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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 07.11.2014

HolocaustEin Ort des Gedenkens und der Meditation

Das Denkmal für den Letten Zanis Lipke ist beeindruckend schlicht

Von Robert B. Fishman

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Panorama der Kulturhauptstadt 2014 Riga (picture alliance / dpa / Valda Kalnina)
In Riga gibt es eine neue Gedenkstätte, die an den Zweiten Weltkrieg erinnert. (picture alliance / dpa / Valda Kalnina)

Der Lette Zanis Lipke riskierte sein Leben für die Juden im Ghetto von Riga. Er versteckte einige von ihnen in einem Erdloch in seinem Garten, das Versteck wurde nie gefunden. Jetzt gibt es eine Gedenkstätte am Ort seines alten Wohnhauses.

"Wir gehen durch dunkle Gänge in die Schwarze Scheune, nur wenig Tageslicht, hier geht es die Treppe hinauf, mit einem speziell gemachten Soundtrack... für die Sinne, das ist der Klang von Licht und von Dunkel, der Geruch von Holz, und durch das Dach der alten Scheune fühlt man das Tageslicht. Im Zentrum des Museums ist der Schacht,... Das ist Johanna Lipke. Bevor sie starb, war es noch möglich, einen Film mit ihr zu machen... Sie erzählt über die damalige Zeit, wie sie die Menschen gerettet haben. Im Ghetto sahen sie Kinder weinen. 'Brot, wir wollen Brot'. Und am Ende sagt sie: Wenn wir sie retten, werden sie leben und wir werden auch leben. Das ist die Motivation, warum man Leute rettet und dafür das eigene Leben riskiert."

Die Rigaer Architektin Zaiga Gaile führt durch die Gedenkstätte für Zanis und Johanna Lipke. Eine Bürgerinitiative hatte umgerechnet fast 500.000 Euro Spenden für den schlichten Holzbau gesammelt. Zaiga Gaile lieferte die Pläne.

Schimon Peres eröffnete das Museum

"Zanis lebte in Kipsala mit seiner Familie, seine Frau Johanna und drei Kinder in einem kleinen Haus. Während des Zweiten Weltkrieges retteten sie ungefähr 54 Juden aus dem Rigaer Ghetto. Janis arbeitete als Fahrer und brachte Leute in das Ghetto und auch wieder heraus und er versteckte sie hier, im Haus seiner Familie. Es gab eine Grube, unter seiner Scheune, 3x3x3 Meter. Zeitweise lebten zehn Leute in dieser kleinen Box. Darüber hat er Holz gelegt. Wenn die Deutschen kamen, bellte Lipkes Hund... Das Versteck wurde nie gefunden. Als wir nach Kipsala kamen, erkannten wir, dass unser Nachbar ein so besonderer Mensch war, ein Retter der Juden. Er selbst war kein Jude. Ein Lette. Wir gründeten eine Bürgerinitiative, Zanis–Lipke-Memorial, und begannen, eine Gedenkstätte zu bauen, um an den Ort zu erinnern, einen authentischen Ort. Im Sommer kam der israelische Präsident Schimon Peres, um das Museum zu eröffnen."

Die Gedenkstätte liegt am Ende einer winzigen Sackgasse: Einfache Holzhäuser in großen Gärten an schmalen Kopfsteinpflasterwegen unter mächtigen alten Bäumen. Jenseits des breiten, graublauen Flusses ragen die Kirchtürme der berühmten Altstadt von Riga in den weiten lettischen Himmel. Viel hat sich im ehemaligen Fischer- und Kleinbauerndorf Kipsala nicht verändert.

Er grub ein drei mal drei Meter großes Loch

Lipke, Jahrgang 1900, wuchs auf dem Lande in sogenannten einfachen Verhältnissen auf, musste die Schule nach nur drei Jahren verlassen. Sein Vater fiel im ersten Weltkrieg, sein Mutter starb 1920. Zanis Lipke zog mit seiner Frau Johanna nach Kipsala am Stadtrand von Riga. Bis 1940 arbeitete er im Hafen. Um nicht für die Besatzer in den Krieg zu ziehen, meldete er sich freiwillig zur Feuerwehr und zum Luftschutz. Zunächst bekam er einen Job in einem Warenlager. Dort überredete er die Deutschen, ihm Hilfsarbeiter aus dem jüdischen Ghetto zu schicken. Lipke wusste, dass die Deutschen das Ghetto liquidieren, sprich seine Bewohner ermorden, wollten. Schon im Herbst 1941 erschossen sie 25.000 von ihnen in Rumbala bei Riga.

Zanis Lipke grub unter der Hundehütte in seinem Garten ein drei mal drei mal drei Meter großes Loch. Als Fahrer der Luftwaffe holte er die Zwangsarbeiter morgens aus dem Ghetto und fuhr sie abends wieder zurück. Auf jeder der Touren brachte er ein paar von ihnen zu sich nachhause und versteckte sie in dem Erdloch. Zusammen mit seiner Frau Johanna besorgte er den Versteckten Kleidung, Essen, warme Decken und sogar Waffen, mit denen sie sich wehren konnten, falls sie entdeckt würden. Tagsüber arbeiteten die Flüchtlinge als Landfrauen verkeidet in seinem Garten.

Um bei der Rückkehr ins Ghetto nicht aufzufallen, musste er Ersatz für die Versteckten mitbringen. Er fand insgesamt 25 Freiwillige, die als Ghettobewohner verkleidet mit ihm zurück fuhren, sich dort heimlich umzogen und dann das Ghetto als "nichtjüdische" Letten verlassen konnten. Alle riskierten sie für die Rettung ihnen fremder Menschen ihr Leben.

"Er war nicht reich. Einige Leute sagen, er habe es für Geld getan. Ich denke schon, dass er Geld von den Leuten genommen hat, die er versteckt hat, er musste sie ernähren und er hatte einen Garten, ... Nach dem Krieg lebte er hier in diesem Haus, die Sowjets beobachteten ihn. Dann besuchte er Israel, erhielt eine Medaille, pflanzte einen Baum in Yad Vashem. Er starb als alter Mann, seine Frau überlebte ihn und sein Enkelsohn starb vor drei Wochen, hier in Kipsala. Nur die Frau seines Sohnes lebt noch. Ich möchte Ihnen eine interessante Sache zeigen. Hier können Sie den ursprünglichen Schuppen sehen, und die Holzbohlen und unter dem Holz ist der Eingang zu dem Schacht. Und diese Zeichnung, sie wurde von seinem Sohn gemacht, Siegfried, er war ungefähr sieben Jahre, und hier in diesem Album ist eine Zeichnung des Schachts. Sie zeigt, dass auch sein Sohn in diesem Untergrundbunker war."

"Denke über dich nach, über dein Leben"

Auf dem Grund der Gedenkstätte läuft in einem drei Meter tiefen Schacht auf einem gekippten Bildschirm ein schwarz-weiß Film. Johanna Lipke erzählt ihre Geschichte. Sie spricht ruhig, eher langsam. Ihr faltiges Gesicht mit den großen leuchtenden Augen füllt den ganzen Bildschirm. In der Ferne hört man aus kleinen Lautsprechern Geräusche der Natur: Wind, leises Vogelzwitschern.

"Für mich ist das kein einfacher Ort. Wenn ich herkomme, frage ich mich: Jetzt leben wir in Frieden, auch wenn wir Probleme haben, auch wenn wir vielleicht nicht glücklich sind. Aber man kann das nicht mit den Bedingungen zu Kriegszeiten vergleichen. Und dann frage ich mich: Was hätte ich damals getan? In den ersten Tagen gab es schon die sogenannten 'Schutzmänner' die damit anfingen, Juden zu töten. Das waren Letten, es waren nicht nur Deutsche. Aber es gab auch Leute, die ihnen das Leben gerettet haben. Heute haben wir Syrien, Afghanistan, Erdbeben, Schneestürme und das Leben kann sich für die Menschen in Sekundenschnelle ändern. Wenn sie ihr normales Leben haben, okay, sind sie alle nett, aber extreme Situationen ändern alles. Absolut. Und hier ist ein Ort der Meditation, denke über dich nach, über dein Leben. Dein einziges Leben. Wie du lebst und was du mit deinem Leben anfängst. Für uns war das ein sehr wichtiges Projekt."

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Das Erbe bewahren
(Deutschlandradio Kultur, Aus der jüdischen Welt, 02.08.2013)

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