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Fazit / Archiv | Beitrag vom 23.11.2018

Horváths "Italienische Nacht" in BerlinScharfe Provinz-Bilder und eine beißende Analyse

Von André Mumot

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Zu sehen sind Traute Hoess, Sebastian Schwarz und Lukas Turtur in einem Gasthaus (Arno Declair / Schaubühne Berlin)
Traute Hoess, Sebastian Schwarz und Lukas Turtur in Thomas Ostermeiers Inszenierung von Horváths Stück "Italienische Nacht". (Arno Declair / Schaubühne Berlin)

1931 schilderte Ödon von Horváth in seiner "Italienischen Nacht", wie sich Gesellschaft radikalisiert und sich Demokratie selbst zerstört. Thomas Ostermeier macht das Stück mit seiner Inszenierung an der Berliner Schaubühne zum perfekten Sinnbild unserer Zeit.

Der Faschist ist schön. Laurenz Laufenberg spielt ihn in Thomas Ostermeiers Inszenierung von Ödön von Horvaths "Italienischer Nacht" an der Berliner Schaubühne als adretten, durchaus sympathischen Jura-Studenten mit gewinnendem Lächeln. Der dann aber, ganz geschmeidig, beginnt, über die Migrationspolitik herzuziehen und schließlich auf servilste Weise seine Nazi-Propaganda verkündet. Kurze Zeit später sehen wir ihn auf der Bühne des Gasthauses Lehninger, wo er vor schwitzendem Pogo-Publikum einschlägigen Rechts-Rock ins Mikrofon gröhlt.

Zu sehen sind: ein Gasthaus Lehninger und die Schauspieler Alina Stiegler und Sebastian Schwarz (Arno Declair / Schaubühne Berlin)Alina Stiegler und Sebastian Schwarz in Ostermeiers Inszenierung von Horváths Stück "Italienische Nacht". (Arno Declair / Schaubühne Berlin)

Überhaupt: Dieses Gasthaus Lehninger, das Bühnenbildnerin Nina Wetzel da in der Schaubühne aufgebaut hat, samt Zigarettenautomat an der Vorderseite und Spielautomat in der Schankstube: Ein naturalistisches, von Zigarettenrauch durchwehtes und mit Holzstühlen vollgestelltes Meisterstück, in dem Thomas Ostermeier Horvaths bösartige Komödie als beklemmende Wiederkehr des Immergleichen inszenieren kann.

Es sieht aus und es klingt genau wie früher

1931 uraufgeführt, scheint die Geschichte um den schlappen Ortsverein von Sozialdemokraten, der sich dem Erstarken der Nationalsozialisten ausgesetzt sieht, hier in der westdeutschen Provinz der späten siebziger Jahre angesiedelt zu sein und ist doch ganz und gar ins Heute gezogen. Was wir für historisch abgelegt gehalten hatten, kommt zurück, und es sieht aus und es klingt genau wie früher.

Zu sehen ist eine Schlägerei in einem Gasthaus (Arno Declair / Schaubühne Berlin)In Ostermeiers Inszenierung von Horváths Stück "Italienische Nacht" geht es hoch her. (Arno Declair / Schaubühne Berlin)

Das Thema der aufstrebenden Rechten treibt den Regisseur schon eine ganze Weile um. Doch wo Thomas Ostermeiers zum letzten Theatertreffen eingeladene Inszenierung von Didier Eribons "Rückkehr nach Reims" bloß Theorie war - also Text und das Sprechen über Text - entsteht an diesem Abend lebendiges, agiles, wahrhaftiges Theater.

Anfangs holpert es noch ein wenig, wirkt der triste Wirtshaus-Realismus etwas gestelzt, bemüht, etwas allzu schlapp und witzlos. Umso wirkungsvoller dann jedoch die Wende – im wahrsten Sinne des Wortes. In einer hinreißenden 360-Grad-Bewegung geht das Rechtsrock-Konzert im Gasthaus Lehninger über in die "Italienische Nacht" der Sozialdemokraten, wo dieselbe Drei-Mann-Kombo nun Roland Kaisers ewiges "Santa Maria" anstimmt und die Dorf-Linke Schiebewalzer tanzt, grauselige Tischreden hält und sich schließlich ideologisch wie privat zerfleischt. Sehr komisch ist das und zugleich auf eine haarsträubende Weise wahr. Dieses Fest ist ein Abgrund, in den der Zuschauer hineinstürzt, ob er will oder nicht.

Horvaths Text mit der Gegenwart verknüpft

So oft wird die berechtigte politische Wut im Theater zur selbstgefälligen Herablassung, zur szenisch-performativen Pädagogik. Hier aber wird erzählt, in Bildern, Szenen, Dialogen, von Menschen und politischen Konstellationen, komplex, differenziert und ungemütlich, mit Humor und echtem Entsetzen vor der brüllenden Nazi-Horde, die das Gasthaus einkesselt, es zu einem klaustrophobischen Ort macht, der zum geradezu perfekten Sinnbild unserer Gegenwart wird.

Hier wird alles in atmosphärisch grandiosester Weise verknüpft und verdichtet: Horvaths Text und unsere Zeit, schmerzlich authentische Provinz-Bilder und beißender Spott, menschliche Anteilnahme und die schonungslose Analyse der politischen Hilflosigkeit. Was das Theater so oft verspricht, Thomas Ostermeier löst es an diesem Abend ein.

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