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Interview | Beitrag vom 27.01.2020

Holocaust-GedenktagDas Wort haben bald die Kinder und Enkel

Jo Frank im Gespräch mit Stephan Karkowsky

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Besucher der Ausstellung über die Geschichte des Holocaust in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. (imago / UPI Photo / Debbie Hill)
Die Ritualisierung der Erinnerungskultur durchbrechen: Dafür plädiert der Autor und Verleger Jo Frank. (imago / UPI Photo / Debbie Hill)

Wie kann man der Opfer der NS-Verbrechen gedenken, wenn immer weniger Zeitzeugen davon berichten können? "Sie werden uns auf jeden Fall fehlen", sagt Jo Frank vom ELES Studienwerk. Doch das Ende der Zeugenschaft sei nicht das Ende des Bezeugens.

Wie kann die Erinnerung an den Holocaust wachgehalten werden, wenn der zeitliche Abstand immer größer wird und bald auch die letzten Überlebenden und Zeitzeugen gestorben sein werden?

Und wie sehr wird das in der Erinnerungskultur Erreichte gefährdet durch die Minderheit derer, die meinen, es sei genug gedacht worden, und die - wie AfD-Rechtsaußen Björn Höcke - eine "erinnerungspolitische Wende" fordern?

Holocaust-Befürworter statt Holocaust-Leugner

Jo Frank, Geschäftsführer des ELES Studienwerks, der Begabtenförderung der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland, plädiert dafür, beide Fragen getrennt zu betrachten: Wenn es jetzt nicht mehr nur Holocaust-Leugner, sondern sogar "Holocaust-Befürworter" gebe, wie aus Gedenkstätten berichtet werde, müsse das ein Alarmzeichen für die gesamte Gesellschaft sein. Welche Prozesse so etwas möglich machten, sei aber eine gesellschaftliche Frage der Gegenwart: "Ich sehe da erst einmal die direkte Verbindung zum Erinnern, zur Erinnerungskultur nicht unbedingt."

Dass mit dem Aussterben der Zeitzeugen die Erinnerungskultur an den Holocaust ins Wanken gerät, glaubt Frank nicht. Das Ende der Zeugenschaft sei ja nicht das Ende des Bezeugens, die Kinder und Enkel der Überlebenden entwickelten eigene Erzählformen. Dennoch: "Sie [die Zeitzeugen] werden uns natürlich auf jeden Fall fehlen, und das Ausbleiben der Stimmen, die aus ihrem Überleben erzählen können, stellt uns alle als Gesellschaft vor Herausforderungen", sagt er.

Das Ritual statisch, die Erinnerung dynamisch

Frank verweist in diesem Zusammenhang auf den Lyriker und Essayisten Max Czollek, der - Stichwort "Gedächtnistheater" - immer wieder die Formen ritualisierten Gedenkens angreife.  

"Wenn das Ritual sozusagen statisch bleibt, aber die Erinnerung dynamisch ist, dann stimmt hier irgendetwas nicht", betont Frank. "Ich würde sagen, dass die Folge dieser Diskrepanz auch sein kann, dass Menschen sagen, dass sie des Erinnerns zu viel haben."

Das sei aber nicht nur eine Frage der Erinnerungskultur, sondern auch, wie die heutige Gesellschaft aussehen solle, so der Autor und Verleger: "Soll es tatsächlich so sein, dass Deutschland eine Gesellschaft hat, die dieses Kapitel der Geschichte nicht nur ausblendet, sondern sogar verunglimpfen kann, wie das ja in rechten Lagern passiert und wie das immer weiter in die Mitte der Gesellschaft hineinrückt? Das sind hochaktuelle Fragen."

Wie nach dem Ende der Zeitzeugentums neue Formen der Erinnerung gefunden werden können, ist auch Thema der Tagung "75 Jahre Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz: 'Die Auseinandersetzung mit der Geschichte ist nie abgeschlossen'", die am 28. Januar 2020 im Funkhaus von Deutschlandfunk Kultur stattfindet. In einem der Workshops wird es auch um die Frage gehen, inwieweit sich nach dem Ende des Zeitzeugentums - über die Kunst - neue Formen der Erinnerungskultur erschließen lassen.

(uko)

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