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Fazit / Archiv | Beitrag vom 15.10.2014

HolocaustNicht vergessen reicht nicht

Gedenken an erste Deportation von Juden an "Gleis 17" in Berlin

Von Christiane Habermalz

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Weiße Rosen liegen neben einem Gleis: Bei der Gedenkfeier "Gleis 17" nahe dem heutigen S-Bahnhof Grunewald wurde an die erste Deportation jüdischer Berliner Bürger in ein NS-Vernichtungslager 1941 erinnert. (Lukas Schulze/dpa)
Bei der Gedenkfeier "Gleis 17" nahe dem heutigen S-Bahnhof Grunewald wurde an die erste Deportation jüdischer Berliner Bürger in ein NS-Vernichtungslager 1941 erinnert. (Lukas Schulze/dpa)

Am 18. Oktober 1941 fuhr in Berlin der erste Deportationszug Juden in die Vernichtungslager im Osten. An "Gleis 17" hat die Deutsche Bahn schon vor Jahren eine Gedenkstätte errichtet. Alle vier Jahre wird das Gedenken gefeiert.

Es ist ein ungewöhnlich schöner Herbsttag. Die Sonne scheint durch die  Blätter, auf Gleis 17 des S-Bahnhofs Grunewald sind Stühle und ein überdachtes Rednerpult aufgebaut.  Am 18.Oktober 1941 ist von hier aus der erste Deportationszug mit 1.300 Berliner Juden, eng zusammengepfercht in Viehwaggons, nach Osten in die Todeslager gerollt, es sollten noch viele weitere folgen. 

Die Deutsche Bahn hat hier schon vor Jahren eine Gedenkstätte errichtet, doch erst seit vier Jahren findet hier alljährlich auch eine Gedenkfeier statt – auf Initiative der Holocaust-Überlebenden Inge Deutschkron. 18 Angehörige hat sie verloren, alle wurden nach und nach abgeholt, zurückgekommen ist niemand. Ob sie damals ahnten, was mit ihnen geschehen würde?

"Nein, also wir wussten, es muss was Fürchterliches sein. Aber nee, an den Tod wollte keiner denken. Und wir haben oft darüber diskutiert, ach, ist doch ausgeschlossen, es kann doch nicht der Staat eine Mordmaschinerie aufbauen. Und dann hat man gesagt, gut, man wird Zwangsarbeit machen müssen, schrecklich arbeiten müssen, aber dann sagten andere: Aber was haben die Babys da auf dem Transport zu suchen? Oder die jungen Leute, oder die Frauen, nicht wahr. Also, so zankte man sich geradezu. Und wusste es nicht. Und ahnte es wohl."

Was, wenn die Lokführer damals gestreikt hätten?

Langsam füllt sich der kleine Platz an den Gleisanlagen. Viele Mitglieder der jüdischen Gemeinde sind gekommen, eine Schulklasse übt letzte Texte, es sind Schülerinnen und Schüler des Berta-von Suttner-Gymnasium, sie haben im Geschichtsunterricht etwas vorbereitet. Inge Deutschkron setzt sich in die erste Reihe, neben Kulturstaatsministerin Monika  Grütters, Staatsekretäre, Bundestagsabgeordnete, Überlebende.

Andreas Nachama, Vorsitzender der Ständigen Konferenz der Leiter der NS-Gedenkorte in Berlin, spricht das erste Grußwort. Heute Morgen, sagt er, hätten sicher alle die Nachrichten gehört über den Streik der Lokführer, der den Verkehr in Deutschland lahmlege.

"Wenn man dann hier an diesem Gleis zusammenkommt, die von hier mit der Bahn, von Lokführern, deportiert wurden, dann kommt man auf den verwegenen Gedanken, was wäre eigentlich gewesen, wenn einige zumindest damals gestreikt hätten? Oder ein solcher Streik den Zugverkehr lahmgelegt hätte."

Erinnern statt nicht vergessen

Die Schüler haben Biographien der Deportierten recherchiert und stellen ihre Schicksale vor – zum Beispiel die Schicksale von zehn Krankenschwestern aus dem jüdischen Krankenhaus im Wedding, das liegt ganz in der Nähe ihrer Schule. Alle wurden ermordet.

"Das Geschehene nicht zu vergessen, reicht nicht allein. Es soll uns daran erinnern, wozu Menschen fähig sind. Im Schlechten wie im Guten. Und dass wir immer die Möglichkeit haben, zu entscheiden, auf welcher Seite wir stehen."

Dann spricht Monika Grütters, auch der Rabbiner Daniel Alter. Die eigentliche Gedenkrede hält Margot Friedländer. 93 Jahre ist sie alt. Auch sie hat erleben müssen, wie ihre Familie von hier aus in den Osten deportiert  wurde.  Sie selber versteckte sich in Berlin, bis sie verraten und nach Theresienstadt verschleppt wurde. Dort erlebte sie im Januar 1945 die Ankunft der Überlebenden des Todesmarsches aus Auschwitz.

"Als die Waggontüren aufgeschoben wurden und menschliche Gestalten, die kaum mehr lebten, uns entgegen fielen, hörten wir, woher sie kamen. Damit bekam der Osten zum ersten Mal einen konkreten Namen: Ausschwitz. Das war der Moment, in dem ich wusste, dass ich meine Mutter und meinen Bruder nicht wiedersehen werde."

Am Ende werden weiße Rosen auf die Gleise gelegt. Für jeden Zug eine. Es sind sehr viele, weiße Punkte entlang des Bahnsteigs.  

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