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Interview | Beitrag vom 26.03.2021

"Humanitäre Katastrophe"Ein weichgespülter Begriff für Krieg

Ulrike von Pilar im Gespräch mit Ute Welty

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Eine Frau zwischen improvisierten Zelten in einem Flüchtlingscamp im Jemen (imago/Xinhua/Mohammed Mohammed )
Im Krieg im Jemen wurden hunderttausende Menschen getötet oder zur Flucht gezwungen. Es ist ein Krieg und keine Naturkatastrophe, betont Ulrike von Pilar. (imago/Xinhua/Mohammed Mohammed )

Oft ist von einer "humanitären Katastrophe" die Rede, wenn es doch um Krieg, Gewalt und Vertreibung geht. So werde die Verantwortung von Politik verschleiert, sagt Ulrike von Pilar, Gründungspräsidentin von Ärzte ohne Grenzen in Deutschland.

Ute Welty: Der 26. März 2015 ist ein wichtiger Tag in der jüngeren Geschichte des Jemen: Als "Sturm der Entschlossenheit" wird der Angriff damals bezeichnet, von Saudi-Arabien geführt und von zahlreichen Staaten unterstützt. Dazu zählen in jenem Jahr mindestens logistisch die USA, Frankreich und Großbritannien. Inzwischen steht aber nicht der internationale Krieg im Fokus, sondern die humanitäre Katastrophe. Das eine ist menschengemacht, das andere, ja, dafür braucht niemand die Verantwortung zu übernehmen.

Mit solchen Widersprüchen setzt sich seit langer Zeit Ulrike von Pilar auseinander. Die studierte Mathematikerin ist Gründungspräsidentin der deutschen Sektion von Ärzte ohne Grenzen gewesen und sie engagiert sich nach wie vor für unabhängige Analyse, kritische Diskussion und öffentliche Vermittlung in Fragen der humanitären Hilfe. Katastrophe statt Krieg – mit welchem Begriff kann die deutsche Öffentlichkeit leichter umgehen?

von Pilar: Na ja, mit dem Wort 'humanitäre Katastrophe' natürlich. Seit 30 Jahren kämpfe ich dagegen an, dass so viel Schindluder mit dem Wort 'humanitär' getrieben wird, weil 'humanitär' einfach schöner klingt. Wenn man das direkt übersetzen würde, müsste man sagen: eine 'menschliche Katastrophe'. Das ist schon mal ein Widerspruch in sich, das gibt es nicht.

Was gemeint ist, ist eine Katastrophe in den Lebensbedingungen der Menschen in diesen Kriegszonen. Es geht um Zugang zu Wasser, Nahrung, medizinischer Basisversorgung und Schutz. Was dieser Ausdruck verschleiert,  ist, dass es ja eigentlich um Krieg, Gewalt und Vertreibung geht. Und dieses 'humanitär' da drin spült das Ganze weich, und es bekommt so etwas Schicksalhaftes, wie eine Naturkatastrophe. Da kann ja keiner wirklich was dafür, da kann keiner was dran ändern. Und es suggeriert, und das ist auch gefährlich für Leute wie Ärzte ohne Grenzen, dass humanitäre Hilfe die angemessene Reaktion ist – und das ist es natürlich nicht.

Völkermord in Ruanda als "humanitäre Krise" bezeichnet

Welty: Aber inwieweit zahlt denn die humanitäre Katastrophe, also dieser Begriff, auch auf das Konto von Hilfsorganisationen und Geberkonferenzen ein? Denn für die Katastrophe sitzt das Portemonnaie doch eher locker, als wenn es um Krieg geht.

von Pilar: Das ist durchaus ein Dilemma, das ist auch eine Frage an die Hilfsorganisationen, wie sie mit diesen Begriffen umgehen. Ich denke, das Wort 'humanitäre Krise', 'humanitäre Katastrophe' hat sich sehr in den Wortgebrauch eingeschlichen. Und ich finde, dass alle Seiten damit vorsichtig umgehen müssen. Darf ich das einen Moment historisch ein bisschen einordnen, wo das herkommt?

Mit dem Ende des Kalten Krieges hat eigentlich dieser inflationäre Gebrauch des Wortes 'humanitär' begonnen. Es gab nämlich mit dem Ende des Kalten Krieges erstmalig die Hoffnung und die Möglichkeit eventuell, in Konflikten zum Schutze der Menschen und Menschenrechte einzugreifen. Und das erste Ereignis war die Kurdenvertreibung im Nordirak. Die UN-Resolution 688 hat damals den Begriff der 'humanitären Intervention', das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, geprägt – und meinte damit eine Militärintervention. Das war sozusagen der erste Sündenfall.

Drei Besucheri*innen schauen sich Ausstellungstafeln im Kigali Genocide Memorial an (picture alliance / ZUMA Wire / Ric Francis)Dem Völkermord in Ruanda fielen 1994 mehr als eine Million Menschen zum Opfer, mehrheitlich Angehörige der Tutsi. (picture alliance / ZUMA Wire / Ric Francis)

Später wurde dann sogar auch von den UN, aber auch von einigen Hilfsorganisationen selbst der Völkermord in Ruanda als 'humanitäre Krise'  erklärt. Und das ist wirklich wahnsinnig gefährlich, weil es eben die Verantwortung und den Schwerpunkt von der Politik und vom Krieg eigentlich auf die humanitäre Hilfe leitet.

Das Wort 'humanitäre Katastrophe', wurde dann in Deutschland zumindest geprägt und sehr ausgiebig gebraucht vom damaligen Verteidigungsminister Scharping, der damit, mit dieser Rhetorik, den militärischen Einsatz der deutschen Bundeswehr im Kosovo-Krieg sozusagen humanitär abfedern wollte. Das war erstens Propaganda und zweitens hat es eine Gefahr für die humanitären Helfer bedeutet, denn wir werden nicht gerne mit Soldaten verwechselt.

Was humanitäre Hilfe kann und was nicht

Welty: Was bedeutet dieser Rückblick denn dann für eine mögliche Neuausrichtung von Sprache und für eine mögliche Neuausrichtung von internationaler Hilfe?

von Pilar: Ich denke, wir müssten uns wieder mal klarmachen, was genau humanitäre Hilfe kann und was nicht. Wir können in vielen Krisensituationen versuchen, Leben zu retten, aber wir können die Gründe für diese katastrophalen Notsituationen ja nicht beseitigen. Man müsste also eigentlich dazu kommen, solche Situationen 'humanitäre Notlage' oder eine 'katastrophale Lage der Lebensbedingungen der Bevölkerung' … Sie sehen, es wird sprachlich komplizierter, es wird nicht so griffig.

Aber ich glaube, dass man wieder dazu kommen muss, zu verstehen, dass gewaltsame Konflikte humanitäre Notsituationen und Notlagen der Bevölkerung produzieren – siehe die Bombardierung von Krankenhäusern – und dass humanitäre Hilfe keine angemessene Antwort auf diese Situation ist. Aber wir sind alle bequem geworden, das Wort humanitäre Krise hat sich überall eingeschlichen. Ich finde es furchtbar, weil es tatsächlich eine unzulässige Verschleierung der wirklichen Situation darstellt.

Die wahren Kriegstreiber benennen

Welty: Führt internationale Hilfe auch dazu, dass sich Konflikte und Kriege quasi auf ewig verlängern, weil der Druck auf die Politik abnimmt?

von Pilar: Das ist ein alter Vorwurf, den würde ich so nicht stehenlassen. Es ist ja so ein bisschen die Frage, auf ein simples Beispiel heruntergebrochen: Lohnt es sich, eine Krankenambulanz zu haben, wenn das Krankenhaussystem kaputt ist? Natürlich müssen wir versuchen, mitten in den Konflikten Menschen zu retten. Das war eine große zivilisatorische Errungenschaft im 19. Jahrhundert, dass man sagt, selbst im Krieg, selbst im Konflikt müssen Zivilisten gerettet werden, muss ihnen geholfen werden, selbst verwundete Soldaten und Kriegsgefangene, denen muss geholfen werden.

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Hat die humanitäre Hilfe einen kriegsverlängernden Einfluss? Die Studien, die ich kenne, kommen nicht zu diesem Schluss und verneinen das. Es gibt ganz andere Kriegstreiber, unter anderem Schattenwirtschaften, die Kriegswirtschaften, der Opiumhandel, der Waffenhandel und so weiter. Ich glaube, dass wirklich die humanitäre Hilfe der falsche Adressat dafür ist. Ob die humanitäre Hilfe genügend Druck ausüben kann auf die Politik, ist eine schwierige Frage.

Leute wie Ärzte ohne Grenzen und andere versuchen das immer wieder, aber humanitäre Hilfe muss ja auch bestimmten Regeln gehorchen. Wenn wir als politisch einseitig aufgestellt wahrgenommen werden, dann können wir in Konflikten nicht auf allen Seiten helfen. Das heißt, wir müssen uns tatsächlich aus humanitären Gründen zurückhalten – den Druck müssen andere ausüben. Und dafür gibt es ja Organisationen, sowohl in der Zivilgesellschaft wie auch bei den Vereinten Nationen. Viele versuchen es. Der Erfolg, wie Sie wissen, ist nicht sehr großartig.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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