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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 07.01.2015

Homo-Subkultur in JordanienOne night in Amman

Von Stephanie Rohde

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Es ist die Regenbogenfahne zu sehen, die ein Symbol der Schwulen- und Lesbenbewegung ist. (dpa/pciture alliance/Wolfgang Kumm)
Viele Homosexuelle zieht es nach Jordanien. (dpa/pciture alliance/Wolfgang Kumm)

In den meisten Ländern des Nahen Ostens ist ihre Liebe verboten. Anders in Jordanien: Deshalb fliehen viele Homosexuelle in das politisch stabile Land. Aber die Diskriminierung nimmt zu. Immer mehr Treffpunkte der LGBT-Community schließen.

Die Stimmung ist großartig im Books@Cafe an der Rainbowstreet, obwohl keiner der rund 100 Männer und 10 Frauen tanzt. Sie stehen auf der Holzterrasse verteilt, die sich über zwei Etagen erstreckt. Am oberen Ende ist eine lange Bar mit Ibiza-Charme von der aus die Besucher einen freien Blick über einen der sieben Hügel Ammans haben.

Die Holzterrasse im Hinterhof des Cafés wird umrahmt von einem Zaun, einigen Hauswänden und viel Efeu. Aber ins Efeu ist ein auffällig rundes Loch geschnitten, durch das die Nachbarn auf die Terrasse gucken können.

Das scheint eine Mahnung zu sein: Ihr seid nicht unter euch. Wer das Treiben beobachtet, sieht viele Umarmungen, langen Blicke und kurze Küsschen. Kurze Blicke und lange Küsse gibt es wenn nur auf der Toilette.

Der Geruch von Apfeltabak mischt sich in die warme wüstentrockene Nachtluft, Hassan Kilani wedelt aufgeregt mit dem Schlauch seiner Schischa herum, während er einem Bekannten von der Party im Kitkat Club erzählt, auf der er war.

Hassan Transe: ""Ich war wirklich überrascht, da war ein Typ, der super weiblich angezogen war, aber er hatte einen Bart."

Freund: "Wie Conchita Wurst!?"

Hassan: "Ja, genau. Und dann hat mir einer dort in der Bar erzählt, dass er von den Muslimbrüdern ist - ich schwöre bei Gott! - und seinen Bart nicht rasieren darf. Da dachte ich mir auch: ok, die scheinen hier drin richtig Spaß zu haben!"

Der Kitkat Club ist einer der wenigen inoffiziellen Schwulentreffs im Zentrum von Amman. Ende der Nullerjahre gab es noch vier solcher größeren Clubs und viele kleinere Orte, erzählt Hassan, der die "LGBT Jordanien Gruppe" mitgegründet hat.

Doch in Folge des Arabischen Frühlings mussten die meisten Treffpunkte schließen, weil die Islamische Aktionsfront, der jordanische Zweig der Muslimbrüder die Homo-Community massiv eingeschüchtert hat. So richtig entspannt feiern können sie nicht mehr. Und auch die geheimen Saunen sind keine coole Option mehr, findet Hassans Bekannter, der neben ihm sitzt:

"Es sind meistens alte Männer, die verheiratet sind"

"Es sind meistens alte Männer, die verheiratet sind, und ein bisschen Spaß haben wollen. Sie tun so als wären sie superhetero, aber sobald du in die Sauna gehst, folgen sie dir, fassen sich und dich an und wollen, dass du reagierst ..."

Immer wieder begrüßt Hassan Freunde, die zu ihm an den Tisch kommen. Von der schicken Startup-Gründerin aus Katar, über den Jetset-Hipster mit hochgegelten Haaren aus Saudi-Arabien bis zum schwarzgekleideten Goth aus der Vorstadt von Amman sind alle hier. Hassan umarmt den sportlich angezogenen Musa Schadidi.

Vor drei Jahren ist er nach Amman geflohen, nachdem in Bagdad mehr als 100 Schwule ermordet wurden. Seitdem lebt der Videokünstler offen schwul und geht gerne auch mal auf ein anonymes Date.

"Smartphone-Apps wie Grinder oder Hornet sind das Beste. Wenn er nicht alleine lebt, dann müssen wir in ein Hotel gehen, und die Hotels interessiert das nicht, sie wollen Geld. Wenn man ihnen Geld gibt, reicht das vollkommen."

Außerdem kann man auch noch Cruisen gehen, erzählt der 22-jährige Iraker, beim großen Krankenhaus. Man läuft die Straße auf und ab, und steigt irgendwann in ein Auto, das vorher mehrmals langsam an einem vorbei gefahren ist. Aber am angenehmsten ist es immer hier, im Books@Cafe, findet er.

Jeden Donnerstag treffen sie sich zu einer inoffiziellen Homoparty. Und weil der harte Kern immer derselbe ist, fühlt sich alles sehr vertraut an, fast wie bei einem Familientreffen, nur mit dem kleinen Unterschied, dass niemand will, dass es jemals endet - und alle mit allen flirten dürfen.

Zack, die Musik ist aus und wir sitzen im Dunkeln. Der Strom ist ausgefallen. Plötzlich passiert etwas Erstaunliches für diesen Ort: Ein Mann spricht eine Frau an. Der gazellenartige Mann mit grünen Kontaktlinsen will sie jedoch nicht selbst kennen lernen, seine Freundin hat schon den ganzen Abend ein Auge auf die Frau geworfen - also lädt er sie ein, an den Tisch zu kommen. Die junge Frau lächelt und setzt sich zu der Gruppe, die zielstrebig eine gekühlte Vodkaflasche leert.

Mit in der Runde sitzt eine Frau mit langen wasserstoffblonden Haaren, dunkelblauen Augen, knallrot geschminkten Lippen, in Jeans-Hotpants und einem fast durchsichtigen schwarzen Negligé. Kurz: Sie sieht wahrscheinlich nicht so aus, wie der Prophet Mohammed sich das gewünscht hätte.

Bis eben hatte sie noch lässig ihren Arm um ihre Freundin gelegt. Aber die musste nach Hause. Sie sind erst seit einigen Monaten zusammen und beide nicht bei ihren Eltern geoutet, erzählt sie. Auch an der Uni will die Studentin ihre neue Liebe vorerst verstecken.

Nur fünf Prozent der Menschen sind geoutet bei ihren Familien

"Ich war ziemlich panisch, als einige mich bisexuell oder lesbisch genannt haben. Denn an meiner Uni habe ich nur gute Noten, und ich will nicht nur auf Grund meiner Sexualität von anderen beurteilt werden. Aber wenn sie die Richtige für mich ist, dann würde ich mich für sie outen."

Nur fünf Prozent der Menschen hier sind geoutet bei ihren Familien, schätzt Hassan von der LGBT Gruppe. Die Traditionen in diesem islamisch geprägten Land erschweren es einem, sich zu outen, meint er.

Rund 20 Prozent hätten immerhin schon mit ihren Heterofreunden darüber gesprochen. Aber die meisten lebten ihre Sexualität nur an Orten wie dem Books@Cafe offen aus.

Der stadtweit bekannte Gründer dieses Cafés, Madian Aljazeerah, läuft gerade geschäftig herum, nachdem er den Strom wieder ans Laufen bekommen hat. In einer ruhigen Minute erzählt er, dass in seinem Café zwei Welten aufeinander prallen. Für Homosexuelle aus Westamman sei es ganz wichtig, sich mit dem Label schwul oder lesbisch zu bezeichnen.

"Wenn du hingegen nach Ost-Amman gehst, findest du keine Label. Ich habe viele Männer und Frauen getroffen, die sich mit einer gleichgeschlechtlichen Person angefreundet haben und intim wurden, aber sie bezeichnen sich als nichts.

Auch wenn sie in einer Beziehung sind, die wir homosexuell nenn würden, sagt ein Mann zum Beispiel: Nein, ich bin nicht homosexuell - ich liebe ihn! Daran sieht man, dass diese Label sich in Westamman eingebrannt haben und Menschen in Kategorie gepresst werden, aber in Ost-Amman nicht. Es ist fließender dort - und so viel einfacher."

Geoutet zu leben ist jedoch für Homosexuelle in Ost- und West-Amman gleich schwer, was sowohl am muslimischen Glauben liegt, als auch an der Auslegung der Gesetze, erzählt der muskulöse Glatzkopf mit dem wachen Blick.

"Es gibt Gesetze dagegen, dass man in der Öffentlichkeit Zuneigung zeigt, das gilt aber auch für Heterosexuelle. Und es gibt das Anstandsgesetz, nach dem jeder bestraft werden kann, der an der Moral oder den Werten dieses islamischen Landes 'kratzt' in Anführungszeichen. Das ist sehr dehnbar.

Und manchmal kann dieses Gesetz gegen Homosexuelle benutzt werden. Und dann können sie beispielsweise eine Party untersagen, weil die Nachbarn angerufen haben und sich über die Satansanbeter beschwert haben. Das bekommen wir sehr oft zu hören."

"Manchmal wirst du hier selbstmordgefährdet"

Deshalb muss man auch bei privaten Partys vorsichtig sein, rät Café-Besitzer Madian. Die meisten hier haben sich aber daran gewöhnt, ein schizophrenes Leben zu führen.

Und das Leben außerhalb dieser angenehmen Blase hier kann die Hölle sein, erzählt der politische Aktivist Hassan. Weil viele von ihren Familien, Kollegen und Nachbarn nicht akzeptiert werden, rutschen einige ab, nehmen Drogen und müssen sich prostituieren.

Genau das will Hassan mit seiner LGBT Gruppe verhindern. Jordanien soll liberaler werden, fordert er, damit Menschen nicht mehr in die USA oder nach Europa fliehen müssen. Doch bis es soweit ist, werden viele diese Blase hier verlassen haben, so wie die junge blonde Frau.

"Manchmal wirst du hier selbstmordgefährdet, weil du einfach nicht reinpasst. Du willst Dinge tun, die du nicht tun darfst. Und wenn du es trotzdem machst, bist du ein schlechter Mensch.

Und du weißt in deinem Herzen, dass du das nicht bist. Und das nervt total, du willst auf eine Insel flüchten und ein neues Leben starten, wo sich niemand um dich kümmert."

Es ist zwei Uhr Nachts. Die Clubs, in man jetzt gerne gehen würde, gibt es nicht mehr. Im Nachbarhaus steht ein Mann am beleuchteten Fenster und schaut durch das Loch im Efeu auf die Terrasse herab, die sich langsam leert. Zeit, die vermeintlich geschützte Blase wieder zu verlassen.

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