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Buchkritik | Beitrag vom 16.07.2021

Ian Goldin, Robert Muggah: "Atlas der Zukunft"Eine ungewöhnliche Analyse unserer Welt

Von Susanne Billig

Buchcover: "Atlas der Zukunft" von Ian Goldin und Robert Muggah (Deutschlandradio / Dumont)
"Atlas der Zukunft" ist von einem Fortschrittsoptimismus getragen, der auch Fragen aufwirft. (Deutschlandradio / Dumont)

Mit ihren 100 Karten analysieren die Forscher Ian Goldin und Robert Muggah die prekäre soziale, ökonomische und ökologische Lage der Welt und zeigen Wege in eine lebenswerte Zukunft. Allerdings eine Zukunft, die fast zu schön ist, um wahr zu sein.

Auf der farbigen Weltkarte lässt es sich auf einen Blick erkennen: Viele Länder des mittleren Afrikas leuchten darauf in hellgelben Tönen – noch im Jahr 2018 nutzen weniger als zehn Prozent der Bevölkerung dort regelmäßig das Internet. 100 Karten zur prekären Lage der Welt – für eine lebenswerte Zukunft. Das ist die Stoßrichtung des ambitionierten "Atlas der Zukunft", vorgelegt von Ian Goldin und Robert Muggah.

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Die Grafiken, Tabellen, Projektionen, Karten und Satellitenbilder beruhen auf jahrelangen Analysen und Datenerhebungen der Forscher und ihrer Teams und machen sichtbar, wie es sozial, ökologisch und ökonomisch um diesen Planeten steht. Aufgeteilt ist das optische und inhaltliche Schwergewicht in 13 Kapitel zu den drängendsten Herausforderungen: Globalisierung, Klima, Urbanisierung, Technik und Technologie, Ungleichheit, Gewalt, Geopolitik, Demografie, Migration, Ernährung, Gesundheit und Bildung.

Ungewöhnliche Analysen

Erfreulicherweise gehören viele der angesprochenen Aspekte nicht zum tagespolitischen Know-how, sondern die Autoren rücken immer wieder ungewöhnliche Perspektiven und Analysen in den Blick. Beim Thema Urbanisierung geht es in einer Karte um "urbane Fragilität". Auf dunklem Grund leuchten hier Städte weltweit in unterschiedlichen Farben auf, die den Grad ihrer Fragilität sichtbar machen. Rot bedeutet: heimgesucht von hoher Ungleichheit, Armut, Gewalt, Luftverschmutzung, Naturkatastrophen.

Aleppo und Mossul im Nahen Osten. Mogadischu und Kismayo im östlichen Afrika. Sao Paulo an der Ostküste Südamerikas. Beim Thema Ernährung stehen nicht nur Mangelernährung und Hungergebiete auf der Agenda, sondern auch Fettleibigkeit, Fischkonsum und Fleischhandel. "Besonders der schnell anwachsende Konsum von Rindfleisch schadet der Umwelt", betonen Ian Goldin und Robert Muggah. Drei Viertel aller Treibhausgasemissionen der Landwirtschaft gehen auf das Konto von Rinderhack und Co. 

Fortschrittsoptimismus

Die Autoren flankieren ihre Karten mit ausführlichen Analysen und Erläuterungen. Bisweilen ertappt man sich als Leserin sogar dabei, allein dem Text zu folgen, der in einer Tiefe und einem Detailreichtum in die vielen interessanten Themen einsteigen kann, wie es die Karten gar nicht vermögen.

Gleichzeitig ist das Buch allerdings auch von einem Fortschrittsoptimismus getragen, der Fragen aufwirft. Denn wie soll alles das gleichzeitig funktionieren – ein Internet der Dinge, unbeschränkter Freihandel, kräftiges Wirtschaftswachstum, aber auch mehr Nachhaltigkeit, Ökonomie in Kreisläufen, effektiver Artenschutz?

Eine Ökonomie, die auf Wachstum basiert, wird das nicht bewerkstelligen können. Das aber wirft eine Systemfrage auf, welche die Autoren nicht stellen. Sie setzen auf mehr Bildung, smarte Technologien, eine Intensivierung der multilateralen Zusammenarbeit, das Zurückdrängen nationalistischer Politiken, ein positives Verhältnis der Industrieländer zur Migration. Klingt freundlich und friedlich – aber möglicherweise auch nicht mutig genug für die Bewältigung globalen Herausforderungen, denen die Menschheit gegenübersteht.

Ian Goldin, Robert Muggah : "Atlas der Zukunft – 100 Karten, um die nächsten 100 Jahre zu überleben"
Aus dem Englischen von Tobias Rothenbücher
Dumont, Köln,  2021
512 Seiten, 500 farbige Abbildungen, 45 Euro

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