort geht das Ganze dann in eine internationale Datenbank, die sich Move-Bank nennt. Und dort werden die Daten aufbereitet und den Wissenschaftlern zur Verfügung gestellt."

Erkenntnisse über die Kommunikation 

Tiere beobachten aus dem All in einer Fülle und Vielfalt, von der die Experten bis vor kurzem nicht einmal zu träumen wagten. Die Rede ist von rund 500 Millionen GPS-Punkten, die Informationen über die jeweiligen Tiere zur ISS und dann in die Move-Datenbank senden. Martin Wikelski erhofft sich durch die Auswertung bahnbrechende Erkenntnisse über die Kommunikation zwischen den verschiedenen Tierarten untereinander, aber auch über das Verhalten der einzelnen Tiere in einer großen Gruppe, im Schwarm.

"Wir gehen davon aus, dass das Schwarmintelligenz ist. Das heißt, dass beispielsweise nicht eine einzelne Ziege weiß, was los ist. Vielmehr reden wir über einen Verbund aller beteiligten Tiere: Die kleinen Vögel, die Eidechsen, die Spinnen, die Mäuse und wer auch immer. Und die kriegen alle was anders mit, haben andere Sensoren, sind aber miteinander über Geruch, über Töne, über das visuelle Feld verbunden."

Wie tauschen die einzelnen Tiere und Tierarten untereinander Informationen aus? Welche Mechanismen stehen dafür, dass bestimmte Tierarten erst in einer großen Gruppe, im Schwarm, bestimmte Aufgaben leisten können? Wie funktioniert die Kommunikation im Schwarm? Zur Klärung solcher Fragen soll an der Uni Konstanz ein eigenes, neues Forschungszentrum aufgebaut werden:

"Da sind wir in Konstanz auch weltweit führend. Da haben wir den Iain Couzin, ein Professor aus Princeton, der zu uns gekommen ist, der weltweit führender Schwarmintelligenzforscher ist. Also Konstanz ist Zentrum der Welt für Schwarmintelligenzforschung."

Rückschlüsse auf die Entwicklung des Klimawandels?

"Icarus", das Mess-Modul im All, soll mit den Bewegungsdaten über die, wie die Forscher sagen, "besenderten" Tiere weltweit, die Grundlagen dafür liefern. Wissenschaftler wie Martin Wikelski erhoffen sich dabei Antworten auf viel weiterführende Fragen: Inwiefern lassen Veränderungen im Verhalten von Tierschwärmen Rückschlüsse auf die zukünftige Entwicklung des Klimawandels zu? Können Tierschwärme vor der Ausbreitung von Epidemien wie beispielsweise Ebola warnen? Und: Lassen sich anhand der vom All aus detektierten Bewegungsdaten Naturkatastrophen vorhersagen? So sollen beispielsweise vor dem großen Tsunami im Dezember 2004 lange vor dem Auftreffen der riesigen Wellen Elefanten im indonesischen Küstenbereich auf- und davon gerannt sein.

"Wir wissen noch nicht genau, ob die Elefanten tatsächlich gewusst haben, dass ein Tsunami kommt. Es gibt aber Hinweise darauf, Anekdoten. Das Problem ist, dass wir dazu noch keine Daten haben. Wir haben aber jetzt schon die Elefanten mit unseren Sendern versehen. Das heißt: Die laufen schon als Sensoren in Indonesien und sollten uns beim nächsten Tsunami dann sagen, ob sie's wirklich vorhersehen."

Das allerdings kann Jahrzehnte dauern. Aber "Icarus", das globale Tier-Monitoring aus dem All, ist ebenfalls über Jahrzehnte hinweg angelegt – und birgt, da sind sich Martin Wikelski und sein Team sicher, viele Überraschungen für die Experten weltweit.

 

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