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Lesart / Archiv | Beitrag vom 07.03.2017

Hugh Aldersey-Williams: "Flut. Das wilde Leben der Gezeiten"Ein Klappstuhl in der Brandung

Von Frank Kaspar

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Buchcover "Flut" von Hugh Aldersey-Williams (dpa / Hanser Verlag / Combo: Deutschlandradio)
Buchcover "Flut" von Hugh Aldersey-Williams (dpa / Hanser Verlag / Combo: Deutschlandradio)

Wie prägten Ebbe und Flut den Lauf der Welt? Das untersucht der britische Naturforscher Hugh Aldersey-Williams in seinem Buch "Flut" und zeigt zugleich das poetische Potenzial der Gezeiten auf.

Julius Cäsar fürchtete die Nordsee. Als er mit seiner Flotte im Jahr 55 vor Christus die Britischen Inseln ansteuerte, hatte er mit der schnellen Strömung im Ärmelkanal zu kämpfen. Aus dem Mittelmeer waren die Römer starke Gezeiten nicht gewöhnt. Vielleicht liegt es am Ursprung der europäischen Kultur im Mittelmeerraum, dass der Einfluss von Ebbe und Flut auf die Geschichte der Menschheit bisher wenig beachtet wurde, vermutet Aldersey-Williams.

In seinem Buch schlägt er einen weiten Bogen, um das Versäumte nachzuholen. Er folgt den Seefahrern der Antike an den mutmaßlichen Ort von Skylla und Charybdis. Er zeigt, wie Aristoteles und Galilei über die Gesetze der Gezeiten spekulierten und wie Newton daraus Schlüsse über die Bewegungen der Planeten zog.

Beitrag der Gezeiten zur Erdgeschichte

Er macht klar, dass im Seehandel Tide Zeit und Geld bedeutet; schließlich dehnt er den Blick in die Tiefenzeit und fragt nach dem Beitrag der Gezeiten zur Erdgeschichte und Evolution.

Dabei schöpft der Autor seinerseits aus einer Flut von Lektüren. Aber er haucht ihnen Leben ein, indem er sie zum Anlass für eigene Expeditionen nimmt. Der Legende vom dänischen König Knut, der den Gezeiten vergeblich Einhalt gebot und so die Grenzen seiner Macht erfuhr, spürt er nach, indem er auf einem Klappstuhl am Strand die Rückkehr der Flut erwartet, bis ihm das Wasser um die Knöchel fließt.

Auf der Suche nach dem sagenhaften Malstrom, den Edgar Allen Poe und Jules Verne beschrieben haben, reist er bis zu den Lofoten.

Das poetische Potenzial der Gezeiten

Ebbe und Flut haben ihre eigene Literaturgeschichte. Aldersey-Willams entdeckt im zweimal täglich trocken fallenden und mit neuen Nährstoffen überspülten Watt nicht nur eine besonders vielgestaltige Fauna und Flora, sondern eine ebenso reiche Sprache. "Kehrwasser", "Rissaga" oder "Widerwellen", allein schon die Wörter für Wellenschlag und Wasserwirbel reizen die Imagination.

Der Übersetzer Christophe Fricker leistet weit mehr als eine nüchterne Übertragung. Von "zwitscherndem Schlick" ist da die Rede und von den "Atlanten der Landratten". Fricker, der auch Lyrik übersetzt, beweist ein gutes Ohr für das poetische Potenzial der Gezeiten.

"Dies ist kein Buch über das Meer", schreibt der Autor zu Beginn. "Es geht nicht um Mast und Skorbut, Walfänger und Piraten." Tatsächlich donnert er die Geschichte der Gezeiten und ihrer Erforschung nicht zum Abenteuer auf. Dramatik, wie viele Wissenschafts-Thriller sie heute versprechen, gibt es hier allenfalls am Rande. Als Kulturhistoriker wie als Naturbeobachter ist Aldersey-Williams ein Strandläufer mit einem hinreißenden Blick für sprechende Details.

"Möwen haben ihre Fußabdrücke hinterlassen. Einige deuten, ganz wie meine, darauf hin, dass sie ausgerutscht sind."

Wer Slapstick in der Natur entdeckt, der bringt die besten Voraussetzungen mit, um von der Wasserkante aus auch auf die menschliche Komödie neues Licht zu werfen.

Hugh Aldersey-Williams: "Flut. Das wilde Leben der Gezeiten"
Aus dem Englischen von Christophe Fricker
Hanser Verlag, München 2017
366 Seiten. 24,00 Euro

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