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Länderreport | Beitrag vom 12.06.2020

Hüttenkultur im Pfälzer WaldWer wandert, will auch einkehren

Von Anke Petermann

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Eine Frau mit Rucksack wandert in einem Wald. (Unsplash / Jake Melara)
Auch Deutschland hat sehr schöne Wanderstrecken. (Unsplash / Jake Melara)

Im Waldgebiet zwischen Deutscher Weinstraße und französischen Vogesen betreut der Pfälzerwald-Verein die Wanderwege und mehr als 100 Hütten. Ausschank und Übernachtungen sind unter Corona-Auflagen wieder möglich. Trotzdem öffnen nur wenige Hütten.

Silvia hat auf ihrer Nordic-Walking-Tour mit Terrier-Mischling Bella einen kurzen Stopp vor der Landauer Hütte eingelegt. Die Frau im Trainingsdress blickt auf die geschlossenen Fensterläden. Blöd, sagt sie, dass man die Hütte nicht mehr anlaufen kann und nicht mehr die Geselligkeit hat.

Auf ihrer kurzen Morgentour vermisst die Sportlerin das nicht. Aber wandern im Freundeskreis ohne Hütteneinkehr - das bedeutet nur halber Spaß. Alle warteten drauf, bekräftigt Silvia, "dass man etwas trinken und essen kann, gute Bewirtung hat, ein bisschen quatschen und die Natur genießen kann." 400 Plätze an den langen Tischen draußen unterm Blätterdach gäbe es dafür.

Vereinsmitglieder machen Ausschank ehrenamtlich

Erich Dieringer inspiziert an diesem Vormittag mit einem Handwerker den Wasseranschluss. Er ist Vorsitzender der Landauer Sektion, also der Ortsgruppe. Und er würde nichts lieber tun, als die Hütte samt Außengelände zu öffnen - jetzt, wo das unter Auflagen wieder gestattet ist. Die 110 Jahre alte Wirtschaft wird von Vereinsmitgliedern ehrenamtlich betrieben, gegen eine kleine Entschädigung.

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Die Corona-Auflagen erfordern jetzt zusätzliche Platzanweiser, die Gäste registrieren und Abstände überwachen sollen. Weil außerdem die Selbstbedienung eingeschränkt und mehr zu putzen ist, bräuchte Dieringer pro Hüttendienst fünf Zusatzkräfte. "Wenn ich die bezahlen müsste – das funktioniert nicht", so Dieringer. Denn wegen reduzierter Platzkapazität würde gleichzeitig der Umsatz nur einen Bruchteil betragen, rechnet der Sektionsvorsitzende.

Also bleibt die Landauer Hütte vorerst geschlossen - wie viele Pfälzerwald-Hütten. Auch weil Ehrenamtliche das Risiko scheuen, belangt zu werden, wenn es zu Infektionen kommt. "Ich persönlich bin nicht bereit, mit 75 Jahren so eine Verantwortung zu übernehmen. Wenn da irgendwas passiert, der Vorsitzende ist der Verantwortliche", sagt er.

Wandertourismus seit mehr als 100 Jahren

Corona macht die Ehrenamtskultur des Pfälzerwald-Vereins zum Problem. Geschäftsführer Bernd Wallner ist an diesem am Morgen mitgekommen zur Hütteninspektion. Er erläutert die Geschichte dieser Kultur.

"Wir sind eine ganz große Bürgerbewegung, die sich vor 120 Jahren gegründet hat, um den Wald zu erschließen. Der Pfälzerwald war damals Wildnis, es gab keinerlei Infrastruktur, keine Einkehrmöglichkeiten, keinerlei Wanderwege, keine Wanderkarten, das hat alles der Pfälzerwald-Verein ins Leben gerufen vor 120 Jahren - und hat gleichzeitig die große Sehnsucht der Bürger befriedigt."

Coronavirus-NewsletterDie Sehnsucht, aus den Industriestädten Mannheim und Ludwigshafen ins Grüne aufzubrechen. Banker, Eisenbahner und Chemiearbeiter teilten diese Sehnsucht. 

"Und das waren dann die ersten Wanderungen, wo man hier in den Pfälzerwald 'eingefallen' ist, die sind morgens um vier Uhr in Ludwigshafen losgefahren, sind 42 Kilometer gewandert, zwischendrin in ein Forsthaus 'eingefallen'. Die Försterin musste in den Keller, Wein hochholen und schnell eine Suppe kochen, und abends spät um zehn, elf Uhr ist man wieder nach Ludwigshafen zurückgekommen."

Endlich wieder Hüttendienst

An einem großen Herd mit Brätern, Töpfen und Pfannen steht Christa Schumacher. Die lebhafte 70-Jährige bereitet deftige pfälzische Kost zu. Die Dahner Hütte, eine Autostunde südwestlich der Landauer Hütte, ist seit anderthalb Wochen wieder geöffnet. Erster Dienst für zwei Männer am Tresen und drei Frauen in der Küche.

"Die zehn Wochen, wo wir jetzt keinen Hüttendienst hatten, haben uns schon gefehlt", heißt es. Und: "Ach – es war schlimm. Wenn man das so gewohnt ist." Und: "Es fehlt." Hüttendienst-Entzug: für die Ehrenamtlichen im Pfälzerwald-Verein fast genauso schlimm wie für die Gäste das Wandern ohne Einkehr.

"Wir als Team sind in Ordnung und die Kundschaft auch."

Freude bei den ersten Gästen

Marita Fischer ruft einen Gast nach dem anderen zur Küchentheke, händigt Erbsensuppe und Saumagen mit Kraut aus. Die Kunden kommen in Wanderhosen oder im Radler-Dress. Einige haben im Dahner Felsenland übernachtet, die meisten der Zufallsbefragten kommen aus Rheinland-Pfalz, Hessen oder "Baden-Württemberg, wir waren jetzt zwei Tage Fahrradfahren und sind heute eine Runde Wandern."

"Wir sind mit dem Mountain-Bike unterwegs, und wir kommen aus dem Stuttgarter Raum", sagt die Esslingerin. "Wir waren fünf Tage hier. Endlich macht die Hütte auf. Super, das genießen wir sehr!"

Wie bei vielen Gästen, so schwingt auch in ihrem Lob Anerkennung mit für die Ehrenamtlichen, die in der Küche und an der Theke schuften, während andere sich entspannen.

Kein Umsatz in der Coronapause

Der Mann am Tresen ist gleich doppelt ehrenamtlich aktiv: Als Hüttendienstler nimmt Martin Stüve die Bestellungen auf und als Vorsitzender der Dahner Sektion zieht er im Hintergrund die Strippen. Soeben verbucht er als Erfolg, dass endlich die Soforthilfe des Landes Rheinland-Pfalz eingegangen ist. Während der Coronapause fiel der Umsatz weg, aber Fixkosten wie Versicherungen und Miete für die elektronische Kasse summierten sich auf 2.500 Euro im Monat.

"Wir haben uns intern einen zinslosen Kredit geholt. Und ich selbst bin auch persönlich mit bestimmten Dingen in Vorleistung gegangen. Insofern kam jetzt die Soforthilfe, auch wenn sie verspätet eingegangen ist, genau zum richtigen Zeitpunkt. Denn in dem Moment, wo sie öffnen, müssen sie auch wieder Ware ordern, Getränke, Fleischprodukte, Kuchen. Und natürlich wollen wir unsere Lieferanten nicht hängen lassen, sondern bezahlen immer pünktlich unsere Rechnungen."

Verein möchte immaterielles Welterbe werden

Erst vor ein paar Jahren ist Stüve von Hamburg in den Südwesten gezogen, die Heimat seiner Frau. Auf den Wanderungen mit dem Pfälzerwald-Verein lernte er das Dahner Felsenland kennen. Und bald sah sich der Kaufmann im Ruhestand mit der Frage konfrontiert, ob er nicht den Vorsitz der Sektion übernehmen wolle.

"Und da habe ich gesagt, ‚Ach Gott, ja, das kann ich machen‘. Aber ich wusste zu dem Zeitpunkt nicht, dass da noch eine Wanderhütte mit 500.000 Umsatz dranhängt, die 90 Prozent meiner Arbeit erfordert. Allein einen Dienstplan aufzustellen mit Freiwilligen, ein halbes Jahr im Voraus, ist immer so‘n bisschen - schwierig."

Aufnahme des Schloß Trifels in Rheinland-Pfalz. (imago images / Volker Preußer)Schloß Trifels in Rheinland-Pfalz. (imago images / Volker Preußer)

Corona macht alles noch komplizierter. 16 Betten bietet die Dahner Hütte Wanderern an den Wochenenden der Sommerzeit. Doch alle Buchungen mussten storniert werden. Im Zuge der Lockerungen läuft der Übernachtungsbetrieb jetzt erst wieder an. "Und das ist eine gewisse Verlässlichkeit für Wanderer, die von Hütte zu Hütte wandern wollen, entsprechend Übernachtungsmöglichkeiten zu bieten."

Martin Stüve als Sektionschef, Marita Fischer als Köchin – sie sind Teil der besonderen Ehrenamtskultur. Der Pfälzerwaldverein hat sich damit als immaterielles Welterbe beworben, die Landesregierung von Rheinland-Pfalz unterstützt den Vorstoß bei der UNESCO.

In der Küche brutzelt es wieder

In der Küche der Dahner Hütte brutzelt das Fett. Keine Zeit für überschwängliche Kommentare: "Mir ist es im Prinzip egal, ich mach‘s gern und fertig."

Wichtiger als der Welterbe-Status ist den Köchinnen, dass der Saumagen knusprig gerät.

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