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Buchkritik | Beitrag vom 30.09.2020

Ian McEwan: "Erkenntnis und Schönheit. Über Wissenschaft, Literatur und Religion"Ein Hoch auf die Rationalität

Von Susanne Billig

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Das Buch zeigt auf hellem Grund das Foto eines entzwei geschnittenen Apfels. (Cover: Diogenes)
Ian McEwans Überlegungen zu Wissenschaft und Literatur bieten nicht zuletzt einen guten Einstieg in den Kosmos des britischen Schriftstellers. (Cover: Diogenes)

Der Schriftsteller Ian McEwan begibt sich in den hier versammelten Aufsätzen auf die Suche nach den Schnittmengen von Naturwissenschaft und Literatur. Er fragt, wie Verschwörungstheorien entstehen, und feiert den menschlichen Verstand.

Die Theorien von Charles Darwin und Albert Einstein riefen schon bei Zeitgenossen Begeisterung hervor, obgleich sie gängige Weltbilder radikal vom Sockel stürzten. Wie konnte das sein? In dem neuen Buch "Erkenntnis und Schönheit" betont der britische Schriftsteller Ian McEwan, dass der Erfolg großer Theo­rien sich nicht allein aus ihrer Effektivität und Korrektheit erklären lässt.

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Darwin, Einstein oder auch der begnadete Quantenphysiker Paul Dirac brachten Theorien und Formeln von solcher Eleganz und Schönheit zu Papier, dass Menschen sich davon unmittelbar angezogen fühlten und vor Begeisterung überschäumten, wenn sie dafür aus ihrer vertrauten geistigen Heimat für immer ausziehen mussten.

Der Leser erweckt ein Buch zum Leben

Fünf lose zusammenhängende Texte versammelt das Buch, die über die Schnittmengen zwischen Literatur, Naturwissenschaft, Kunst- und Wissenschaftsbetrieb reflektieren. Teils sind es Zeitschriftenartikel und Universitätsvorlesungen, teils Auszüge aus Romanen, die – wie "Solar", "Maschinen wie Ich" oder "Liebeswahn" – immer wieder auch naturwissenschaftliche Themen umkreisen.

In der Vorlesung "Literatur, Wissenschaft und die menschliche Natur" untersucht McEwan zunächst die Frage, wie sich die Größe von Literatur vermessen lässt. Rezeptionsästhetisch inspiriert, spricht er über den wichtigen Pakt zwischen Autor und Leserschaft. Nur indem Leserinnen und Leser ihr eigenes Verständnis des Menschseins einbringen, wird der literarische Kosmos eines Romans zum Leben erweckt – und wenn es ein großer Roman sei, so der Brite, spürten sie "schon beim ersten Satz die Präsenz, die Eigenart eines besonderen Geistes."

Wieviel sperriger sind da mathematische Terme, deren Rezeption nur wenigen Zahlengenies vergönnt ist. Doch selbst der populärwissenschaftliche Abglanz der Arbeiten Albert Einsteins oder Paul Diracs, der Relativitätstheorie und Quantenphysik erstmals miteinander verschmolz, strahlt noch so viel intellektuelle Kühnheit ab, dass ihre Gleichungen inzwischen in der Westminster Abbey in Stein gemeißelt sind wie das Diktum eines Gottes.

Ein kühler Blick auf die Welt

In anderen Beiträgen befasst sich Ian McEwan ebenso neugierig mit der Frage der Originalität in Kunst und Naturwissenschaften, untersucht die literarische Qualität wissenschaftlicher Publikationen ("umfangreich, vielfältig und multilingual"), taucht in die psycho-biologische Konstruktion des Ichs und dessen Verhältnis zum Körper ein und widmet sich der hochaktuellen Frage, was anti-aufklärerische und anti-wissenschaftliche Verschwörungstheorien so erfolgreich macht.

Für Leserinnen und Leser, die mit Ian McEwan vertraut sind oder sich bestens in Evolutionsbiologie, Quantenmechanik und Gehirnforschung auskennen, mag das Buch hier und da Längen aufweisen. Doch wer sich einlesen möchte in den Kosmos des britischen Schriftstellers, der stets aus kühler Vogelperspektive auf die Welt blickt, findet hier einen kurzweiligen Einstieg – und eine Verbeugung vor der Rationalität des Menschen, ganz gleich, ob sie im wissenschaftlichen oder literarischen Gewand auftritt.

Ian McEwan: "Erkenntnis und Schönheit. Über Wissenschaft, Literatur und Religion"
Aus dem Englischen von Bernhard Robben und Hainer Kober
Diogenes, Zürich 2020
192 Seiten, 20 Euro

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