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Thema / Archiv | Beitrag vom 31.08.2011

Hühnerfarm in Aufruhr

ARD zeigt kritische Dokumentation über die "Wiesenhof"-Hähnchen

Edgar Verheyen und Monika Anthes im Gespräch mit Klaus Pokatzky

Anthes: Der "Wiesenhof" wirbt damit, eine sehr nachhaltige Umweltpolitik zu betreiben.  (AP)
Anthes: Der "Wiesenhof" wirbt damit, eine sehr nachhaltige Umweltpolitik zu betreiben. (AP)

Die "ARD-exclusiv"-Reportage "Das System Wiesenhof - Wie ein Geflügelkonzern Tiere, Menschen und die Umwelt ausbeutet" befasst sich mit den umstrittenen Methoden der Massentierhaltung. Die Filmemacher haben mit Billigarbeitern, Vertretern von Bürgerinitiativen und dem Konzern gesprochen. Gegen die Ausstrahlung des Dokumentarfilms hatte "Wiesenhof" eine Programmbeschwerde eingelegt.

Matthias Hanselmann: Jedes dritte Hähnchen, das in Deutschland auf den Teller kommt, ist ein "Wiesenhof"-Hähnchen. Es stammt aus einem der Ställe von Paul-Heinz Wesjohann aus der Region Weser-Ems. Das Logo, mit dem "Wiesenhof" für seine Hähnchen aus der Tiefkühltruhe wirbt, ist ein idyllisches Bauernhaus, das so richtig schön nach glücklichen Kühen und Hühnern aussieht. Heute Abend sendet die ARD die Reportage "Das System Wiesenhof - Wie ein Geflügelkonzern Tiere, Menschen und die Umwelt ausbeutet". Dieser Titel gefällt der Familie Wesjohann, man kann es sich vorstellen, gar nicht. Dennoch bleibt es dabei, auch bei der Ausstrahlung. Wir haben mit den Machern des Filmes gesprochen - Monika Anthes und Edgar Verheyen und mein Kollege Pokatzky hat sie zunächst gefragt, was genau sie eigentlich in ihrem Film zeigen werden.

Edgar Verheyen: Ja gut, unser Film ist Teil einer Reihe, die die ARD zurzeit gestaltet und ausstrahlt, es geht in all diesen Filmen um das Thema Schein und Sein, um Werbung und um die Wirklichkeit. Wir werden in unserer Reportage uns mit dem Tierschutz natürlich beschäftigen, also wie werden Masthähnchen in "Wiesenhof"-Mastställen gehalten? Es geht darüber hinaus um Umweltauswirkungen, es geht um das große Thema Hygiene, da sprechen wir vor allen Dingen von Schlachthöfen und den Betrieben drum herum. Darüber hinaus geht es um das Thema Sozialpolitik in dieser PHW-Gruppe.

Klaus Pokatzky: PHW, müssen wir gleich sagen, ist benannt nach dem "Wiesenhof"-Chef Paul-Heinz Wesjohann, wo "Wiesenhof" sozusagen eine Unterabteilung dann ist.

Verheyen: "Wiesenhof" ist die Marke der PHW-Gruppe, die erfolgreichste Marke, also es geht unter anderem darum, wie werden die Mitarbeiter dort auch beschäftigt, wie werden sie bezahlt. Und hier geht es unter anderem um sehr viele Osteuropäer, die als Werkvertragsmitarbeiter saisonal immer wieder mal beschäftigt werden.

Pokatzky: Da haben Sie jetzt schon was Kritisches angesprochen, was die Mitarbeiter angeht, also möglicherweise nicht so ganz richtige, gute Entlohnung, aber Sie haben die Frage aufgeworfen: Wie werden die Masthähnchen dort behandelt, gehalten? Können Sie die Frage auch noch beantworten?

Monika Anthes: Wir haben uns natürlich intensiv mit der Frage beschäftigt, unter welchen Umständen leben die Tiere, die dort gemästet werden, haben dazu auch ...

Pokatzky: Genau, wie leben die denn?

Anthes: Ja, die leben in Ställen mit 20.000 bis 40.000 Tieren, sie haben kein Tageslicht, dicht gedrängt sitzen sie da auf ihrem eigenen Kot. Man muss ja wissen, die Ställe werden in der Zeit nicht ausgemistet. Die Tiere können sich nicht zurückziehen, sie sehen nie das Tageslicht, bevor sie am Schlachthof landen. Diese Haltungsbedingungen bezeichnet "Wiesenhof" als artgerecht, und da machen wir ein großes Fragezeichen dahinter.

Verheyen: Man muss sich hier vorstellen: Am Ende der Mast stehen 22 Tiere, so sagt es Paul-Heinz Wesjohann, 22 Tiere auf einem Quadratmeter, also dicht gedrängt.

Pokatzky: Zu dem Untertitel gehört aber jetzt auch noch, also nicht nur, wie Tiere ausgebeutet werden, sondern eben auch Menschen und die Umwelt. Sie haben es eben bei den Menschen ja schon angesprochen, also Arbeiter auch aus dem Osten, wie werden die sozial behandelt?

Verheyen: Also es gibt in der Nähe von Lohne, eine Stadt bei Oldenburg, eine ehemalige Bundeswehrkaserne zum Beispiel, die hat ein Subunternehmer angemietet, und in dieser ehemaligen Kaserne leben rund 200 Osteuropäer, Menschen aus Bulgarien, Polen, Rumänien, aus der Slowakei. Und diese Leute zahlen für ein Bett, das in einem Fünf-Bett-Zimmer steht, etwa vier, manche zahlen fünf Euro am Tag, also 120 bis 150 Euro im Monat. Sie verdienen aber nur 5,50 Euro die Stunde. Rechnet man alles zusammen, kann man sagen, etwa die Hälfte dessen, was sie verdienen, geht im Grunde weg, und eine Hälfte behalten sie. Also 400 Euro ist der Monatsverdienst eines solchen Osteuropäers. Das kritisieren wir natürlich.

Pokatzky: Aber das ist legal, das ist jetzt kein Gesetzesverstoß?

Verheyen: Das ist legal, natürlich darf die PHW-Gruppe solches tun, nur: Diese Firma tritt auf mit einem sehr hohen Anspruch. Sie spricht in ihren Slogans von Verantwortung eben für Menschen, und es gibt einen Film, den sie veröffentlicht haben, einen Imagefilm, da ist dann davon die Rede, dass sie sich sehr intensiv um die Familien kümmern, die für "Wiesenhof" produzieren – und das steht in einem klaren Missverhältnis dazu.

Pokatzky: Und wie nimmt die Firma die Verantwortung gegenüber der Umwelt wahr, also das dritte Element in Ihrem Film?

Anthes: Also letztlich wirbt ja auch "Wiesenhof" damit, dass sie eine sehr nachhaltige Umweltpolitik betreiben, auf CO2-Ausstoß achten und so weiter. Und andererseits haben wir das Beispiel Lohne: Der Großschlachthof in Lohne ist extrem ausgebaut worden, und dort werden Hunderttausende Kubikmeter Wasser entzogen der Gemeinde Lohne, um Geld zu sparen, nicht aus dem Wasserwerk, sondern eben direkt aus dem Boden. Die Folge: Vor Ort fallen die Brunnen trocken. Und die Bürger sagen: Das ist nicht nachhaltig, uns wird hier das Wasser entzogen für die Massentierhaltung, für die Massenschlachtung da vor Ort.

Pokatzky: Monika Anthes und Edgar Verheyen von "Report Mainz" beschäftigen sich seit Jahren mit den Praktiken beim "Wiesenhof"-Konzern. Gegen den Untertitel dieses Filmes "Wie ein Geflügelkonzern Tiere, Menschen und die Umwelt ausbeutet" ist "Wiesenhof" ja juristisch zunächst mal zu Felde gezogen mit einer Unterlassungsklage, damit aber jetzt erst mal vor Gericht gescheitert. Der Konzern hat dann eine eigene Pressekonferenz im Juli gegen die durch diesen Untertitel geleistete Vorverurteilung veranstaltet. Aber "Wiesenhof"-Chef Paul-Heinz Wesjohann hat Ihnen dann doch ein Interview gewährt. Wie ist das abgelaufen?

Verheyen: Also man muss sagen, die Pressearbeit von dem PHW-Konzern ist eine richtige journalistische Glanzleistung. Bislang sind wir aufgelaufen, wir haben x Mal angefragt, es hieß immer, Herr Paul-Heinz Wesjohann äußere sich nicht. Er selbst sagte, er habe die Wahl zwischen Pest und Cholera, also er wolle hier nichts sagen, hätte ohnehin keine Chance. Das zog sich wochenlang hin. Dann kam es eben zu diesem Showdown und er hat uns ein Interview gegeben. Bei diesem Gespräch wurde er zu all diesen ganzen kritischen Fragen angesprochen, und überall dort, wo es um ganz klare Verstöße auch geht, hat er im Grunde die Verantwortung stets von sich gewiesen. Also was die Billigarbeiter anbelangt, da ist es dann halt mal der Subunternehmer, der hier die Verantwortung trägt, geht es um Mastbetriebe und Tierschutzverletzungen, sind es die Pächter vor Ort, die die Verantwortung tragen, also er redet sich ziemlich raus.

Pokatzky: Aber Herr Verheyen, wenn Sie sagen, Showdown, dann klingt das nach High Noon. Wie ist das denn so von der Stimmung abgelaufen?

Anthes: Also wenn ich was dazu sagen kann: Die Stimmung war eigentlich sehr ruhig und sehr besonnen, und das ist auch eigentlich der Anspruch, mit dem wir an dieses Gespräch herangegangen sind. Wir haben hier mitnichten irgendeine Kampagne gegen Herrn Wesjohann gefahren, wir wollten uns an sich von Anfang an ruhig mit ihm auch auseinandersetzen und mit ihm ein Gespräch führen, und in so einer ruhigen Atmosphäre ist dieses Gespräch dann auch gelaufen.

Pokatzky: Herr Verheyen, Sie haben es ja mit einer gewissen Süffisanz angesprochen, was die Pressearbeit von "Wiesenhof" oder dem Konzern PHW angeht. Sie haben selber keine Drehgenehmigung bekommen für das Gelände von "Wiesenhof"-Betrieben. Wie sind Sie denn dann an Ihr Bildmaterial gekommen?

Verheyen: Na ja gut, Tierschützer haben uns Bildmaterial zugespielt, und auf solche Bilder sind wir natürlich in solchen Fällen auch angewiesen, denn Sie können sich vorstellen, wenn wir uns vorher anmelden bei einem Mastbetrieb, dann bekommen wir natürlich keine authentischen Bilder. Diese Ställe werden dann geputzt und aufgeräumt. Hinzu kommt aber hier auch, dass wir gar nicht die Gelegenheit bekommen haben, solche Bilder überhaupt erst zu drehen. Uns wurden solche Bilder jetzt zugespielt, und dank dieser Aufnahmen können wir zeigen, wie es in vielen "Wiesenhof"-Mastbetrieben eben aussieht.

Pokatzky: Und wie können Sie überprüfen, dass diese Bilder, diese Aufnahmen jetzt wirklich authentisch sind und dass die, sagen wir mal, jetzt nicht irgendein radikaler Tierschützer selber inszeniert hat?

Anthes: Wir prüfen das natürlich immer sehr, sehr genau nach. Es gibt da auch Belege im Bildmaterial, wir achten darauf, dass da die Kamera nie ausgestellt wird zwischendrin, da gibt es zum Beispiel GPS-Belege oder es werden Zeitungen ins Bild gehalten, die zeigen, zu welchem Datum die Aufnahmen gemacht wurden. Wir recherchieren das aber auch vor Ort nach, das heißt, wir fahren zu diesen Betrieben hin, sehen nach, ob das alles so zusammenpasst, konfrontieren auch die Verantwortlichen damit. Von daher kommen wir da unserer Sorgfaltspflicht sehr genau nach und nehmen auch wirklich nur das Material, von dem wir sagen können, wir sind absolut davon überzeugt, dass das authentisch ist, dass das nicht manipuliert wurde, dass es das widerspiegelt, wie dieser Betrieb zu diesem Zeitpunkt aussah.

Verheyen: Wir haben die Bilder auch Herrn Wesjohann vorgespielt.

Pokatzky: Ja, und was hat er gesagt?

Verheyen: Er war der Auffassung, er müsse es nicht im Detail kommentieren, er wisse ja nicht, wo es herkomme.

Pokatzky: Aber wenn diese Tierschützer jetzt auf "Wiesenhof"-Gelände gehen – ich meine, da werden denen die Tore ja nicht weit geöffnet –, ist das nicht Hausfriedensbruch, oder schleichen die sich unter falscher Flagge ein? Wie läuft so was ab?

Verheyen: Nein, das sind Leute, die auf Gelände gehen, das offen steht, also die machen da nichts kaputt, beschädigen das Interieur eines solchen Betriebes, das machen sie nicht. Mit solchen Leuten wollen wir auch nichts zu tun haben. Nein, das sind Leute, die gehen da nachts rein und versuchen dann, diese Bilder in aller Ruhe zu dokumentieren.

Pokatzky: Sie machen jetzt seit Jahren Berichterstattung über "Wiesenhof". Es hat auch immer wieder juristisches Geplänkel gegeben. Wie waren da die Ergebnisse?

Anthes: Ja, also wir hatten mehrere Verfahren, gerade nach unserer Berichterstattung in "Report Mainz" 2010, als es um diese Elterntierfarm ging, schwere Tierschutzverletzungen, "Wiesenhof" hat versucht, gegen uns juristisch vorzugehen und ist dann letztlich gescheitert. Sie haben dann, als das Gericht signalisiert hat, dass das eine berechtigte Berichterstattung war, haben sie dann ihre Forderungen zurückgezogen. Das ist im Sande verlaufen.

Pokatzky: Aber was sagen denn jetzt Ihre Vorgesetzten beim Südwestrundfunk dazu, wenn Sie jetzt wieder mit dem Thema "Wiesenhof" ankommen? Sagen die dann, oh Gott, oh Gott, nicht schon wieder, weil dann ist die gesamte Rechtsabteilung des Südwestrundfunks erst mal wieder wochenlang lahmgelegt?

Verheyen: Also die Rechtsabteilung ist damit beschäftigt, natürlich. Wir brauchen auch entsprechende Begleitung und Unterstützung. Aber wir haben große Rückendeckung hier in der Redaktion, weil man auch allgemein der Auffassung ist: Es ist sehr wichtig, über solche Themen zu berichten. Die Zuschauer wollen ja wissen, wo kommt das Essen her, und wollen einfach nicht nur blindlings in den Supermarkt rennen und irgendwelche Tiefkühlhähnchen kaufen.

Anthes: Das ist auch ein Privileg, das wir als öffentlich-rechtlicher Rundfunk haben: Wir sind unabhängig und wir haben hier die Möglichkeiten, wir werden von Anfang an von unserer Redaktion und unserer juristischen Abteilung unterstützt. Das soll alles legal und mit rechten Dingen zustande kommen. Aber wir sind hier frei, uns mit solch einem großen Konzern anzulegen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Link bei dradio.de:
Umwelt und Verbraucher: Massenproduktion zulasten des Tierschutzes? <br> Vorwürfe gegen Geflügelproduzent "Wiesenhof" (DLF)

ARD-exclusiv: Das System Wiesenhof

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