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Tonart | Beitrag vom 16.10.2019

Hongkonger ProtestliederDer Soundtrack der Revolte

Fabian Peltsch im Gespräch mit Oliver Schwesig

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Demonstranten singen in einem Einkaufszentrum und halten sich an den Händen. (picture alliance/Yomiuri Shimbun)
In einem Einkaufszentrum singen die Demonstranten gemeinsam die Hymne "Glory To Hongkong". (picture alliance/Yomiuri Shimbun)

Seit fünf Monaten wird in Hongkong demonstriert – und auch gemeinsam gesungen. Manche Protestlieder sind Popstücke, andere Rapsongs. Das Lied „Glory To Hong Kong“ wird von manchen bereits als neue Nationalhymne gefeiert.

Auch wenn die Gewalt und Gegengewalt immer heftiger wird, gehen die Menschen in Hongkong nach wie vor auf die Straße. Laut Journalist Fabian Peltsch spielt Musik dabei eine wichtige Rolle – weil sie ein Gemeinschaftsgefühl tranportiere, das die Stadt so zuvor nicht gekannt habe.

"In dieser Stadt herrscht zum ersten Mal so etwas wie Solidarität. Die Menschen organisieren Nachbarschaftshilfe, versorgen sich mit Essen, sie waschen sich gegenseitig das Tränengas aus den Augen. Und ganz wichtig: Sie singen gemeinsam." Es sei so, als lieferten die Demonstranten den Soundtrack zur Revolte gleich mit.

Die Geburt einer Nation?

Eines der gesungenen Musikstücke kam bereits bei anderen Protesten zum Einsatz, etwa in der Türkei: "Do You Hear the People Sing" aus dem Musical Les Miserables, zu deutsch "Das Lied des Volkes", das vom Juniaufstand 1832 in Paris handelt.

"Das wichtigste Stück ist derzeit aber sicher 'Glory To Hongkong', eine klassisch anmutende Hymne in vier Sätzen. Komponiert wurde sie erst vor knapp drei Monaten von einem anonymen Musiker, der gerüchteweise aus der Hongkonger Indierock-Szene stammt und gerade mal Anfang 20 ist", so Peltsch. In einem Internetforum hätten die Demonstranten den Text dann gemeinsam finalisiert.

"Glory To Hongkong" habe sich innerhalb von zwei Monaten zur wichtigsten Protesthymne entwickelt. Im September sangen es um die 1000 Demonstranten gemeinsam auf sechs Etagen eines Einkaufzentrums. Peltsch: "Ein Teilnehmer sagte, es fühlte sich an, als wäre man bei der Geburt einer Nation dabei." 

Rappen über Polizeigewalt

Neben der Hymne und ein paar älteren Stücken, die bei der sogenannten Regenschirmrevolution 2014 gesungen wurden, gebe es auch ein paar neue Stücke, gerade aus der Hiphop-Szene. Die Rap-Veteranen LMF und der junge Trap-Rapper JB beschäftigten sich in neuen Songs intensiv mit der Polizeigewalt. "JB rappt Zeilen wie 'Ich bin lieber ein Aufständischer, wie ihr mich nennt, als ein Soldat ohne Seele'", so Peltsch. 

Die Musik spiegele wieder, wie sehr die Hongkonger Demonstranten zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammenrückten, sagt Fabian Peltsch. "Bei den letzten Protesten 2014 wurden eher positive Lieder gesungen. Jetzt klingt die Musik ernster, feierlich, kämpferisch und manchmal wie auch im Fall von 'Glory To Hongkong' fast nach einem Trauermarsch. Man merkt, dass viele Hongkonger das Gefühl haben, dass dies ihre letzte Chance ist, sich aus dem Griff Pekings zu befreien."

(rod)

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