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Interview | Beitrag vom 14.01.2019

Hygiene-Portal "Topf Secret""Wir wollen die Geheimniskrämerei beenden"

Oliver Huizinga im Gespräch mit Stephan Karkowsky

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Das Logo von Topf-Secret ist auf der Homepage von FragDenStaat vor einem Stadtplan zu sehen. (FragDenStaat.de / Screenshot)
Über das Portal "Topf Secret" sollen Verbraucherinnen mehr über Hygienemängel bei Restaurants und Lebensmittelläden erfahren können. (FragDenStaat.de / Screenshot)

Wie steht es um die Hygiene beim Bäcker, Imbiss, der Pizzeria von nebenan? In Deutschland fehle es an Transparenz, sagt Oliver Huizinga von Foodwatch. Die Verbraucherschützer möchten mit dem neuen Portal "Topf Secret" für mehr Klarheit sorgen.

Stephan Karkowsky: Der Verbraucherschutzverein Foodwatch will mit einer Online-Plattform für mehr Transparenz sorgen, bei hygienischen Missständen in Restaurants. Lustiger Name, denn die Plattform heißt "Topf Secret". Und wie die funktionieren soll, das fragen wir Oliver Huizinga von Foodwatch. Guten Morgen Herr Huizinga!

Oliver Huizinga: Schönen guten Morgen!

Karkowsky: Plattform, Hygiene, Transparenz – da war mein erster Gedanke, Sie wollen einen Online-Pranger einrichten, auf dem die Verbraucher sich beschweren können, falls die sich mal bei einem Restaurantbesuch den Magen verdorben haben. Ist das so?

Huizinga: Nein, ganz und gar nicht. Das ist keine Plattform, wo Verbraucherinnen und Verbraucher irgendwelche Sachen loswerden können, sondern da geht es darum: Im Moment ist es ja so, die Lebensmittelkontrolleure, also offiziell vom Staat aus, die gehen ja jedes Jahr in hunderttausende Betriebe und finden dann auch bei jedem vierten Betrieb Hygienemängel.

Die Verbraucherinnen und Verbraucher erfahren davon aber in der Regel nicht. Und dazu soll die Plattform dienen, denn die Verbraucher können dort dann Anfragen stellen bei den Behörden nach den offiziellen Ergebnissen – und können das dann auch aktiv anderen Verbrauchern zugänglich machen. Also, auf diese Weise wollen wir die Geheimniskrämerei in der Lebensmittelüberwachung in den Amtsstuben ein Stück weit beenden.

Oliver Huizinga sitzt  für ein Teamporträt auf einem Sessel (Foodwatch / Darek Gontarski)Oliver Huizinga von Foodwatch (Foodwatch / Darek Gontarski)

Karkowsky: Also fragen Sie bei den Behörden nach – nach diesen Informationen? Oder muss ich als Verbraucher über Ihr Onlineportal selbst aktiv werden?

Huizinga: Die Verbraucher werden über unser Portal aktiv. Im Moment ist es so, dass nach dem Verbraucherinformationsgesetz die Leute eigentlich einen Anspruch darauf haben, diese Infos zu erfahren, wie steht es um die Hygiene zum Beispiel im Bäcker von nebenan, aber dieses Instrument benutzt fast keiner, weil es so kompliziert ist. Mit unserer Plattform machen wir es so einfach wie noch nie zuvor, solche Informationsabfragen zu stellen.

Und nicht nur das, man kann die danach auch noch veröffentlichen, sodass auch andere Verbraucherinnen und Verbraucher gewarnt sind, sollte eben bei der Bäckerei von nebenan Ungeziefer im Lager sein, dann wissen das danach alle. Und der Unternehmer hat auch einen entsprechenden Anreiz, in die Hygienemaßnahmen, in bauliche Veränderungen oder auch in Personalschulungen zu investieren. In anderen Ländern sind diese Infos seit vielen Jahren schon online – und zwar vom Staat aus, offiziell. Und das hat dazu geführt, dass die Hygiene sich drastisch verbessert hat, beispielsweise in Wales, in Dänemark oder auch in Norwegen.

Erleichtert die Abfrage beim "Hygienekontrollbericht"

Karkowsky: Ich kann mir noch nicht so richtig vorstellen, wie das funktioniert. Mal angenommen, ich möchte heute Mittag eine Currywurst essen gehen in Berlin. Ich gehe dann auf Ihre Plattform, gebe den Namen des Imbisses ein und frage, ist der sauber, kann ich da bedenkenlos hingehen. Wie lange dauert es denn, bis die Information kommt?

Huizinga: Im Grunde kommt es darauf an, ob jemand anderes schon die Anfrage gestellt hat.

Karkowsky: Und wenn nicht?

Huizinga: … ob es ganz schnell geht. Wenn nicht, dann muss man selber diese Anfrage stellen, also man geht auf die Seite, da öffnet sich eine Karte, und dann kann man eben wie bei anderen Karten auch da ein bestimmtes Lokal auswählen und dann auf "Hygienekontrollbericht" anfragen – sollte noch keiner online sein – und dann dauert es tatsächlich mehrere Wochen, bis die Behörde diese Anfrage bearbeitet hat. Dann bekommt man eine Mail, kann das Ganze dann eben einsehen und anderen Verbrauchern zugänglich machen.

Karkowsky: Wenn es mehrere Wochen dauert, bis die Behörde meinen Antrag überhaupt bearbeitet hat, wie alt ist denn dann das Ergebnis, was ich kriege, also der Hygienebericht?

Huizinga: Die Hygienekontrollen finden ja nicht wöchentlich statt in den Betrieben. Also logischerweise ist es immer etwas, was ein paar Monate zurückliegt. Aber das sagt natürlich trotzdem etwas darüber aus, wie eigentlich der Zustand in dem Betrieb ist, wie ist eigentlich das Hygienemanagement, ist das Personal geschult, gibt es in dem Produktionsbereich ein Waschbecken, dass die sich auch die Hände waschen und desinfizieren können?

All solche Fragen findet man in diesen Kontrollberichten, also auch, wenn die dann ein paar Wochen alt sind, naturgemäß sagt das etwas aus über den Hygienezustand. Und vor allen Dingen ist es ein Anreiz für die Betriebe, in Hygiene zu investieren. Das sehen wir in anderen Ländern, in denen mehr Transparenz ist, ist die Hygiene drastisch verbessert worden.

"Das ändert sich nicht, solange es keine Transparenz gibt"

Karkowsky: Aber normalerweise ist es ja so, dass dieser Hygienebericht bereits für das Unternehmen ein Anreiz sein sollte, seine Hygiene zu verbessern. Wenn der nun mehrere Wochen oder vielleicht Monate sogar alt ist, kann es ja längst sein, dass dort andere Zustände herrschen. Bestrafen Sie da nicht Menschen, die vielleicht längst sich gebessert haben mit Berichten, die dann ewig lang im Internet stehen und für alle sagen, da geht ihr mal besser nicht hin?

Huizinga: Die Hygiene hat sich nachweislich durch die bisherige Praxis nicht verbessert. Wir haben seit vielen, vielen Jahren eine Diskussion darüber, dass es mehr Transparenz geben sollte über Hygienemissstände, aber wir haben eben keine Transparenz bekommen. Wir sehen, dass die Beanstandungsquoten, also der Anteil derjenigen Betriebe, die bei den offiziellen Kontrollen eben Hygienemängel aufweisen, dass der seit vielen Jahren konstant ist, nämlich jeder vierte Betrieb. Und das ändert sich nicht, solange es keine Transparenz gibt, das ist unsere Erfahrung, und diese Transparenz wollen wir selber schaffen, weil Bund und Länder es bis heute nicht geschafft haben, vom Staat aus eine solche Information zu gewährleisten. Und deshalb machen wir das jetzt selber.

Karkowsky: Das neue Portal ist wie zu finden, für alle, die es jetzt ausprobieren wollen?

Huizinga: Das geht auf topf-secret.foodwatch.de und dort kann man eben mit wenigen Klicks solche Anfragen stellen und diese auch veröffentlichen.

Karkowsky: "Topf Secret", so heißt das neue Portal von Foodwatch, vorgestellt von Oliver Huizinga. Ihnen einen herzlichen Dank!

Huizinga: Sehr gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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