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Lesart / Archiv | Beitrag vom 01.08.2017

Huppertz/Klever "Meine Omi, die Wörter und ich"Wenn Wörter wild, schüchtern oder gut gelaunt sind

Von Sylvia Schwab

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Nikola Huppertz/Elsa Klever: "Meine Omi, die Wörter und ich" (imago/imagebroker/Tulipan Verlag)
Nikola Huppertz/Elsa Klever: "Meine Omi, die Wörter und ich" (imago/imagebroker/Tulipan Verlag)

Es gibt Bilderbücher, da ergänzen sich Text und Illustration perfekt: "Meine Omi, die Wörter und ich" ist eine großartige Geschichte über die Klangwelt von Wörtern und die Kraft der Liebe über Generationen hinweg.

Dies ist eine Es-war-einmal Geschichte und sie führt in jene märchenhafte Vergangenheit, die wir Kindheit nennen. Ganz zurück bis an den Punkt, an dem man seine ersten Worte lernt. In diesem Fall: "Omi", denn sie ist es, bei der "die Wörter wohnten".

Omi ist unkonventionell. Sie hat feuerroten Locken, trägt ihr Enkelkind so schwungvoll durch die Gegend, dass man meint, es könne fliegen und sie lebt in einem kleinen Zimmer mit zwar wenigen Möbelstücken, dafür aber mit ganz vielen Wörtern darin - und zwar mit so vielen, dass dem Kind das Zimmer schließlich wie ein Palast vorkommt. Da sind die lauten und wilden Wörter wie "Springteufel" oder "Schreibmaschine" und die leisen, schüchternen wie "Flucht" oder "Augenstern". Gute-Laune-Wörter wie "Zitronendrops" oder "Schuhplattler" und eklige wie "Quallenschlacht" oder "Eiterbeule".

Und wo diese Wörter wohnen – das ist sicher – gibt es auch die Erlebnisse, Erfahrungen und Gefühle, die sie benennen. Bei Omi lernt das Kind das Leben in allen seinen Nuancen kennen. Das Laute und das Lustige, das Schöne und Eklige, die Angst und das Tanzen. Kein Wunder also, dass sein erstes Wort "Omi" ist.

Eine wunderbare Wörtersammlung

Mit der Zeit wird das Zimmer der Oma immer leerer, immer wortloser. Und Omi, nachdem sie dem kleinen Jungen alle ihre Wörter geschenkt hat, beginnt zu verstummen. Und als er ihr seine eigenen, modernen Wörter schenken will - "Konsolenspiel", "Speicherkarte" oder "Chicken Nugget" – da kann sie sie nicht mehr annehmen. Die alte Frau wird immer stiller und stirbt. Ihr letztes Wort ist sein Name: Mio. So wie sein erstes Wort "Omi" war.

Dieses zarte Ende könnte rührselig wirken, aber das lassen die temperamentvollen, streng in Blau, Weiß und Rot gehalten Illustrationen von Elsa Klever nicht zu. Mio hat so feuerrote Haare wie seine Omi. Und auf den meisten Bildern wirbeln unzählige Dinge durch die Luft, fliegen und segeln. Dinge, die zu den Wörtern gehören, die Mio lernt: Tiere, Maschinen, Obst, Gemüse, Kleidungsstücke, Schulsachen, Spielzeug oder Musikinstrumente – alles schwebt, purzelt oder saust quer über die Seiten. Von links nach rechts und von rechts nach links. Fantastisch und zugleich witzig erinnert das ein wenig an die Scherenschnitte von Henry Matisse mit den schwebenden Pflanzen und Objekten.

Besonders an diesem Bilderbuch ist, dass man die Wörter, die das Kind mit der Zeit lernt, nicht nur lesen und sehen kann, sondern dass noch viel mehr Wörter auf den Bildern zu entdecken gibt. Eine wunderbare Wörtersammlung entsteht so, die schon beim Vorlesen einen eigenen Klang hat: "Springteufel", "Sternschnuppe", "Tunichtgut", "Wundertüte", "Augenstern", "Tränenschleier"… was kann man Schöneres erben als solche Wörter und Erfahrungen?

Nikola Huppertz/Elsa Klever: "Meine Omi, die Wörter und ich"
Tulipan Verlag, München 2017
36 Seiten, 15 Euro
ab 4 Jahren

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