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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 26.09.2016

Ian Kershaw: "Höllensturz"Wenn die Geschichte anders verlaufen wäre

Von Jörg Himmelreich

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Blick in die Ausstellung "Diktatur und Demokratie im Zeitalter der Extreme - Streiflichter auf die Geschichte Europas im 20. Jahrhundert" im Paul-Löbe-Haus  (Bundesstiftung Aufarbeitung)
Blick in die Ausstellung "Diktatur und Demokratie im Zeitalter der Extreme - Streiflichter auf die Geschichte Europas im 20. Jahrhundert" im Paul-Löbe-Haus (Bundesstiftung Aufarbeitung)

Wo liegen die Ursachen für die Kriege im Europa des 20. Jahrhunderts? In seinem Buch "Höllensturz" schildert der britische Historiker Ian Kershaw auf mehr als 700 Seiten die einzelstaatlichen Entwicklungen Europas in der Zeit von 1914 bis 1949 – und webt daraus ein Gesamtbild.

Viele namhafte Historiker haben schon das scheinbar Unerklärliche der europäischen Katastrophen im 20. Jahrhundert zu erklären versucht. Welche neuen Tatsache gäbe es noch zu ergründen? "Es gibt keine Tatsachen, sondern nur Interpretationen", schrieb Nietzsche. Und dieser Aphorismus leitet den Briten Ian Kershaw in seiner neuen Interpretation der europäischen Geschichte. Der erste von zwei Bänden - "Höllensturz" - liegt jetzt vor.

In zehn Kapiteln akzentuiert Kershaw die Chronologie von 1914 bis 1949 als die Geschichte eines großen Krieges. Er betont die Ursächlichkeit des ersten Weltkriegs und des Versailler Vertrags für den zweiten und die innen- und außenpolitische Labilität des europäischen Staatengefüges in der Zwischenkriegszeit.

Weil alle Staaten und Gesellschaften im Nachkriegseuropa mit dem Überleben in ihrem wirtschaftlichen und sozialen Ruin zu kämpfen haben, wenn auch auf je verschiedene Weise, gehört auch die unmittelbare Nachkriegszeit für Kershaw eher in die Erzählung des großen Krieges als in die Herausbildung des beginnenden Kalten Kriegs mit seinem "Eisernen Vorhang", von dem Churchill 1946 sprach. Die Geschichte der UdSSR wie auch die der ost- und mitteleuropäischen Staaten, der "Bloodlands", schließt er heute selbstverständlich mit ein, wie auch in einzelnen Beziehungen die der Türkei und der USA.

Großmächte nicht einfach in den Krieg geschlittert

Kershaw interessiert sich für Schlüsselentscheidungen, die anders hätten getroffen werden können. Hätte das die Geschichte dann in eine andere Richtung bewegt? Der "Schlafwandler"-These von Christopher Clark, nach der alle Großmächte in den ersten Weltkrieg "hineingeschlittert" seien, widerspricht Kershaw: "Am entscheidenden Punkt im Juli 1914 zeigten sich Deutschland, Österreich-Ungarn und Russland als die in dieser Krise maßgeblichen Kräfte, wobei Deutschland die ausschlaggebende Rolle spielte."

In der Beurteilung der umstrittenen Appeasementpolitik des britischen Premiers Chamberlain, zur Wahrung des Friedens in Europa Hitler die Annexion des tschechischen Sudetenlandes zuzugestehen, kommt der Autor zu dem Ergebnis: Chamberlain hätte keine andere Möglichkeit gehabt. Das britische Empire sei bei weitem nicht kriegsbereit gewesen, erst recht angesichts seiner kolonialen Schutzverpflichtungen in Indien und Nordafrika.

Kershaw schafft er es, in bester britischer Tradition Geschichte anschaulich, nüchtern und abgewogen zu erzählen. Er hat eine meisterhafte historische Collage geschaffen, die souverän und detailliert die verschiedenen einzelstaatlichen Entwicklungen Europas zu einem eng verwobenen Gesamtbild zusammenfügt: zum "Höllensturz" Europas.

Ian Kershaw: Höllensturz. Europa 1914 bis 1949
Deutsche Verlags-Anstalt, 768 Seiten, Hardcover: 34,99 Euro - E-Book: 28,99 Euro

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