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Fazit / Archiv | Beitrag vom 29.10.2014

HumorkundeVon Dada und Gottes Würfelspielen

Alfred Brendel und Peter Esterházy diskutierten in Weimar über Unsinn

Von Henry Bernhard

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Der Pianist Alfred Brendel  (picture alliance / dpa)
Musikalisch ohnehin, aber auch ziemlich lustig: der Pianist Alfred Brendel (picture alliance / dpa)

Kann ein weltberühmter Pianist, der sich mit ernster Musik beschäftigt, auch Sinn für Humor haben? Und wie! Das bewies Alfred Brendel bei einem Gesprächsabend in Weimar mit dem ungarischen Schriftsteller Peter Esterházy, bei dem beide zeigten: Humor ist eine Ausweg aus dem Unabänderlichen.

Loriot ließ einmal eine seiner Figuren sagen, dass sie in kein Konzert mehr ginge, wenn sie darauf gefasst sein müsse, dass plötzlich ein Trompeter in eine Geige bliese. Wer den Abend im wundervollen Bücher-Kubus der Weimarer Anna-Amalia-Bibliothek besuchte, wusste, worauf er sich einlässt, nämlich auch darauf, dass ein Pianist hintersinnige Gedichte lesen, keinesfalls aber Klavier spielen würde.

Reichert: "Wir haben gar keine Tonprobe gemacht."
Esterházy: "Doch, ich habe gerade ..."
Reichert: "Du hast gerade hinein gehustet!? Alfred, willst Du auch mal probieren, ob's geht?"
Esterházy: "Aber Herr Brendel darf die Probe nicht machen, weil: Da werden wir nie Ende kriegen! Ja, sie merken: Wir sind schon mittendrin im Unsinn!"

Melancholischer Sound 

Die Mikrofonprobe gab den Ton des Abends vor: Ein melancholischer Sound, der dem Ernst der Welt den Humor entgegenstellt. Als Über-Lebensmittel. Alfred Brendel, der weltberühmte Pianist, ist auch ein Humorist, der das Gedicht als filigranes Medium gefunden hat, Irrsinn und Ordnung in Einklang zu bringen.

Brendel: "Der Gottsoberste, da hockt er immer noch in einem seiner schwarzen Löcher und brütet Unsinn. Was bastelt er denn gerade zusammen? Ein paar Milchstraßen? Oder bloß einen neuen, schlecht funktionierenden Zweibeiner? Manchmal saugt er sich ein ganzes Universum aus den Gichtfingern. Dann lacht er schallend, leckt sich die Lippen und droht uns mit dem goldenen Fingernagel.
Natürlich gibt es ihn keineswegs! Aber wir halten ihn trotzdem hoch: Unsere allerhöchste Zielscheibe!
Irgendwo müssen wir ja hin schießen, oder hinlieben..."

Moderator Klaus Reichert , ehemals Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, wollte von Alfred Brendel, der in London lebt, wissen, ob dieser Ort dessen Humor geprägt habe. Die Antwort gab natürlich: Péter Esterházy.

Reichert: "Ich will damit darauf hinweisen, dass man in einer Welt der Katastrophen eigentlich nur mit dem Unsinn, mit dem Absurden, mit dem Grotesken darauf reagieren kann ..."

Esterházy: "Aber dafür braucht man nicht in London zu leben; es genügt, in Budapest zu leben. Nämlich, da kommt das nicht via Literatur oder von oben sozusagen, sondern von unten. Also purer Realismus. Unsinn, Realismus oder sozialistischer Realismus: Das ist dasselbe! Oder auch das Lachen als einzige Möglichkeit, die Diktatur auszulachen, das ist dann doch schon etwas! Das kennen wir: Der König, der nackt ist: Der kommt dann doch in Verlegenheit, wenn er ausgelacht wird."

Humor als Ausweg aus dem Unabänderlichen

Ein Dichter müsse keinen Gedanken haben, meinte Esterházy; aber ein Gedicht ohne Gedanken sei eine Katastrophe. Jeder Unsinn müsse ein bißchen Sinn haben. Alfred Brendel pflichtete ihm bei: Tödlichem Ernst könne man durch scheinbaren Unsinn entgehen.

Brendel: "Raoul Hausmann hat später dann gesagt: Der Dadaist hasst die Dummheit und liebt den Unsinn. Und das ist sehr gut auf den Ersten Weltkrieg anzuwenden: Die katastrophale Dummheit des Krieges wurde dann durch den Dadaismus sozusagen befreit – jedenfalls für einen Augenblick."

Humor als Ausweg aus dem Unabänderlichen ist das eine, das andere ist ein ironischer Blick von Brendel und Esterházy auf das eigene Leben.

Esterházy: "Vielleicht nicht der Witz unbedingt; aber schon diese ... Nicht einmal Ironie, sondern Selbstironie, das brauche ich, glaube ich. Dass ist schon wichtig zu sehen – ich kann auch nicht nicht sehen meine eigene Lächerlichkeit. Das ist wichtig. Ja, das ist wichtig."

Den Vormarsch des Lustigen sahen Brendel und Esterházy mit gemischten Gefühlen. Gerade in Deutschland sei das gewollt Leichte doch oft sehr schwerfällig. Und dann, gegen Ende des Abends, stellte der große Pianist Brendel dem großen Romancier Esterházy die Frage aller Fragen:

Brendel: "Haben sie eine Formel für das Leben gefunden?"

Esterházy: "Beinah! Wir arbeiten dran! Das ist auch dieser große Irrtum von Einstein. Ich habe das aufgeschrieben, dieses schöne Gedicht von ihnen, wo ..."

Brendel: "Ich kann ihnen aushelfen! Als Einstein, im Himmel angelangt, sah, dass Gott würfelte, drehte er sich um und sagte: Wo geht's hier zur Hölle?"

Mehr zum Thema:

Alfred Brendel - Feind des Wortschwalls
(Deutschlandradio Kultur, Tonart, 01.08.2014)

Gesprächskonzert mit Alfred Brendel
(Deutschlandradio Kultur, Konzert, 03.07.2013)

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