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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 17.06.2020

Humboldt-Forum BerlinEin Kreuz in den Farben der Macht

Ein Kommentar von Gesine Palmer

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Das Kuppelkreuz schwebt an einem Krahn durch die Luft.  (Getty Images / Maja Hitij)
Um das Kuppelkreuz des Berliner Humboldtforums wird seit Wochen heftig gestritten. (Getty Images / Maja Hitij)

Das Problem ist weniger das Kreuz selbst, sagt die Religionsphilosophin Gesine Palmer über die Kuppel des Berliner Humboldt-Forums. Sondern der Herrenspruch "Von Kaisers Gnaden" darunter und der historische Kontext, der es zum Symbol der Macht macht.

Nun ist es in seiner vollen Pracht zu sehen, das neue alte Schloss mit seiner Kuppel und dem vergoldeten Kreuz obendrauf. Und inzwischen kann auch jeder lesen, der sich nicht Augen und Ohren verstopft hat, was rundlaufend in goldenen Lettern auf blauem Grund darunter geschrieben steht: ein zusammengestoppeltes Doppelzitat aus der Bibel, wonach es kein anderes Heil gibt als Jesus, vor dem alle auf die Knie gehen sollen, im Himmel, auf und unter der Erde.

Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. hatte das vergoldete Kreuz nebst Jesus-Huldigung nach erfolgreicher Niederschlagung der 1848er-Revolte auf das Originalschloss setzen lassen. Das ist ungefähr so wie Trump, der sich von Soldaten den Weg zu einer Kirche freikämpfen ließ, um dann vor dieser mit der Bibel in der Hand zu posieren.

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Entsprechend fallen hier die Reaktionen aus: Rabbiner Andreas Nachama, der immer der Ansicht gewesen war, dass man sich nicht der eigenen Symbole schämen müsse, wenn man in religiöser Vielfalt leben wolle, also auch des Kreuzes nicht, hat wegen des Spruchs darunter seine Meinung geändert.

Journalist Thomas Mauch zuckt in der "Taz" öffentlich die Achseln und scheint zu hoffen, dass mit der Einheitswippe, die kommen soll, das Schloss samt Kuppel dann von späteren Generationen ja auch wieder weggesprengt werden könne. 

Braucht man wirklich diesen restaurativen Bau?

Diese und viele weitere kritische Stellungnahmen wirken schärfer als die etwas hilflose Begeisterung derer, die in dem Kreuz über einem multikulturell aufgezogenen Humboldt-Forum in einem äußerlich fast eins zu eins wiederhergestellten Barockschloss das Symbol dafür sehen wollen, "was wir schon alles überwunden haben".

Tatsächlich: wenn man mich gefragt hätte, stünde an der Stelle des Schlosses jetzt ganz sicher etwas Anderes – wer braucht wirklich einen derartig restaurativen Bau? Ist das nicht doch in sich unangemessene Prachtentfaltung? Und ist nicht die inhaltliche Gestaltung des Humboldt-Forums bestenfalls Schadensbegrenzung?

Nachama spricht sicher für viele Menschen in Deutschland, wenn er insbesondere die Wiederherstellung des Herrenspruches "Von Kaisers Gnaden" beängstigend findet. Es ist eben nicht das Kreuz selbst. Es ist der Spruch und der historische Kontext.

Wie das Kreuz die Farbe der Macht annahm

Das Kreuz selbst ist erst seit dem 5. Jahrhundert das zentrale Symbol des Christentums. Es ist zunächst ein Hinrichtungsinstrument, das von den Römern gegen Aufständische verwendet wurde. Den frühen Jahrhunderten der Christenheit waren Kreuzigungen noch so gegenwärtig, dass man dem Kreuz nicht zugetraut hätte, ein starkes, gar ein triumphales Symbol zu werden. Erst nachdem das Christentum eine Weile römische Staatsreligion gewesen war, veränderte das Kreuz seine Bedeutung.

Der Blick nach Amerika heute zeigt, wie Symbole sich verändern können. Das Knie des mörderischen Polizisten im Nacken von George Floyd ist ein Mordinstrument. Und das Knien derer, die gegen Rassismus protestieren, ist seit einiger Zeit das stärkste Symbol gewaltfreien Protestes - besonders stark, wenn Polizisten sich solidarisch zeigen und in die Knie gehen.

Die symbolische Verwendung des Kreuzes durch ernstgläubige römische Christen machte aus dem Tod ihres Messias am Mordinstrument Kreuz einen Sieg der friedlichen Sache. Tatsächlich spricht die Lehre des Christentums jedem einzelnen Menschen göttliche und also absolute Würde zu. Daran hängt nicht nur die gesamte christliche Theologie, daran hängt auch die in den Menschenrechten Universalität und Verfassungsrang beanspruchende westlich-moderne Auffassung vom unverbrüchlichen Recht jedes einzelnen Menschen. Aber wo ein einmal freundlich gewordenes Symbol in den Dienst von Machtpolitik gestellt wurde, verändert sich seine Bedeutung wieder, nimmt die Farbe der Macht an.

Ob es möglich ist, das Kreuz auf der Kuppel des restaurierten Berliner Schlosses durch die Ausstellung im Innern des Gebäudes ausreichend zu brechen, um das Symbol gedanklich vor seinem eigenen Machtgebaren zu retten – das wird die Zukunft zeigen. Aber soviel lässt sich jetzt schon sagen: Eine kluge Entscheidung war der unkritische Nachbau von Kuppel und Kreuz sicherlich nicht.

Gesine Palmer (privat)Gesine Palmer (privat)Gesine Palmer, geboren 1960 in Schleswig-Holstein, ist Religionsphilosophin. Sie studierte evangelische Theologie, Judaistik und allgemeine Religionsgeschichte in Lüneburg, Hamburg, Jerusalem und Berlin. Ihre wiederkehrenden Themen sind Religion, Psychologie und Ethik – im Kleinen der menschlichen Beziehungen wie im Großen der Politik.

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