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Fazit | Beitrag vom 03.11.2019

Holocaust-Konferenz in MünchenGefahr nationalistischer Geschichtsnarrative

Frank Bajohr im Gespräch mit Marietta Schwarz

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Jüdischer Friedhof Czernowitz mit dem Massengrab für 900 Holocaust-Opfer (Deutschlandradio / Sabine Adler)
Europäische Erinnerung: Jüdischer Friedhof im ukrainischen Czernowitz mit einem Massengrab für 900 Holocaust-Opfer. (Deutschlandradio / Sabine Adler)

Nach 30 Jahren tagt der interdisziplinäre Fachkongress "Lessons & Legacies of the Holocaust" erstmals außerhalb von Nordamerika, nämlich in München. Mit dem Ortswechsel gehe auch ein Perspektivwechsel einher, sagt Gastgeber Frank Bajohr.

Seit 30 Jahren treffen sich Holocaustforscherinnen und -forscher aus aller Welt zum interdisziplinären Fachkongress "Lessons & Legacies of the Holocaust", um neue Forschungsergebnisse zu diskutieren. In diesem Jahr tagt die Konferenz erstmals außerhalb Nordamerikas. Unter dem Titel "The Holocaust and Europe: Research Trends, Pedagogical Approaches and Political Challenges" kommen in München 200 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zusammen.

Die Amerikanisierung der Holocaust-Forschung

Unter den Institutionen, die die Tagung organisiert haben, ist auch das IfZ, das Institut für Zeitgeschichte München-Berlin. Frank Bajohr ist Leiter des Zentrums für Holocaust-Studien am IfZ und Gastgeber der Konferenz. Er sagt, dass mit der Verlegung der Konferenz nach Europa auch eine Veränderung des Blickwinkels einhergehe. "Der Holocaust ist mit der europäischen Geschichte in vielerlei Hinsicht viel enger verbunden als mit der nordamerikanischen", sagt der Historiker. "Hier lag das Zentrum des europäischen Antisemitismus in der Entwicklung des modernen Antisemitismus, hier haben wir viele autoritäre Regime und Diktaturen in den 30er-Jahren gesehen, die schon vor dem Holocaust antijüdische Gesetze und Verordnungen erlassen haben."

In Europa sei der Aufstieg der modernen Weltanschauungsdiktaturen erfolgt. "Hier gibt es viele authentische Orte der NS-Herrschaft und des Holocaust, an denen heute viele Gedenkstätten und Dokumentationsorte eingerichtet sind, so dass Fragen der pädagogischen Vermittlung auf unserem Kongress einen stärkeren Raum einnehmen, als das bei den amerikanischen Konferenzen der Fall ist." 

Da die Holocaust-Erinnerung bisher sehr stark von den USA ausgegangen sei, habe man lange Zeit von der "Amerikanisierung des Holocaust" gesprochen. Viele europäische Forschungseinrichtungen, aber auch Gedenkstätten seien auf den amerikanischen Konferenzen nicht immer angemessen präsent gewesen. "Viele junge, vor allem osteuropäische Forscher, konnten sich auch eine Reise in die USA aus finanziellen Gründen gar nicht leisten. Deswegen wollen wir hier eine Brücke sein und die Forschungsdiskussion hier befördern im Dreieck zwischen Nordamerika, Europa und Israel."

Tendenz zur Universalisierung

"Das Wesen des amerikanischen Umgangs mit dem Holocaust besteht vor allem darin, dass der Holocaust ein historisches Gesamtereignis ist, das sich in der Gegenwart in besonderer Weise verbindet mit dem Kampf gegen Rassismus, mit dem Kampf gegen völkermörderische Tendenzen der Gegenwart, mit dem Kampf gegen Antisemitismus." Er sei eine Art universales Lehrstück, häufig in amerikanischer Diktion, aus dem sich unmittelbare Folgen auch für die Gegenwart ergäben. "Er wird weniger in den jeweiligen historischen, auch europäischen Bezügen wahrgenommen", so Bajohr.

Auch in der Holocaust-Forschung stehe man vor den Herausforderungen des Nationalismus und Populismus, betonte der Historiker. Dabei gehe es vor allem um nationalistische Geschichtsnarrative, bei denen in einigen Ländern vor allem die eigene Bevölkerung zu Helden und Märtyrern verklärt werden sollen. Dagegen seien Erkenntnisse aus der Sozialgeschichte des Holocaust eher unbequem.   

Es gebe eine Tendenz zur Universalisierung, bei der die eigentlichen historischen Ereignisse gar nicht mehr genannt würden, sagt Bajohr. Als Beispiel nannte er eine Erklärung des Weißen Hauses von 2017 zum Holocaust-Gedenktag, in der die Worte Deutsche, Juden oder der Zweiter Weltkrieg nicht einmal mehr auftauchten. "Da war diffus von einem Kampf des Guten gegen das Böse die Rede und hier verschwimmt der historische Hintergrund." Dadurch werde diese Universalisierung des Holocaust eher zur verbalen Pflichtübung.

(ckr)

Die Konferenz "The Holocaust and Europe: Research Trends, Pedagogical Approaches and Political Challenges" tagt bis zum 7. November 2019 in München.

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