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Fazit | Beitrag vom 11.12.2020

Humboldt-ForumErste Einblicke vor der Eröffnung

Von Christiane Habermalz

Der Schriftzug des Humboldt-Forums auf der Hausfassade. (picture alliance/dpa | Fabian Sommer)
Vor 18 Jahren beschloss der Deutsche Bundestag, das Berliner Stadtschloss wiederaufzubauen. (picture alliance/dpa | Fabian Sommer)

670 Millionen Euro hat der Wiederaufbau des Hohenzollern-Schlosses im Zentrum Berlins bisher gekostet und acht Jahre hat er gedauert. Am Mittwoch wird das Humboldt-Forum eröffnet – coronabedingt zunächst nur digital.

Das ist neu. Erstmals müssen Journalisten keinen gelben Bauhelm mehr aufsetzen, wenn sie zu einem Rundgang durch das wieder errichtete Preußenschloss aufbrechen. Mit aller Macht soll signalisiert werden: Baustelle war gestern, der Bau des Humboldt-Forums ist abgeschlossen. Fertig ist hier allerdings noch vieles nicht.

Am Vorplatz wird noch wild gepflastert, auf den großen Mediaturm im Foyer die Software aufgespielt, rot-weiße Flatterbänder überall, es wird gebohrt und gefräst. Der Chef des Hauses, Generalintendant Hartmut Dorgerloh, drückt es so aus:

"Ich versuche, das meinen Kolleginnen und Kollegen so zu erklären: Man zieht in eine Wohnung und hat eben doch noch nicht den Telekom-Techniker da gehabt, oder es fehlt noch irgendein Teil in der Küche. Trotzdem ist immer entscheidend die erste Nacht, die man im neuen Domizil schläft."

Onlineführungen ab dem 16. Dezember

Die erste Nacht im neuen Humboldt-Forum wäre der 17. Dezember. An diesem Tag sollten die ersten Bereiche des riesigen Kulturtempels für Besucherinnen und Besucher geöffnet werden: das Foyer mit Veranstaltungsbereich, die Geschichte des Ortes und die Kinderausstellung "Nimm Platz" zur Kulturgeschichte des Sitzens.

Das Eingangsportal des Humboldt-Forums. (picture alliance/dpa | Fabian Sommer)Im Erdgeschoss wird eine Schau zu den Gebrüdern Humboldt zu sehen sein. (picture alliance/dpa | Fabian Sommer)

Doch coronabedingt kann das jetzt nur digital stattfinden. Selbst der Durchgang durch den rekonstruierten Schlüterhof und die Passagen, durch die Passanten Tag und Nacht hindurch laufen können, bleiben vorerst geschlossen. Stattdessen wird es nächste Woche Führungen fürs Publikum durch das Haus nur online geben.

"Im Rahmen der digitalen Öffnung von 19 bis 20 Uhr per Stream für alle Menschen zugänglich und erlebbar, auf Deutsch und Englisch, werden wir Einblicke aus dem Haus zeigen", erklärt Dorgerloh.

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"Einblicke", so heißt auch eine der ersten Ausstellungen zu den Namensgebern des Forums, den Gebrüdern Humboldt. Sie wird der Kaufhaus- und Bummelatmosphäre, die das Humboldt-Forum vor allem im Erdgeschoss und in der Passage ausstrahlen wird, aufs Schönste gerecht, indem sie die Schau zu den Gebrüdern Humboldt geschickt als Schaufensterausstellung inszeniert.

Kinder als Ausstellungsmacher

Interessant wird auch die erste Wechselausstellung werden, die jetzt geöffnet hätte. "Nimm Platz!" wurde mit Kindern und für Kinder konzipiert: Dass Sitzen eine universelle Eigenschaft des Menschseins ist und doch rund um den Globus und in der Kulturgeschichte ganz anders gesessen wird und wurde, dass es zudem sozial bedeutsam ist, welcher Platz einem zugewiesen wird in der Familie wie in der Gesellschaft, all das können Kinder hier spielerisch erfahren. Dazu erklärt Dorgerloh:

"Es gibt eine Sänfte und es gibt natürlich einen Thron. Toiletten waren ein großes Thema. Also deshalb gibt es diese beiden Häuschen mit Herz. Wir haben das zusammen mit Kindern entwickelt. Das war ein ganz großes Thema. Der Stuhlgang – woher kommt das eigentlich?"

Die Passage des Humboldt-Forums. (picture alliance/dpa | Fabian Sommer)Die Passage des Humboldt-Forums. (picture alliance/dpa | Fabian Sommer)

Darüber hinaus zeigt der Gang durch das fast fertige Humboldt-Forum vor allem, dass der Kulturtempel noch viel heterogener ist, als es die Bauphase hatte vermuten lassen. Aber auch, dass es viel weniger schlimm ist als befürchtet; dass sich sogar dem architektonischen Stilmix aus Retrokulisse und modernistischer Klarheit eine gewisse Ästhetik abgewinnen lässt.

Gelungene Bildhauerarbeiten, inhaltliche Inkongruenz

Das hohe Foyer mit dem mächtigen, figurenbestückten Eosander-Portal geht erstaunlich gut zusammen mit der modernen Rasterarchitektur des Architekten Franco Stella. Den Schlüterhof mit seinen drei rekonstruierten originalen Barockfassaden schaut man sich dagegen doch am besten an, indem man der vierten, neuen Seite mit der gesichtslosen Sparkassenoptik den Rücken zukehrt. Man staunt über die gelungenen Bildhauerarbeiten, die inhaltliche Inkongruenz bleibt.

Wenn Dorgerloh im Schlosshof steht und nach oben auf die beleuchteten Stockwerke zeigt, klingt es, als vermesse er die Welt:

"Erste Etage Berlinausstellung "Berlin Global", zweite Etage Ethnologisches Museum, da ist man dann vor allem in Südamerika oder auch in Afrika, und im obersten Geschoss, da ist man vor allem in Indonesien, in dem Teil dann Zentralasien entlang der Seidenstraße."

Im Inneren des Gebäudes wird schnell klar, dass man sich in einem Neubau befindet. Mit Rolltreppen fährt man in die oberen Stockwerke. Dort, auf den künftigen Ausstellungsflächen des Ethnologischen Museums, herrscht kühle Funktionalität. Weiße Decken und Wände, modernstes Ausstellungsdesign. Hier wird erst in der zweiten Jahreshälfte 2021 eröffnet werden.

Wechselvolle Geschichte

Von dem, was ab der nächsten Woche zumindest digital zugänglich sein wird, sind die überall im Haus verteilten "Spuren" am interessantesten, die die wechselvolle Geschichte des Ortes erzählen.

"Da, wo der Kollege noch irgendetwas einrichtet, finden Sie zum Beispiel einen Renaissancekamin, wo man erst dachte: Mensch toll, endlich haben wir Reste noch vom Renaissanceschloss. Nein, das ist aus dem Depot des Kunstgewerbemuseums, das hier nach 1918 eingerichtet wurde. Das ist im Krieg verschüttet und bei den Ausgrabungen gefunden worden."

Die Ausstellung im Keller des Humboldt-Forums zeigt die Grundmauern des Alten Schlosses. (picture alliance/dpa | Fabian Sommer)Die Ausstellung im Keller des Humboldt-Forums zeigt die Grundmauern des Alten Schlosses. (picture alliance/dpa | Fabian Sommer)

Zum Schlosskeller steigt man in den archäologischen Baugrund hinab: mit den Gemäuern des Dominikanerklosters, dem Rest der ersten Niedrigdruckdampfheizung, die 1894 der technikbegeisterte Kaiser Wilhelm II. im Schloss einbauen ließ, und sogar den noch vorhandenen Sprenglöchern, mit denen die DDR die Schlossruine 1960 in die Luft jagte.

Weitere "Spuren" finden sich etwa im Treppenbereich: Originalwegweiser zum Tanztreff aus dem Palast der Republik etwa und ein Überwachungsmonitor der Stasi, "weil sich manchmal in der Rückschau so ein idyllisches Bild vom Palast der Republik einstellt, als wäre das ein Ort ungetrübten Vergnügens gewesen", ist es Dorgeloh, der selber in Ostberlin aufgewachsen ist, wichtig, zu betonen.

Baukosten in Höhe von rund 670 Millionen Euro 

Schlicht grandios ist die vom Büro Detlev Weitz designte Installation auf einer 28 Meter langen Videoleinwand, die die Spolien zur Geschichte des Ortes wie auf einem riesigen Fotoleuchttisch von Geisterhand an- und umordnet und so spielerisch ein visuelles Zeitenpanorama durch die Jahrhunderte aufblättert, ohne selbst die hitzige Endlosdebatte um den Abriss des Palastes der Republik und den Schlossneubau auszusparen.

Die scheint heute lange her. Acht Jahre nach Baubeginn und 18 Jahre nach dem historischen Bundestagsbeschluss, das Hohenzollern-Schloss im Zentrum Berlins wiederaufzubauen. Rund 670 Millionen Euro wird der schöne Traum vom Schloss der Weltkulturen am Ende gekostet haben. Dieses ehrgeizige, umstrittene, größenwahnsinnige und vielleicht grandiose Humboldt-Forum muss jetzt endlich mit Leben gefüllt werden, um seine Widersprüche endgültig zu offenbaren oder zu überwinden. Dass es ihm guttut, kann man jetzt schon erahnen.

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