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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 18.01.2018

Howard Jacobson: "Pussy"Parabel über die zunehmende Verdummung der Menschheit

Von Gabriele von Arnim

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Howard Jacobson: Pussy (Klett-Cotta Verlag/ Tropen Verlag/ Unsplash)
Howard Jacobson: Pussy (Klett-Cotta Verlag/ Tropen Verlag/ Unsplash)

Als Trump zum amerikanischen Präsidenten gewählt wurde, begann Howard Jacobson zu schreiben - voller Furor verfasste er eine bitterböse Satire auf die Mächtigen. Doch in seinem Märchen steckt noch mehr.

Howard Jacobson ist ein fulminanter Schriftsteller, der seit seinem Roman "Die Finkler-Frage" auch bei uns als subversiv witziger und gesellschaftskritisch gewitzter Autor bekannt ist. Oft wird er der englische Philip Roth genannt, während er selbst sich lieber als "jüdische Jane Austen" bezeichnet.

Es wundert bei diesem Autor nun nicht, dass er fassungslos war, als Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde. Er begann sofort und im Furor zu schreiben. "Savage" sollte werden, was er zu Papier brachte, erklärte er in einem Interview mit "The Guardian", zorneswild also wollte er zuschlagen in einem wirklichkeitsnahen satirischen Märchen.

Fracassus heisst der Prinz mit dem senfgelben Haar, der als Sohn eines Immobilienmoguls und seiner freundlichen Gattin im Palast der Goldenen Tore aufwächst. Großfürst und Großfürstin nennen sich die beiden und spielen Aristokratie oder jedenfalls das, was sie dafür halten.

Eines Tages stellt das Paar allerdings erschrocken fest, dass bei der Erziehung des Sohnes einiges schief gelaufen ist. Und das ist besonders ungustiös, weil schon der eigentliche Thronfolger – wenn auch ganz anders - entgleiste. Der nämlich las, dachte selber und war empathisch.

"Frac-ass-us" - so skandiert das Volk seinen Namen - hat dagegen ununterbrochen Reality- und Spielshows im Fernsehen geschaut und glaubt nun, dass die Welt so sei, wie sie dort gezeigt wird. Sein Sprachschatz ist kaum als Schatz zu bezeichnen, sondern ist ein spärliches Gestammel.

Epidemisch ausbreitende Dummheit

Der Vater beschliesst: Der Knabe muss geformt werden. Schliesslich brauchen auch Tyrannen eine gewisse Finesse. Und so bekommt der Prinz einen Rhetorik-Trainer und einen Life Coach zur Seite gestellt, die ängstlich und zynisch zugleich versuchen, aus dem tumben Tor mit den Killerinstinkten einen vorzeigbaren Erben zu machen.

Der Junge wird auf Reisen geschickt, um die Welt kennenzulernen, poussiert mit den Führern diverser Reiche und versteht sich bestens mit ihnen.

Das ist auf den ersten Blick eine schnelle, leichte, boshaft intelligente Lektüre. Viele kleine Hinweise lassen uns Putin oder Nigel Farage, Hilary Clinton oder Stephen Bannon erkennen. Kleine Brexit-Hiebe und große Kulturkritik vermischen sich zu einem Abgesang auf das, was man einst Bildung nannte.

Und das ist Jacobsons eigentliches Thema: Die sich epidemisch ausbreitende Verdummung der Menschheit. Verführt durch Fernsehen und digitalisierten Alltag, durch Twitter und Co. bejubeln die törichten Massen frenetisch die brutale Blödheit ihres so unwissenden wie gefühllosen Pussy Prinzen.

Jacobsons Roman ist kein Märchen, das verzaubert. Und auch nicht schauerlich witzig. Dieser Präsident ist ja auch kaum noch zu fassen mit Satire, weil sich die Wirklichkeit als immer noch monströser und absurder erweist als die fieseste Fantasie.

Wer das Buch nur als Trump-Satire liest, verpasst darum den schwärzesten Teil, den eigentlichen Abgrund des Romans. Den Verlust von Intelligenz, Geist, Anstand und Moral. Und er überliest die brennende Verzweiflung des Autors ob dieser Entwicklung.

Howard Jacobson: "Pussy"
Tropen Verlag, Stuttgart 2018
237 Seiten, 16 EUR

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