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Interview | Beitrag vom 03.12.2020

Hubert Kleinert über VerantwortungsethikWider die Zurschaustellung des moralischen Prinzips

Moderation: Nicole Dittmer

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Querdenker-Demonstration gegen die bestehenden Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie anlässlich des World Health Summit 2020 im ehemaligen Kino Kosmos auf der Karl-Marx-Allee. Wegen Nichteinhaltung der polizeilichen Auflagen wurde die Demonstration durch die Polizei beendet. Es gab Rangeleien und Festnahmen. Berlin, 25.10.2020 (picture alliance / Geisler-Fotopress / Christian Behring)
Auch wenn sich die Politik darum bemüht, verantwortbare Lösungen zu finden, gehen Menschen gegen die Coronamaßnahmen auf die Straße. (picture alliance / Geisler-Fotopress / Christian Behring)

Corona habe die Verantwortungsethik zurückgebracht, meint der Soziologe und ehemalige Grünen-Politiker Hubert Kleinert. Die Pandemie habe vielen, denen es vor allem darum gehe, ihre richtige Gesinnung zu demonstrieren, einen Realitätsschock verpasst.

Das Spannungsverhältnis von Gesinnungsethik und Verantwortungsethik war das große Thema des Soziologen Max Weber, der für eine Balance zwischen beidem plädierte. Wie steht es heute mit der Verantwortungsethik in Zeiten der Coronapandemie und hitziger Debatten um Migration?

Der Soziologe und ehemalige Grünen-Politiker Hubert Kleinert kommt hier zu einem überwiegend positiven Urteil. Mit dem durch die Coronakrise nun geschärften Blick gebe es ein "Bemühen um eine verantwortbare Lösung".

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Unangenehm sei ihm allerdings aufgefallen, "dass man ganz lange gebraucht hat, um zu kapieren, dass man auch das Parlament einbeziehen muss und dass wir nicht eine Superregierung aus Bundeskanzlerin plus Ministerinnen und Minister haben, die alles bestimmen kann". Es habe etwas länger gedauert, bis der Politik klargeworden sei, dass man gute Begründungen haben muss, wenn man die Grundrechte einschränkt.

Demonstration der eigenen Gesinnung

In den zurückliegenden Jahren sei indes zu beobachten, dass der gesinnungsethische Pol stark an Bedeutung gewonnen habe: "Viel zu schnell wird in manchen Debatten das moralische Prinzip als das eigentlich wichtigere herausgestellt. Es spielt die Gesinnungsdemonstration eine allzu große Rolle."

Ein gutes Beispiel sei das Thema Migration und Flüchtlinge seit 2015 und damals erfolgten "Überbetonung des moralischen Prinzips gegenüber den Handlungsfolgen". Er selbst habe damals zu den Skeptikern gehört, "ob man das lange durchhalten kann - diese moralische Emphase. Die Entwicklung hat das dann auch bestätigt."

Realitätsschock durch Corona

Die Beispiele lassen sich beliebig fortsetzen: So sei die Erfurter Regierungskrise umgehend mit "Weimarer Verhältnissen" verglichen worden. CDU und FDP hätten sich zwar in Thüringen "einen ziemlichen Fauxpas" geleistet. Doch gleich "von Weimar zu reden, ist eine Übertreibung."

Er habe den Eindruck, es sei seit einiger Zeit "Mode, gesinnungsethisch auf der richtigen Seite zu stehen, das öffentlich herauszustellen und sich damit im Wesentlichen zu begnügen". Die Bodenhaftung sei verloren gegangen. Erst die Coronakrise habe die Dinge durch einen Realitätsschock wieder etwas ins Lot gebracht und auch eine weitverbreitete Politikerverachtung gedämpft.

(mkn)

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