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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 18.11.2015

Hospizbewegung kam spätDas Tabu Tod in der DDR

Von Maximilian Klein und Thomas Klug

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Zwei mit durchsichtiger Folie überzogene Krankenhausbetten stehen auf einem Krankenhausflur. (picture alliance / dpa / Soeren Stache)
In fortschrittsgläubigen Gesellschaften wie der DDR - aber lange Jahre auch in Westdeutschland - hat der Tod keinen Platz. In der DDR wurden Sterbende in Krankenhäusern oft in abgelegene Räume geschoben, erklärt die Ärztin Maria Ziegenfuss. (picture alliance / dpa / Soeren Stache)

Die Staatsdoktrin der DDR verhieß, dass es immer aufwärts geht, immer besser wird. Der Tod störte, man verbannte ihn in Krankenhäuser, an die Würde der Sterbenden wurde oft nicht gedacht. Doch als ein Pfarrer die im Westen entstandene Hospizbewegung in der DDR populär machen wollte, war es bereits zu spät.

Barbara Schubert:
"Der erste Mensch, dessen Sterben ich wahrgenommen habe und der mindestens ein Teil des Grundes ist, weshalb ich diese Arbeit mache, ist mein Großvater gewesen. Mein Großvater ist im Jahr 1980 gestorben im Osten Deutschlands, auf einem kleinen Dorf. Meine Großmutter hat ihn gepflegt. Es gab einen Hausarzt, der kam, so oft man ihn brauchte, nach Hause, stellte die Schmerzen ein. Abends kam eine Gemeindeschwester und spritzte Morphium, allerdings einmal am Tag, immer abends. Heute weiß ich nicht, ob das nicht die bessere Schlafspritze und nicht die gute Schmerzspritze gewesen ist."

Maria Ziegenfuss:
"Das war eine 19-Jährige, die Brustkrebs hatte. 19 Jahre und da war ich gerade frisch von der Uni in der Chirurgie, und das hat einfach niemand so richtig ernst genommen. Dachten alle, ach, das ist, die ist vielleicht schwanger oder aber die hatte echt einen Befund. Und es stellte sich dann raus, dass das Brustkrebs war."

Alfred Bock:
"Ja das ist in Gera gewesen. Da wurde ich gerufen als Kaplan. Die Sakramente der Krankensalbung zu spenden. Und kurz bevor ich hinkam, war der Mann verstorben schon. Das war also meine allererste Begegnung. Es waren Angehörige fast nicht da. Es war nur eine Schwester, Krankenschwester mit im Raum. Und ja, den Arzt habe ich da auch nicht gesehen. Also ich war mit der Krankenschwester fast allein."

Barbara Schubert:
"Und die Familie war da. Ich erinnere mich, dass meine Mutter mich gefragt hat, als 17-Jährige: Was möchtest du, was wir tun, wenn der Großvater gestorben ist. Und ich habe ihr geantwortet: Ich will es wissen. Und dann kam ein Anruf in die Schule. Und die Sekretärin meiner Schule kam ins Klassenzimmer, nickte und ich wusste: Aha, das ist jetzt der Moment, und dann bin ich zu meinem Klassenlehrer und der hat mich nach Hause fahren lassen. Wir haben uns von meinem Großvater verabschiedet und er war noch einen Tag im Wohnzimmer aufgebahrt. Die Dorfgemeinschaft - mein Großvater hatte in verschiedenen Vereinen mitgemacht -, Freiwillige Feuerwehr, Blaskapelle, ja, die kamen und verabschiedeten sich. Das war der eigentliche Abschied. Die Beerdigung war eher so ein festliches Moment, wo man eher so seine Stärkung herbekam für denjenigen, der da weiterleben musste."

Maria Ziegenfuss:
"Und dann habe ich gesagt, ja der Befund ist bösartig. Sie müssen operiert werden. Aber ich hab' dann auch noch mal gemerkt, der Patient findet woanders noch mal Halt und das war ja auch mein Halt. Nach einem halben Jahr musste dann die zweite Brust abgenommen werden. Und damit war ihr klar, dass sie eine schlechte Prognose hat. Und sie ist ja dann auch nach zwei Jahren gestorben."

Alfred Bock:
"Und da hatte ich die Krankenschwester damals gebeten und gesagt, ich würde gerne noch etwas bleiben. Es war also das erste Mal für mich, alles neu, so in dieser Richtung. Dann habe ich noch gebetet.

Und da war für mich, was ich heute auch noch bei vielen Sterbenden so entdecke, das ist eigen. Dass die, sobald sie verstorben sind, auch irgendwie ja, fast wie ein Lächeln im Gesicht haben. Also nicht das, was wir manchmal so vermuten, als totenbleich gleich, sondern wie ein Lächeln. Dieser Eindruck ist mir damals noch so geblieben.

Für mich war immer sehr, wie soll ich sagen..., niederschmetternd, dass, sobald jemand im Sterben lag - oder noch schlimmer war es, wenn jemand schon verstorben war: erstens völlig tabu. Es war eine Geheimnistuerei. Man hat nicht darüber gesprochen."

Der Marxismus-Leninismus sollte etwas für die Ewigkeit sein

Man hat nicht darüber gesprochen. Drinnen sterben die Leute – und draußen herrscht der Sozialismus. Es passte nicht zusammen. Sozialismus – das sollte die Zukunft sein, Gerechtigkeit, ein gutes Leben, das Glück auf Erden. Der Tod machte das kaputt. Der Mensch beherrscht die Natur, predigten die Staatsbürgerkundelehrer. Sie hielten das für Optimismus oder gar für Realismus. Das bisschen Tod wird der Mensch dann doch auch noch beherrschen.

Am Ende soll ein helles Licht sein. So erzählen es diejenigen, die sogenannte "Nahtoderfahrungen" gemacht haben. "Vorn ist das Licht", sangen einst die Puhdys.

Ausschnitt aus "Vorn ist das Licht" von den Puhdys:
"Kein leeres Reden, bis sich das Leben endlich trennt vom Tod."

Alles sollte anders werden, besser, schöner. Eine Verheißung, die kein Ende kannte.

Walter Ulbricht über Josef Stalin:
"Der vom 19. Parteitag beschlossene fünfte Fünfjahrplan wird der Plan des Triumphes der Stalinschen Lehre sein. Die leuchtende Schönheit der in der Sowjetunion erblühenden kommunistischen Gesellschaft ist der Leitstern für die Völker der ganzen Welt."

Die Ankunft des Kommunismus wurde sicherheitshalber auf später verschoben. Irgendwann in naher Zukunft, aber nicht so nah, dass man für seine Versprechen noch gerade stehen müsste. Doch dann sollten sich die Opfer des Aufbaus gelohnt haben.

DDR-Werbung:
"Weißwein ist so recht das Getränk unserer Zeit. Für unseren Optimismus. Weißwein für frohe Stunden. Weißwein – für glückliche Menschen, die sich gemeinsam über Vollbrachtes freuen. Wein – ein Trunk, rein wie die Natur ihn schuf."

Walter Ulbricht:
"Der Traum des Dichters des einstigen jungen Deutschland, Heinrich Heine, soll von dem jungen Deutschland unserer Tage zur Wirklichkeit werden. Er sagt in seinen herrlichen Gedichten: Ein neues Lied, ein besseres Lied, oh Freunde, will ich euch dichten, wir wollen hier auf Erden schon das Himmelreich errichten."

DDR-Werbung:
"Und denkt daran: Jung und heiter, wie ihr selbst. Und hell und schön wie das Leben, das vor euch liegt, sollen auch eure Kleider sein."

Egal, ob Werbung, Walter Ulbricht oder Kleidungs-Tipps für die Jugendweihe: Optimismus allenthalben; Optimismus, Fortschritt ohne Ende. Über Tod wollte man da nicht sprechen. Der Tod war nur noch für das konkurrierende Gesellschaftssystem vorgesehen, den Kapitalismus.

Zitat aus dem Buch "Ins nächste Jahrhundert. Was steht uns bevor?":
"Es geht schon längst nicht mehr um die Frage, ob der Kommunismus siegen kann, sondern darum, wann er siegen wird. Die verarbeiteten Fakten erlauben konkretere historische Zeitbestimmungen. (…) Sie werden den Klassengegner zwingen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Allerdings wird sich dadurch seine Situation auch nicht verbessern",

ist in dem 1984 Urania-Verlag der DDR erschienenen Buch: "Ins nächste Jahrhundert. Was steht uns bevor?" nachzulesen.

Ausschnitt aus dem Lied "Immer lebe die Sonne":
"Immer lebe die Sonne. Immer lebe der Himmel. Immer lebe die Mutti. Und auch ich immerdar!"

Immer. Ein sowjetisches Pionierlied besang den ganz großen Traum. Als ob ein "immer lebe" möglich sei.

Ausschnitt Hörspiel "Ich will nicht leise sterben":

"Dit war ein Stich. Da hätte es mich fast von der Treppe geschleudert, als hätte ich eine nasse Zeitung in der Brust. Die Frau Schubert, die ist auch mit 69 gestorben. Der Schrubber, der ist ihr aus der Hand gefallen und dann hat sie sich dazu gelegt – um und aus. Aber nicht bei mir."

Der Marxismus-Leninismus, die Staatsideologie der Ostblockstaaten, sollte etwas für die Ewigkeit sein - eine vulgäre Auslegung der Werke von Karl Marx.

Zitat Karl Marx:
"Der Tod ist kein Unglück für den, der stirbt, sondern für den, der überlebt",

lesen wir bei Karl Marx. Und:

"Der Tod scheint als ein harter Sieg der Gattung über das bestimmte Individuum und ihrer Einheit zu widersprechen; aber das bestimmte Individuum ist nur ein bestimmtes Gattungswesen, als solches sterblich."

Auch Stalin, mit seinem Personenkult verehrt wie ein göttliches Wesen, war nur ein Sterblicher.

Nachrichtensprecher:
"Das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei, der Ministerrat und das Präsidium des Obersten Sowjets der UdSSR teilen der Partei und allen Werktätigen der Sowjetunion im Gefühl tiefster Trauer mit: Am 5. März um 21:50 Uhr starb nach schwerer Krankheit der Vorsitzende des Ministerrates und Sekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei, Josef Wissiarionowitsch Stalin."

Die Trauer ließ den Optimismus schweigen – ein paar Momente lang.

"In der Klinik wurde der Sterbende häufig in ein Bad geschoben"

Und die anderen – diejenigen, die nicht prominent wurden, die nicht an irgendeiner Spitze standen, die nichts vollbracht hatten, was die Aufmerksamkeit der Welt oder der DDR erregt hatte? Die ganz normalen Menschen mit ganz normalen Leben? Sie hatten jenseits der Utopie mit der Realität zu tun, dem Tod und den Toten: Ärzte, Krankenschwestern, Geistliche.

Die Ärztin Barbara Schubert:
"Ich fand das ein gutes Sterben. Ich fand, dass es meinem Großvater gut ging, auch wenn es ihm schlecht ging. Und so hatte ich es mir auch vorgestellt, dass es Menschen geht, die im Krankenhaus sterben müssen. Als ich dann meine Ausbildung fertig hatte und ins Krankenhaus kam, habe ich dann gemerkt, wie ganz anders da der Umgang mit dem Sterben war.

Da waren zu diesem Zeitpunkt, Ende der 1980er-Jahre, Sterbende eher ein Störfaktor im Krankenhaus. Man meinte, man dürfe die den Mitpatienten nicht zumuten, man meinte, sie brauchten bestimmte Zuwendungen nicht mehr, weil sie ja sowieso sterben würden. Also, das war eine Riesendiskrepanz und der zweite Grund, der mich dazu bewogen hat, mich mit dem Thema weiter zu beschäftigen."

Der Pfarrer Alfred Bock, Krankenhausseelsorger in Dresden:
"Was mich immer beeindruckt hatte, war, dass man diesen Schwerstkranken und Sterbenden möglichst, ja, aus dem Zimmer - das waren ja damals fast alles noch Mehrbettzimmer in der DDR-Zeit; vier-bis sechs-Bett-Zimmer - dass man ihn natürlich heraus fuhr. Aber meistens in so, naja, fast wie so eine Abstellkammer. Und das hat mich immer sehr schwer betroffen gemacht.

Damals in der DDR waren ja die Krankenhausaufenthalte viel, viel länger als heute. Die Kranken waren ja manchmal wochenlang im Krankenhaus. Und heute sind die ja nur - wenn's hoch kommt, zehn Tage, zwölf Tage… Dann kommen sie in die sogenannte Rehaklinik. Das gab's ja damals nicht. Und deshalb waren die Zimmer auch immer überfüllt."

Die Ärztin Maria Ziegenfuss:
"Ich hab das erlebt, dass in Krankenhäusern, dass man Sterbende häufig ins Krankenhaus eingewiesen hat. Damit einfach die Familie einfach ihn abgegeben hat in die Klinik. Und dann in der Klinik wurde der Sterbende häufig in ein Bad geschoben. Weil man nicht wusste wohin. Und weil man einfach auch mit dieser Situation nicht gelernt hatte umzugehen.

Also in unserem Studium, das Studium war ja sehr stark ausgerichtet auf Wissenschaft, Technik, Forschung. Da lag so der Schwerpunkt der Medizin. Und in meiner praktischen Arbeit habe ich dann festgestellt, dass das eigentlich an meinen Patienten vorbei geht. Ich bin Allgemeinmedizinerin und hatte eben viele Patienten, die älter waren, die behindert waren, Sterbende. Und für die gab's da einfach kein Konzept."

Die Ärztin Barbara Schubert:
"Ich glaube, das hat etwas mit unserer Kultur im Umgang mit dem Sterben zu tun. Ich glaube, es hat etwas damit zu tun, dass diese Generation, die damals starb in den 80er-Jahren, auch vielfach leidvolle Vorerfahrung mit dem Tod mitgebracht haben in ihr eigenes Sterben. Die Leute, die damals 60, 70, 80 Jahre alt waren, die hatten den Krieg erlebt, in welcher Weise auch immer. Ich glaube, dass wir gerade in Deutschland viele Verwundungen durch den Krieg und seine Folgen, die auf die Mitmenschen zugekommen sind, viele, viele Jahre tabuisiert haben. Und manch einer still gelitten hat, um Dinge, die von anderen gar nicht gewusst worden sind. Und ich glaube, dass man in so einer Atmosphäre über das Sterben nicht gerne spricht.

Ich glaube, dass viele Menschen mit viel Angst gestorben sind. Ich will nicht sagen, dass das heute leichter ist, aber viele Menschen bereiten sich doch besser vor auf das, was sie wollen am Ende des Lebens, als das noch vor 20 oder 30 Jahren der Fall war. Und manche damalige Sterbesituation, wie ich sie erlebt habe, die waren einfach stumm, sprachlos, einsam."

Ausschnitt Hörspiel "Ich will nicht leise sterben":

"Erich, ich will nicht leise sterben. Ich habe direkt Angst, nach Hause zu gehen. Ich hab so einen Druck in der Brust, in der Herzgegend."

"So ein dummes Gefühl?"

"Vielleicht ist das auch weiter nichts und ich mache mir ganz unnötige Sorgen. Ich habe ja manchmal was gehabt, eigentlich selten, das stimmt, aber so war das noch nie. Und zu Hause, da ist das so stille, hier ist alles laut und das ist gut so."

Ärzte erlebten, dass sie Sterbenden nur ungenügend zur Seite stehen konnten

Sterben wollte nicht zum Sozialismus passen. Zum Sterben gab es keinen Plan. Das Lehrbuch "Einmaleins der Krankenschwester" aus dem Jahre 1976 umfasste 600 Seiten. Eine einzige Seite davon befasste sich mit dem Thema "Sterben". Es war, als ob man sich mit dem Tod, der die Grenzen des heilkundlich Machbaren unabweisbar machte, nicht konfrontieren wollte.

Barbara Schubert:
"Ich habe in den 80er-Jahren erlebt, dass es zwischen dem, was unter den Helfern, ob das Ärztinnen und Ärzte oder Ärzte und Pflegekräfte oder andere Therapeuten waren, schon oft gesprochen wurde …Und wenn nicht mit Worten, dann doch mit den unmissverständlichen Gesten, die sich da über die Zeit eingebürgert haben. Ich werde nie vergessen: Chefvisite auf der Intensivstation. Alle stehen um das Bett herum, schauen sich an. Der wortführende Arzt nickt, alle anderen verstehen, was er meint. Aber für den, der da liegt, wurde das Wort, die Lebenszeit ist begrenzt, nicht ausgesprochen. Es war so beidseitig. Man sagte es nicht."

Ausschnitt Hörspiel "Ich will nicht leise sterben":

"Soll ich etwa in meine vier Wände in aller Stille abkratzen?"

"Nach einem langen, arbeitsreichen Leben ging heute von uns Clara Wessel. Bis zuletzt roch sie nach Druckerschwärze, Papier und Maschinenöl. In ihrer Jugend empfing sie drei Kinder, zog sie auf mit Mühe, Liebe und Schellen. Ihre Männer verließen sie, ihre Söhne auch. Die einen so, die anderen so."

Das Schweigen über den Tod. Der Krankenhausseelsorger Alfred Bock sieht die Ursache dafür im Sozialismus der DDR:

"Die materialistische-kommunistische Ideologie. Der Mensch ist also, so lange er arbeiten kann, ist der Mensch, so lange er Wert, Leistung bringen kann. Und wenn das nicht mehr der Fall ist, ja dann ist er eben, dann wird er an den Rand der Gesellschaft gedrückt."

Auch Ärzte wurden unzufrieden, erlebten sie doch immer wieder, dass sie Sterbenden nur ungenügend zur Seite stehen konnten. Maria Ziegenfuss:

"Also, ich habe so in meiner Zeit immer erlebt, dass mich das umgetrieben hat, dass ich mit schwerstkranken Patienten zu tun hatte, aber keinen Ansatz gefunden habe in diesem Gesundheitssystem. Es war ja nicht alles schlecht im Gesundheitssystem, aber es gab in Krankenhäusern und es gab einfach solche Regelwerke, wo man jetzt nicht ehrenamtliche einsetzen konnte."

Die Ärztin Barbara Schubert sagt, dass es einfach an der Zeit lag, dass weder Ärzte noch Patienten gelernt hatten, über das Ende des Lebens zu sprechen:

"Das war einfach kein gesellschaftliches Thema so wie heute. Eine Diskussion, die wir heute führen im Deutschen Bundestag über ein Gesetz zum ärztlich attestierten Suizid oder ein Palliativgesetz, das hätte es vor 25 Jahren weder im Osten noch im Westen gegeben."

Das Tabu Sterben und Tod war und ist hartnäckig – unabhängig vom politischen Überbau. Doch am Tabu wurde gerüttelt. Die Literatur thematisierte, was sonst in der Öffentlichkeit übergangen wurde: Die Tagebücher von Maxie Wander, "Swantow – Die Aufzeichnungen des Andreas Flemming" von Hans Cibulka, "Neue Herrlichkeit" von Günter de Bruyn. Und "Ich will nicht leise sterben", ein Text von Martin Stephan, der mit Agnes Kraus als Hörspiel produziert und mit Lotte Loebinger verfilmt wurde. Es ist die Geschichte von Clara, einer einfachen Frau, einer Hilfsarbeiterin in einer Druckerei, die über ihr Lebensende nachdenkt. Sie ist umgeben von jungen Kollegen, für die das Sterben abstrakt ist und die sich eher ungeniert über Praktisches Gedanken machen:

Ausschnitt Hörspiel "Ich will nicht leise sterben":

"Zieh doch zu deiner Oma. Wenn die mal stirbt, hast du die ganze Wohnung für dich."

"Was?"

"Na, du ziehst bei deiner Oma, die macht irgendwann alle. Dann haste die Wohnung für dich. Der Axel aus der C-Schicht hat das auch so gemacht. Jetzt hat er eine Drei-Zimmer-Wohnung. Peng."

Einwände von Ärzten gegen die Hospizarbeit

Das Schweigen über den Tod war nicht nur einem verordneten Tabu geschuldet, sondern auch Ausdruck von Hilflosigkeit. Die nötige Debatte kam nur langsam zustande:

Barbara Schubert:
"Und das musste man verständlich vermitteln, dass das ein Thema ist, was dahinter liegt. Dass es nicht darum geht, dass Sterbende irgendeine luxuriöse Sonderversorgung wollen. Sondern dass der Rahmen einfach anders geworden ist",

erinnert sich die Ärztin Barbara Schubert.

"Die Frage ist, was haben diese Menschen an Behandlung bekommen. Natürlich haben sie eine kompetente Pflege bekommen. Natürlich, wenn jetzt jemand nicht trinken konnte, hat er seine Infusionsbehandlung bekommen. Oder er brauchte eine Schmerztherapie oder hatte eine schlimme Wunde, die musste jeden Tag dreimal verbunden werden. Das waren damals Gründe, die reichten aus, dass jemand im Krankenhaus war. Natürlich sind auch viele Menschen zu Hause gewesen und zu Hause gestorben."

1980 fand ein Symposium zum Thema "Betreuung unheilbar Kranker und Sterbender" statt, ein Jahr später erschien ein Buch über "Grenzsituationen ärztlichen Handelns". Und ein Mann aus Halle an der Saale begann, sich für Sterbende zu engagieren: Heinrich Pera.

Alfred Bock:
"Er hat also versucht, im Elisabethkrankenhaus in Halle, im katholischen Krankenhaus dort, also diese Sterbebegleitung, will ich mal sagen, ein wenig anders zu integrieren auch. Und als ganzheitlich. Er hat versucht, die Schwestern entsprechend zu bilden und hat auch versucht, Brücken einzusetzen. Begleiter, Menschen, die Sterbende begleiten."

Pfarrer Alfred Bock erinnert sich an Heinrich Pera:

"Da hat er auch sehr diesen Gedanken gehabt dieser sogenannten Hospizhäuser. Damals ging ja der Name umher - Sterbehäuser. Das wollte er selber aber nicht hören. Ich versteh' heute immer mehr, dass das auch nicht der Fall sein darf. Und daraufhin hat er auch Vorträge gehalten."

Heinrich Pera war Pfarrer und Krankenpfleger. Auch Maria Ziegenfuss hat ihn kennengelernt:

"Bei Pfarrer Pera habe ich festgestellt, der hat ein Konzept. Was wir in der Medizin nicht hatten. Er hat praktisch Multiplikatoren geschaffen. Weil er nicht ohne Weiteres als Seelsorger ins Uniklinikum kam. Und er hat sich dort in diesem Klinikum Multiplikatoren geschaffen, das waren Krankenschwestern, Ärzte, Psychologen, Fürsorgerinnen. Die hat er in kleine Gruppen zusammengefasst und hat denen Weiterbildungsangebote gemacht. Hat Problemfallseminare angeboten und hat sich praktisch mit denen, ist praktisch auf dieser Beziehungsebene dann in die Klinik hinein gekommen. Und dasselbe Prinzip hat er auch in der Hospizarbeit gemacht."

Die SED-Führung mochte keine Ideen, die nicht im Führungszirkel selbst entstanden.

Barbara Schubert:
"Was man sich nicht vorstellen darf, dass man in der DDR mal so einfach einen Verein gründen durfte. Und sagen, wir gründen jetzt hier mal einen Hospizverein und das ist der Hort, in dem die Ehrenamtlichen geschult... Das darf man sich so nicht vorstellen. Sondern der Ort war eigentlich die Kirche. Die Kirche hat die Räumlichkeiten, die Möglichkeiten finanzieller Art, den Schutzraum gegeben. Dort traf man sich. Man überlegte sich, was müsste man denn lernen, wenn man als Ehrenamtlicher in die Begleitung von sterbenskranken Menschen gehen will."

Wenn das Sterben schon nicht aufzuhalten ist, sollte es wenigstens in Würde erfolgen. Diese Einsicht setzte sich nur langsam durch.

"Also ich habe weder erlebt, dass man Steine in den Weg gelegt bekommen hat, noch dass jemand aus Grundüberzeugung gegen Hospizarbeit war. Ich glaube, es gab eine Phase von zehn bis 15 Jahren, die war von einer Riesen-Unwissenheit geprägt. So nach dem Motto: Kann ich mir gar nicht vorstellen, dass das ein Thema ist. Warum ist im Altenheim nicht so eine gute Sterbebegleitung, dass es da noch mal jemanden extra braucht."

Barbara Schubert erinnert sich an Einwände, die sie auch von Ärzten hörte:

"Und die sind doch immer gestorben, die Menschen. Was kommt ihr jetzt hier mit diesem neuen Thema da an, 'ne. Was soll das jetzt auf einmal. Also sozusagen diesen Wandel in den sozialen Strukturen, den Wandel in dem Bestreben der Menschen, mit dem Thema offener umzugehen, nicht unbedingt im Krankenhaus sein zu wollen; den Wandel, den auch das Gesundheitssystem erfahren hat."

Hospiz-Wochenende kurz vor der Wende

Das Unaussprechliche bekam eine Sprache, schon deshalb, weil diejenigen, die mit dem Tod zu tun hatten, darüber sprechen wollten und mussten.

Maria Ziegenfuss:
"Es gab so diese beiden Gruppen: trauernde Angehörige, die negative Erfahrungen gemacht haben mit dem Sterben und die was tun wollten. Und es gab das Personal, das unzufrieden war. Und diese beiden Gruppierungen oder Strömungen, die mussten irgendwie zusammengeführt werden."

Der Einfluss kam von außen. 1985 hatte Heinrich Pera die Möglichkeit, sich vier Wochen lang vier verschiedene englische Hospize anzuschauen, die Kirche hatte ihn dazu eingeladen. In einem seiner Bücher schreibt er darüber:

"Diese Erfahrung hat mich noch mehr motiviert, den Gedanken der Hospizbewegung in Halle lebendig zu machen. So bildete sich ein kleines Team aus zwei Ärzten, zwei Krankenschwestern, einem Sozialarbeiter und mir. Wir suchten mit Schwerkranken, die ihren letzten Lebensabschnitt zu Hause leben wollten, nach Wegen, diesen ihren Wunsch zu erfüllen."

Maria Ziegenfuss:
"Und ich habe dann über Arbeitskreise, bei denen ich dann bei Pfarrer Pera drin war, einfach gelernt wie man Hospizarbeit, wie man das praktisch anstellt. Also er hat das eben auch hingekriegt unter DDR-Bedingungen. Er hat da im Elisabeth-Krankenhaus, also im Schatten des Elisabethkrankenhauses, in der inneren Ambulanz hat er mit einem ganz unverfänglichen Begriff, mit einer Zeit-Oase angefangen."

Zeit-Oase – so nannte Heinrich Pera sein Projekt der Sterbebegleitung. Ein Hospiz allerdings wurde noch nicht gegründet. Aber die Pläne dafür entstanden. Heinrich Pera schrieb:

"Kurz vor der politischen Wende (...) haben wir in Halle ein Hospizwochenende durchgeführt. Hospizler aus England, Aachen und München haben mit uns die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen der Hospizarbeit interessierten Ärzten, Schwestern und Seelsorgern vorgestellt."

Als man in der DDR zu lernen begann, mit dem Tod umzugehen, war die DDR am Ende, und mit ihr der Glaube an den immerwährenden Fortschritt vom Sozialismus zum Kommunismus. Der Tod kam plötzlich und doch lang erwartet. Und er war nicht so gut vorbereitet wie der der Proletarierin Klara im Hörspiel "Ich will nicht leise sterben".

Ausschnitt Hörspiel:

"Wir legen dich also auf den gereinigten Plattenkarren und fahren dich ganz langsam durch den Rotationssaal, vorbei an Maschine 1, 2, 3 und 4".

"Ach ja, Maschine 4."

"5,6,7,8, bis zur 9. Alles ganz langsam und feierlich. Und alle Maschinen stellen wir ab. Dir zu Ehren, Klara."

"Nee, nee, die Maschinen müssen laufen, ganz laut, so wahnsinnig laut, dass die Luft zittert."

"Und die Postfahrer draußen auf dem Hof müssen dann in ihre Wagen klettern und hupen."

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