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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 21.08.2017

Humor in Kanada, Polen und ÄgyptenSatire als Seismograf von Freiheit

Von Georg Schwarte

Comedian Brian Calvert trägt einen Wollpullover und guckt in die Kamera in einem YouTube-Video. (Screenshot Youtube)
Comedian Brian Calvert wirbt bei US-Amerikanern für die "Kanada-Partei" (Screenshot Youtube)

„Wählt Kanada zum US-Präsidenten“, warb der Comedian Brian Calvert. In Polen vereint die Satire-Soap „Das Ohr des Vorsitzenden“ Gegner und Anhänger von Jaroslaw Kaczynski. Und in arabischsprachigen Ländern gibt es Mutige, die auch den IS aufs Korn nehmen.

Brian Calvert ist einer von 35 Millionen Kanadiern, die sich dieser Tage wundern. Und weil Brian Calvert Comedian und Buchautor ist, hat er versucht aufzuschreiben, warum sich die kleine bescheidene, stets freundliche kanadische Seele so wundern muss.

Das Ergebnis: Brian Calvert der inoffizielle Vorsitzende der sehr inoffiziellen neuen "Kanada-Partei". Das Ziel: Amerika, dem großen Nachbarn im Süden zu helfen. Der Weg: Ganz Kanada kandidiert als nächster amerikanischer Präsident.

"Wir verfolgen die einzige Möglichkeit, die es noch gibt. Wir haben mit dem Rest der Welt gesprochen. Wir sind uns einig: Eure Abhängigkeit und Lust am Streit und politischem Hass wird gefährlich. Ihr seit dabei, eine Überdosis zu schlucken. Deshalb wollen wir Euch eine Pause gönnen, um euren Platz im Universum wieder zu finden. Es ist keine Invasion. Wir wollen nur helfen."

Brian Calvert, der Mann im Strickpulli, mit kleinem Bauch und Vollbart, sieht aus wie ein Kanadier, lebt wie ein Kanadier, spricht wie ein Kanadier und ist dieser Tage genauso froh wie alle Kanadier, Kanadier zu sein. "Was unsere Seele ausmacht: Wir sind keine Amerikaner", sagt er.

Kinder-Hort in Kanada wie Vereinte Nationen

Brian Calvert sitzt in einem Cafe in Vancouver und macht sich Gedanken. In Kanada schätzen sie Einwanderung, sie schätzen das Andere, das Fremde, das Neue. Sie nehmen Flüchtlinge auf und in der kanadischen Verfassung ist Multikulturalismus als Staatsziel definiert. "Wenn Du wissen willst, was Kanada ausmacht, dann solltest Du mit mir nachmittags meine Tochter aus ihrem Hort abholen", sagt der Mann mit dem trockenen kanadischen Humor:

"Der Hort sieht aus wie die Vereinten Nationen. Fantastisch. So wächst sie auf. Sie hat keine Idee, dass es Länder gibt, wo alle die gleiche Hautfarbe, Religion, Haarfarbe haben. Das wird für meine Tochter und alle anderen eine abstrakte Idee sein."

In Amerika, dem Land, mit dem sich Kanada auch in diesen Tagen die längste Landgrenze der Welt teilen muss, lernen sie gerade wieder die Angst vor dem Fremden. Hier in Kanada sind alle als Fremde hergekommen sagt Calvert.

Aber bevor wir jetzt den Friedensnobelpreis für unsere unendliche Fähigkeit zur Integration bekommen, dimmt der Chef der Kanada-Partei die Leuchtkraft des kanadischen Heiligenschein gleich wieder ein wenig herunter. Es sei ja kein Wunder, dass Kanada dieser Tage ganz besonders nett aussehe, jetzt, da Donald Trump im Weißen Haus in Washington sitze. Das sei wie früher in der Schule meint er. "Wenn Du da neben dem größten Arschloch der Klasse gesessen hast, sahst Du automatisch besser aus als Du eigentlich warst."

Kanada, das bessere Amerika? Auf jeden Fall das neugierigere, sagt der Comedian. Kanadier reisen. Was ja kein Wunder sei, schließlich seien weite Teile des Landes im Winter weitgehend unbewohnbar.

Die Barbaren leben nun im Süden

Voltaire nannte Kanada einst eine Eiswüste, bewohnt von Barbaren, Bären und Bibern. Jetzt wohnen die Barbaren offenbar weiter im Süden und Brian Calvert, der Satiriker sagt: "Weißt Du noch, als sie Trump nach dem Brexit gefragt haben? Er sagte. 'Oh delicious'. 'Lecker'. Er hat es vermutlich für eine Schüssel Vollkornflocken gehalten."

"Trump hat glaube ich noch nie Zeit damit verschwendet, zu überlegen, wie andere Menschen leben, was andere Kulturen vielleicht an Bereicherung bringen könnten. Das kommt wohl von dieser 'Wir sind die Nummer eins auf der Welt'-Mentalität. Warum sollte ich mich interessieren. Wir machen doch alles richtig."

Kanada hat jetzt ein klitzekleines bisschen Angst vor dem Nachbarn im Süden. Und weil Brian Calvert eben ist, wie er ist, baut er gerade an seiner Antwort. Trump will eine Mauer an der Grenze bauen. Brian Calvert sagt: "Entweder ihr wählt uns Kanadier als nächste US-Präsidenten oder wir haben bis dahin unsere Mauer an der kanadisch-amerikanischen Grenze fertig."


Die Figuren von PiS-Chef Jaroslaw Kaczynski (M), Ministerpräsidentin Beata Szydlo und dem polnischen Präsidenten Andrzej Duda als Marionetten inmitten von Demonstranten, die am 6.5.17 in Warschau auf die Straße gingen.  (Janek SKARZYNSKI / AFP)PiS-Chef Jaroslaw Kaczynski, Ministerpräsidentin Beata Szydlo und Präsident Andrzej Duda als Marionetten. (Janek SKARZYNSKI / AFP)

Satire-Soap in Polen: "Am Ohr des Vorsitzenden"

Von Florian Kellermann

Eine Demonstration vor dem Präsidentenpalast in Warschau: Die Menschen fordern das Staatsoberhaupt auf, ein Veto gegen die Justizreform einzulegen. Manche der Plakate, die sie hochhalten, verstehen nur Eingeweihte. "Adrian, werde endlich Andrzej", steht da zum Beispiel.

"Andrzej" ist hier Staatspräsident Andrzej Duda, "Adrian" ist die Figur in einer Satiresendung, die den Präsidenten bös karikiert. Adrian verbringt seine Tage auf dem Korridor, er isst belegte Brote und wartet darauf, dass der Parteivorsitzende ihn einlässt. Er sagt Sachen wie: "Entschuldigung, wann darf ich eintreten", und: "Ich habe eine Dienstreise nach Brüssel und will bloß fragen, was ich dort sagen soll."

Mit dem mächtigen Parteivorsitzenden ist natürlich Jaroslaw Kaczynski gemeint, der Chef der Regierungspartei PiS. Und Adrian wartet nur darauf, dass er alle Gesetze, die von der PiS-Mehrheit im Parlament beschlossen werden, brav unterschreiben darf.

Die Macht der Satire

Damit ist Schluss, seit aus Adrian tatsächlich Andrzej wurde, ein selbständiger Politiker - der überraschend tatsächlich sein Veto eingelegt hat gegen die Justizreform.

"Die Satire hat etwas bewirkt, sie hat immer noch Macht in Polen. Dieses Bild des hilflosen Adrian hat den Präsident wirklich gequält, das haben seine Mitarbeiter in privaten Gesprächen zugegeben. Er hat eine Gelegenheit gesucht, sich zu befreien, und hat sie gefunden. Die Justizreform hätte der Regierung eine starke Waffe in die Hand gegeben. "

"Das Ohr des Vorsitzenden", heißt die Satire-Serie, die es seit Anfang des Jahres gibt. Weil eben alle nur eines wollen: Beim großen Parteichef vorstellig werden und um seine Gunst kämpfen. Der Vorsitzende sitzt an seinem altbackenen Schreibtisch, ohne Computer, dafür mit Karamellbonbons, und regiert von hier aus das Land.

Der Schöpfer der Serie ist Robert Gorski. Er ist die treibende Kraft im Warschauer "Kabarett der moralischen Unruhe". Schon über die Vorgängerregierung schuf er eine kleine Serie, doch "Das Ohr des Vorsitzenden" ist wohl der bisher größte Erfolg des 46-Jährigen. Gorski spielt den mächtigen Parteivorsitzenden selber:

"Ein paar Freunde haben gewarnt: Warum tust Du Dir das an, dieser Politik-Sumpf. Sie werden dich zerfetzen wie Gaddafi in seinen letzten Tagen, Du hast so ein versöhnliches Image, der nette Mann vom Kabarett. Die Fernsehstationen haben abgewinkt, weil sie Angst hatten, das am nächsten Tag die Steuerfahndung kommt und ihren Betrieb schließt. Später hat sich gezeigt, dass die Serie die Polen ähnlich stark eint wie einst der erste Besuch von Papst Johannes Paul II."

Der Humor ist intelligent und nicht bösartig

Zuerst wollte keine Fernsehstation die Serie einkaufen, heute gibt Gorski sie nicht mehr her, wie er sagt. Er veröffentlicht die Episoden auf "YouTube", die meisten von ihnen sind dort kostenlos zu sehen. Die erste Folge ist inzwischen 9,5 Millionen Mal aufgerufen worden.

Auch von den führenden Politikern der rechtskonservativen Regierungspartei PiS und von Jaroslaw Kaczynski selbst:

"Wenn die Leute lachen können, ist es immer gut, von mir aus auch über mich. Mir gefallen die Szenen mit meiner Katze, wie ich sie füttere. Obwohl erwachsene Katzen in Wahrheit gar keine Milch trinken."

Jaroslaw Kaczynski kann in der Tat zufrieden sein. Die Figur des Vorsitzenden ist keineswegs unsympathisch gezeichnet. Und ganz offensichtlich ist er allen, die um ihn herum scharwenzeln, intellektuell weit überlegen.

Wie in der 14. Episode: ein Stelldichein zum Namenstag. Der Chef des öffentlichen Fernsehens schenkt eine Gitarre, bezeichnet den Vorsitzenden als "vielmaliges Genie", "Titan der Titanen" und "Stratege des Glücks". Ministerpräsidentin Beata Szydlo bringt Piroggen, die polnischen Teigtaschen. Wie immer schaltet sie ihre emotionslose Computerstimme ein:

"Wir wünschen Gesundheit, Glück, Erfolg, 100 Jahre auf dieser Welt und nur fröhliche Tage. Damit die Träume, die am Grund des Herzens verborgen liegen, sich erfüllen. Wir werfen auch eine Handvoll Glauben und Hoffnung dazu. Damit der gute Geist sie nicht verlässt."

"Ist bald Schluss?", unterbricht der Vorsitzende respektlos und kommentiert den Blazer der Regierungschefin: "Eine typisch polnische Farbe: Gelb wie Galle."

Nur einer kann dem Parteichef das Wasser reichen: Antoni, die Figur, die Verteidigungsminister Antoni Macierewicz darstellt. Er darf dem Vorsitzenden sogar drohen.

Der polnische Verteidigungsminister Antoni Macierewicz | (Radek Pietruszka)Antoni Macierewicz ist der polnische Verteidigungsminister. (Radek Pietruszka) 

Der Zuschauer spürt, hinter ihm stehen Kräfte, die der sonst so Mächtige nicht beherrscht. Wie in Wirklichkeit: Macierewicz ist mit dem Sender Radio Maryja verbunden, dessen Hörer zu den treuesten PiS-Anhängern zählen.

Der Humor in "Das Ohr des Vorsitzenden" ist intelligent und nicht bösartig. Er stellt sich weder auf die Seite der Regierung noch der Opposition. Gerade deshalb wirkt er immens aufklärerisch: Er legt offen, wie alle politischen Machtstränge im Land bei einer Person zusammenlaufen, die von der Welt abgeschnitten lebt und doch alle anderen zu Statisten degradiert. Der Zuschauer kann selbst den Schluss ziehen, ob er das für ein gelungenes Regierungsmodell hält.


Der Komiker Bassem Youssef auf dem Weg zum gericht (Bild: picture alliance / dpa) (picture alliance / dpa)Der Komiker Bassem Youssef auf dem Weg zum gericht (Bild: picture alliance / dpa) (picture alliance / dpa)

Humor in arabischsprachigen Ländern: Gefährlich, witzig, mutig

Von Michael Lohse

Ägyptischer Humor gilt als führend, sagt ARD-Kairo-Korrespondent Michael Lohse. Sitcoms und Kinokomödien aus Ägypten würden im gesamten arabischen Sprachraum geschaut. Im Volksmund hießen die Ägypter auch "Sohn des Witzes". Die Ursprünge könnten im krassen Gegensatz der großen Geschichte der Ägypter zu den Problemen der Gegenwart liegen, so Michael Lohse.

Eine Gallionsfigur war Bassem Youssef. Ein Arzt, der während der Revolution 2011 sein erstes YouTube-Video produzierte, schnell seine eigene Fernsehshow bekam, später unter dem neuen Präsidenten Sisi aber nach Justiz-Auseinandersetzungen das Land in die USA verließ, weil er um seine Familie fürchtete.

Das Vorbild aus den USA

Bassem Youssef hatte als Vorbild den US-Komiker Jon Stewart und dessen Daily Show. Beide haben sich auch merfach gegenseitig besucht in ihren Shows. Zwei Unterhaltungsgrößen, die jetzt nicht mehr aktiv im Fernsehen auftreten.

Mohammed Morgan ist dagegen noch aktiv. Er ist in Ägypten bekannt und setzt auf "Clean Comedy". Keine Witze über Politik und Präsident Sisi, zu gefährlich derzeit, erklärt Korrespondent Michael Lohse.

Aus dem Irak kommt Ahmed Basheer, der inzwischen seine eigene Show hat, die auch von der Deutschen Welle ausgestrahlt wird. In Saudi Arabien tritt Omar 'The White Sudani' Ramzi auf und im Gaza-Streifen die 19-Jährige Reham al-Kahlout. Weitere Künstler lernen Sie beim Hören der Weltzeit kennen.

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