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Buchkritik | Beitrag vom 19.06.2020

Huib Modderkolk: "Der digitale Weltkrieg"Sabotage, Spionage und Diebstahl im Netz

Von Vera Linß

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Huib Modderkolk: "Der digitale Weltkrieg" (Ecowin / Deutschlandradio Kultur)
Huib Modderkolk: "Der digitale Weltkrieg" (Ecowin / Deutschlandradio Kultur)

Weshalb gelingt es nicht, Cyberkriminalität und politisch motivierte Attacken im Internet in den Griff zu bekommen? Der niederländische Journalist Huib Modderkolk gibt den westlichen Geheimdiensten eine Mitschuld an der Eskalation im Netz.

Hackerattacken sind Teil des Alltags. Ob durch Geheimdienste oder Kriminelle, aus den Medien weiß man: Das Netz ist der Schauplatz unserer Zeit, wenn es um Sabotage, Spionage und Diebstahl geht. Doch warum gelingt es den westlichen Demokratien nicht, diese Angriffe zu stoppen?

Erklären lasse sich das nur, wenn man sich dorthin begebe, "wo die Risiken des digitalen Zeitalters am deutlichsten zu erkennen sind", sagt der niederländische Investigativjournalist Huib Modderkolk. Sechs Jahre lang hat er bei Geheimdiensten recherchiert, über hundert Gespräche mit Politikern, Hackern und Sicherheitsexperten geführt, geheime Dokumente und Berichte eingesehen.

Spannend wie ein Thriller

Seine Spurensuche liest sich wie ein Thriller – auch wenn er nicht der erste ist, der über Cyberkriminalität und politisch motivierte Hacks wie den Computerwurm Stuxnet oder die Einmischung in den US-Wahlkampf 2016 berichtet.

Neu aber ist: Huib Modderkolk erweitert die Perspektive um die Rolle der niederländischen Geheimdienste, über die hierzulande bislang sehr wenig zu lesen war. Zu Unrecht, wie sich zeigt. Denn diese, zitiert Modderkolk einen Informanten, zählen zu den "Top 5 der mächtigsten digitalen Staaten".

Wichtige Rolle niederländischer Dienste

Entsprechend oft waren der niederländische Nachrichtendienst AIVD und der militärische Sicherheitsdienst MIVD in Spionage und Sabotage eingebunden. Etwa, als man für die NSA millionenfach Telefongespräche in Somalia abgehört habe – um den USA im Kampf gegen Al-Shaabab-Terroristen zu helfen.

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Auch als Stuxnet 2010 in die iranische Atomanlage lanciert wurde, sei der niederländische Geheimdienst beteiligt gewesen. Ebenso bei der Abwehr russischer Hacker während der US-Präsidentschaftswahl 2016, wie der Journalist akribisch darlegt.

Manche Fälle, die Huib Modderkolk schildert, bleiben dagegen nur fragmentarisch. Auf einem Kongress in Amsterdam wird die Softwarefirma Kaspersky ausspioniert. Beweise, sie würde für die russische Regierung arbeiten, bleiben aus – die Geschichte versandet.

Einblick in die Arbeitsweise eines Investigativjournalisten

Wichtig ist sie dennoch, denn Modderkolk nutzt Beispiele wie diese, um auch Einblick in die Arbeitsweise eines investigativen Journalisten zu geben. Scheitern gehört immer wieder dazu, weil Informanten sich falsch erinnern, Ermittlungen abgebrochen oder Informationen aus Prinzip zurückgehalten werden.

Genau diese Intransparenz führe dazu, dass viel zu wenig über die digitalen Gefahren gesprochen werde, kritisiert der Journalist. Und benennt die Ursachen für die Zurückhaltung klar.

Profiteure des digitalen Wettstreits

Die westlichen Geheimdienste seien selbst Antreiber des digitalen Wettstreits, weil sie die Schwachstellen des Internets für ihre Zwecke ausnutzten, anstatt zu deeskalieren. Gleichzeitig sei damit die eigene Verwundbarkeit gestiegen, weshalb in der Öffentlichkeit digitale Angriffe heruntergespielt würden.

Wie sich das Dilemma lösen lässt, kann Huib Modderkolk nicht sagen. Dass ein Umdenken nötig ist, macht sein Buch aber mehr als deutlich.

Huib Modderkolk: "Der digitale Weltkrieg. Den keiner bemerkt"
Aus dem Niederländischen von Sabine Reinhardus
ECOWIN, Salzburg/München 2020
320 Seiten, 22 Euro

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