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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 14.10.2009

Hunger, Gewalt, Unterdrückung

Eileen Chang: "Das Reispflanzlerlied", Claassen Verlag, Düsseldorf 2009, 240 Seiten

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Mao Zedongs Herrschaft nötigte den Bauern immer mehr ab. (AP Archiv)
Mao Zedongs Herrschaft nötigte den Bauern immer mehr ab. (AP Archiv)

Eileen Chang verfasste den fatalistischen Roman "Das Reispflanzlerlied" im Jahr 1952 in Hongkong, als Auftragsarbeit des United States Information Service. Sie schrieb ihn in englischer Sprache und übersetzte ihn später in Amerika selbst ins Chinesische.

Die Geschichte spielt - für Changs literarisches Werk eher ungewöhnlich - zu Beginn der fünfziger Jahre in einem Dorf, im bäuerlichen Milieu der Frühphase des Maoismus. Der Leser lernt eine Gesellschaft kennen, deren traditioneller Alltag äußerlich intakt erscheint, die innerlich aber an den verheerenden Auswirkungen der kommunistischen Landreform leidet und am Ende an den Repressionen des Regimes zerbricht.

Im Mittelpunkt der Erzählung steht das Drama einer Familie: Drei Jahre war die Bäuerin Yuexiang ohne Mann und ohne Kind in Shanghai, um als Dienstmädchen Geld zu verdienen. Als sie zurückkehrt, erkennt sie nicht einmal ihre eigene kleine Tochter wieder. Die private Entfremdung gibt den Topos des Romans vor: die soziale Brutalisierung unter dem Druck von Hunger und Not und dem Diktat der Partei, die immer größere, unerfüllbare Abgaben von den Bauern fordert. Die Dorfbewohnerschaft lenkt ihren Hass nun auf Yuexiang, unterstellt ihr, heimlich Ess- und Geldvorräte aus der Stadt zu hüten.

Auch in der ehemals zärtlichen Ehe von Yuexiang und ihrem Mann Jingen brechen Aggressionen durch. Es ist Vorspiel der Gewalteskalation, auf die die Romangeschichte zuläuft: Die Bauern üben den Aufstand gegen die Partei. Er wird im Handumdrehen blutig niedergeschlagen, dabei kommen auch die Eheleute Yuexiang und Jingen ums Leben.

Literaturgeschichtlich zählt "Das Reispflanzerlied" zur realistischen Moderne. Was den spröden, bisweilen reportagehaft anmutenden Roman von einem plakativen, antikommunistischen Lehrstück unterscheidet, ist zum einen die poetische Dichte von Eileen Changs Beschreibungskunst, zum anderen die philosophische Weite des Stoffes. Der nackte Hunger, an dem die Bauern leiden, wird in dem Bauernmelodram "Das Reispflanzlerlied" zum universellen Symbol einer leidenden Welt.

Der Roman erschien zum ersten Mal in den sechziger Jahren ohne nennenswerte Resonanz in Deutschland, er wurde jetzt in einer Neuübersetzung noch einmal veröffentlicht, die sowohl die englische, als auch die bildlichere, chinesische Version berücksichtigt.

Besprochen von Ursula März

Eileen Chang: Das Reispflanzlerlied
Aus dem Englischen unter Berücksichtigung des Chinesischen von Susanne Hornfeck
Claassen Verlag, Düsseldorf 2009
240 Seiten, 19,90 EUR

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