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Fazit / Archiv | Beitrag vom 05.05.2011

Hommage an einen Stummfilm

Romero Nunes inszeniert "Rocco und seine Brüder" am Berliner Maxim-Gorki-Theater

Von Eberhard Spreng

Die Verfilmung von "Rocco und seine Brüder" ist nun in Berlin zu sehen. (Stock.XCHNG)
Die Verfilmung von "Rocco und seine Brüder" ist nun in Berlin zu sehen. (Stock.XCHNG)

Romero Nunes gilt als wichtigster deutscher Nachwuchsregisseur. Nun hat er den Film "Rocco und seine Brüder" auf die Bühne des Berliner Maxim-Gorki-Theaters gebracht.

Alles Projektion. Wenn Rosaria mit vier ihrer Söhne im kalten Mailand ankommt, müssen die Figuren erst mal fürs Spektakel hergerichtet werden. Graue Koffer werden abgestellt, Schirmmützen werden aufgesetzt und die Mamma - gespielt von Robert Kuchenbuch - wird ein langes Hüfttuch und ein Kopftuch umgeschlungen.

Und oben über der stummen, grell gestikulierenden Rumpffamilie - der Vater ist gerade gestorben - leuchten Übertitelungen auf. 30 Minuten dauert Antú Romero Nunes Hommage an den Stummfilm und das ganz große, platte Gefühl. Eines der ersten Worte, wenn die Prostituierte Nadia (Anne Müller) ins Spiel kommt, begleitet der Fingerzeig auf die Übertitelung. Nix Gefühl, alles Projektion.

Besser kann sich Nunes nicht vom Neorealismo und der Melodramatik der übermächtigen Bildervorlage lösen. Und er beweist innerhalb seiner mit unter zwei Stunden kurzen Aufführung, dass er zurecht als großes Regietalent gehandelt wird. Er skizziert auf weitgehend kahler Bühne mit einfachen starken Bildern schnell Situationen, mit präzisem Gespür für Timing und leider unter dem unentwegte Gedudel seines Soundtrackers Johannes Hofmann. Er setzt geschickt Zeichen an Zeichen, Witz an Witz.

Aber viel bleibt in diesem abgeklärten Rocco-Kommentar auch auf der Strecke. Die fünf Söhne der Alleinherrscherin Rosaria sind hier nicht fünf soziale Fallbeispiele für unterschiedliche Überlebensstrategien im boomenden Mailand der Nachkriegszeit - von der puren Anpassung des Vincenzo, über die entgrenzte Genusssucht des Simone zum leidensbereiten Opfer für die Familie des Rocco.

Das ungleiche Bruderpaar Simone und Rocco (damals ein jungenhaft zarter, blutjunger Alain Delon) ist hier mit Michael Klammer und Robert Kuchenbuch besetzt, aber weder ist ersterer das verführerisch-destuktive Triebzentrum der Aufführung, noch Robert Kuchenbuch der bedingungslos sich hingebende Schmerzensmann. Weil das so ist, wird er kurz in Kreuzigungspose an eine Zugstange gehängt.

Also: Nunes findet für alles ein Bild, nichts bleibt unverstanden oder unkommentiert, auch nicht das unentwegte Spielen mit homoerotischer Doppeldeutigkeit, das sich leicht daraus ergibt, dass Andreas Leupold hier zwei weibliche und eine männliche Figuren des Films verkörpert. Ein merkwürdiger Abend: Was im ersten Moment überzeugt, erweist sich als schnell vergänglich.

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