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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 12.11.2020

Hybrides Arbeiten als ZukunftsmodellWir sind mehr als unser Job

Gedanken von Hans Rusinek

Ein Mensch in gemustertem weißem Hemd hebt die Arme empor – der Kopf ist mit einem orangene Kreis übermalt. (Getty Images / Stone RF / Alma Haser)
Wir können uns meist nicht mehr auf einen Beruf für das gesamte Leben festlegen. Das ist ein Vorteil, findet Transformationscoach Hans Rusinek. (Getty Images / Stone RF / Alma Haser)

Arbeit ist oft mehr als nur ein Job. Sie ist Beruf, fast schon Berufung und ein wichtiger Teil unserer Identität. Damit überfrachten wir sie und verkennen, was wichtig ist, sagt Transformationsberater Hans Rusinek. Er plädiert für hybrides Arbeiten.

"Und, was machst du so?", ist der Dieter Bohlen der Partyfragen. Sie kommt harmlos daher, aber bringt eine problematische Grundüberzeugung auf den Punkt. Du bist, was du arbeitest und erst das macht dich zur sinnvollen Existenz. Ausflüchte gibt es kaum, außer vielleicht: "Ich stehe hier und höre eine dumme Frage."

Diese Einordnungsfrage steht aber auch für eine untergehende Ära der Arbeit. Die meisten Arbeitsplätze könnten innerhalb der nächsten Jahrzehnte verschwinden. Die KI wird Menschen in immer mehr Berufen ersetzen. Dem Historiker Yuval Harari zufolge müssten wir also die Partyfrage in Zukunft ganz anders stellen: Was bist du ohne Arbeit?

Arbeit wird als sinnbildend überhöht

Aber wir müssen uns nicht diesen Träumen (Oder sind es Alpträume?) hingeben, um in der zyklopenhaften Fixierung auf die eine Arbeitsstelle schon heute etwas Zeitwidriges zu sehen. Wie die Psychologie weiß, ist es fatal, sein Ich aus einer einzigen Tätigkeit heraus zu konstruieren.

Die Arbeit ist heute mit Identitätsbedürfnissen überfrachtet und zerbricht daran: Jeder Sechste hat innerlich gekündigt und 85 Prozent sehen ihre Bedürfnisse auf der Arbeit nicht erfüllt. Mal zerbrechen auch die Arbeitenden selbst: In der post-industriellen Welt ist unser Werk immer weniger greifbar, wir sind nie ganz fertig, wir sind nie ganz zufrieden, wir beuten uns aus. Es fehlt ein fassbares Sinngefühl, das uns Selbstwert gibt, vergangene Sinnquellen wie Religion oder Nation sind ebenfalls versiegt.

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Dieser ganze Sinndruck in unserer Eingangsfrage führt dann dazu, dass viele eher sonntags Emails beantworten, als Montagabend ins Kino zu gehen. Nicht zuletzt hat diese Arbeitsobsession auch immer zu viel ausgeschlossen: Care-Arbeit, Haushaltsarbeit, Ehrenamt gelten als Antwort nicht. Dieses enge Verständnis darf in Zukunft, wenn wir diese mal normativ verstehen wollen, keinen Platz finden.

Zukunft durch hybrides Arbeiten geprägt

Was tritt dann aber an dessen Stelle? Vielleicht etwas, das ich hybrides Arbeiten nennen möchte. In Bewerbungsgesprächen höre ich es immer öfter: Montags arbeite ich an meiner Graphic Novel, ich möchte nebenbei Fotograf bleiben, wegen der Pferde kann ich nicht verreisen. Da wird nicht mehr ein Job als Lebensmittelpunkt gesucht.

Hybrides Arbeiten schafft Sinn aus mehreren Quellen auch aus ihrer Kombination: Arnold Odermatt machte aus seiner Zeit als Polizist große Kunst, Olga Tokarczuks Psychologinnenjob führte jüngst zum Literaturnobelpreis und Rapper Dexter hat seinen entspannten Flow vielleicht daher, dass er eigentlich Kinderarzt ist.

Hybrides Arbeiten schafft psychologische Sicherheit, weil der Sinndruck auf eine Tätigkeit sinkt (und damit sogar die Job-Performance steigert, wie eine aktuelle Studie zeigt), schafft Offenheit, weil in den Spannungsfeldern die Aufgaben der Zukunft liegen können, und macht Platz in der Gesellschaft für ein Arbeiten jenseits des Erwerbs, wo Arbeit wieder so verstanden wird wie vom Heiligen Bernhard. Der sprach ja von tätiger Liebe und nicht von Paychecks.

Welchen Sinn gibst du deiner Arbeit?

Aber das Wichtigste ist: Dieses fließende Verständnis von Arbeit dreht die Frage nach dem Sinn um: Nicht die Arbeit bringt mir Sinn, sondern ich bringe Sinn in die Arbeit. Arbeit ist das Gefäß, ich fülle es. Vielleicht ist hybrides Arbeiten heute noch die Utopie von ein paar Privilegierten, aber haben nicht alle sozialen Innovationen genau so angefangen? Und liegt der Anfang nicht darin als Partyfrage statt "Welche Arbeit gibt dir deinen Sinn", "Welchen Sinn gibst du deiner Arbeit" zu fragen?

Transformationsberater Hans Rusinek. (Ulrike Schacht) (Ulrike Schacht)Hans Rusinek ist Transformationsberater, Autor (in Medien wie "BrandEins" und "BusinessPunk") und Chefredakteur des "Transform Magazins" – einem Independent Magazin, das mit konstruktivem Journalismus ökologisch-gesellschaftlichen Wandel bewirken will. Zusätzlich engagiert er sich beim thinktank 30 des Club of Rome, wo er sich mit wirtschaftsethischen Fragen auseinandersetzt. Hans Rusinek beendete sein Studium der Volkswirtschaftslehre, Politik und Philosophie an der London School of Economics und ist ausgebildeter Design Thinker.

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