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Tonart | Beitrag vom 24.02.2021

Hyperpop-Vorreiter Danny L HarleKlingt wie aus den 90ern, ist aber der Sound der Zukunft

Von Christoph Möller

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Danny L Harle hinter einem DJ-Pult (imago images / Alessandro Bosio / Pacific Press Agency )
Anleihen an frühere Beats: Danny L Harle hat schon mit Popstars wie Charli XCX kollaboriert. (imago images / Alessandro Bosio / Pacific Press Agency )

Hyperpop nimmt sich schnelle Beats, Gesangsfetzen und Bausteine aus Genres, die andere gern vergessen würden. Dazu gehören Eurodance und Happy Hardcore. Heraus kommt dabei der Sound für die Generation Reddit.

Der Ursprung von Hyperpop ist eindeutig: Die Szene organisiert sich im Internet, auf YouTube, in Reddit-Foren oder auf dem Instant-Messaging-Dienst Discord. Der Brite Danny L Harle ist einer der wichtigsten Vertreter von Hyperpop. Auf seinem neuen Album "Harlecore" reanimiert er Genres aus den 1990er- und frühen 2000er-Jahren wie Gabber oder Eurodance.

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"Dieses Projekt ist ein Liebesbrief an all die Rave-Kulturen, von denen ich über die Jahre so besessen war. Ein Gefühl, das ich mit meiner gesamten Musik anstrebe, ist eine Art euphorische Melancholie", so beschreibt Harle sein Album. Die erreicht man am besten mit Tracks, die Genres wie Gabber, Happy Hardcore oder Eurodance zitieren, findet er.

Hyperpop, so wird diese Musik genannt. Sie spielt mit Übertreibung und dreht Gruselgenres aus der Vergangenheit auf Zukunft. Postmodern. Als wäre das Chaos eines Reddit-Forums Musik geworden. Harle interessiert sich dabei besonders für die traurigen Messages dieser Elektro-Tracks aus den späten 1990er- und frühen 2000er-Jahren:

"Es gibt ganz viel elektronische Tanzmusik, die im Kern traurig ist und trotzdem Lust auf Tanzen macht. Ein Song wie 'Better Off Alone' von Alice DJ hat eine ziemlich traurige Botschaft."

Anstrengend wie ein Twitter-Feed

"Es gibt etwas Besonderes an elektronischer Musik, die wie ein Song strukturiert ist, das mir schon immer sehr gut gefallen hat. Ich denke, es ist die Wiederholung der gleichen Phrase immer und immer wieder. Wenn die Phrase gut und bewegend genug ist, um wiederholt zu werden: Das ist für mich das wirkungsvollste musikalische Mittel", so Harle.

Vielleicht sei seine Lust am Loop aber auch darauf zurückzuführen, dass er ein eher einfach gestrickter Typ sei, so Harle weiter. In jedem Fall sind die monotonen Elektrobeats auf "Harlecore" in etwa so anstrengend wie ein Twitter-Feed. Sie symbolisieren die hyperschnelle Dynamik der digitalen Kultur.

Wie ein Teletubbie auf Dogen

Für "Harlecore" hat Danny L Harle außerdem eine eigene visuelle Welt geschaffen. Auf dem Cover des Albums sieht man vier Alter Egos von ihm, die farblich die vier Elemente repräsentieren. Die Avatare agieren in Harles Musikvideos wie Figuren aus Computerspielen. Da ist etwa DJ Mayhem, ein wütendes Monster, das mit einem riesigen Hammer einen Club zerstört. Oder MC Boing, ein unruhiges, blaues Männchen, das aussieht wie ein Teletubbie auf Drogen – und auch so klingt.

Harles imaginäre Welt wirkt wie ein virtueller Zufluchtsort. Der Brite ist nah bei seinen Fans. Er diskutiert etwa mit ihnen beim Instant-Messaging-Dienst Discord, der besonders beliebt in der E-Sport-Szene ist.

Am Freitag soll online der "Club Harlecore" eröffnen, ein virtueller Club. Gaming-Ästhetik und Pop. Harle baut aus diesen Welten ein anschlussfähiges Kommunikationswerkzeug:

"Ich spiele viele Games und bewundere dieses Medium. Mit Spielwelten lassen sich Dinge einfach sehr gut darstellen. Ich möchte damit meine Erfahrung beim Hören von Rave-Musik ausdrücken und hoffe, dass andere Menschen diese Erfahrung teilen. So kann ich mit Menschen auf der ganzen Welt kommunizieren. Mir geht es dabei um dieses Gefühl, wenn ein Musikstück etwas auszudrücken scheint, das du schon sehr lange in dir spürst und nie ausdrücken konntest. Das möchte ich erreichen, aber im großen Stil."

Danny L Harles Musik ist der aktuelle Ausdruck einer von Technologie getriebenen Popmusik. Man könnte sagen: Harle nutzt das Internet als Instrument. Animierte Clubs, virtuelle Warteschlangen und Sounds, die von digitalen Räumen und Kunstformen inspiriert sind: Online-Foren, Memes, Computerspielen. Danny L Harle zeigt mit "Harlecore", dass im Netz ernstzunehmende Kunst entsteht, auch wenn dieses Album an der ein oder anderen Stelle genau das Gegenteil behauptet.

(hte)

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