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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 02.05.2011

Hoffen auf ein Übernachtwunder

Alexander Kluge, "Das Bohren harter Bretter. 133 politische Geschichten", Suhrkamp Verlag, 336 Seiten

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Deuter seiner Zeit: Alexander Kluge (AP)
Deuter seiner Zeit: Alexander Kluge (AP)

In den 133 Geschichten – sie sind, wie immer bei Alexander Kluge, eine Melange aus wahren und erfundenen Ereignissen – vermisst der 2003 mit dem Büchner-Preis ausgezeichnete Autor den Handlungsspielraum des Politischen.

Der 1932 in Halberstadt geborene Alexander Kluge verwendet für den Titel seines neuen Buches "Das Bohren harter Bretter" ein Zitat des Soziologen Max Weber (1864-1920). Weber vergleicht in seiner Rede "Politik als Beruf" den Beruf des Politikers mit dem "Bohren harter Bretter".

Folgt man der Beschreibung Webers, dann bestünde die Aufgabe des Politikers darin, jene weiche Stelle zu finden, an der eine Bohrung verspricht, erfolgreich zu sein. Wenn sie scheitert, wären weitere Versuche notwendig, und das Problem ist, es erweist sich erst im Verlaufe der Bohrung, ob der gewählte Ansatz richtig ist. Politik ist demnach ein Abwägen von Möglichkeiten und zugleich Handwerk. Wer als Politiker zu viele Versuche braucht, um die richtige Stelle zu finden, wo der Bohrer anzusetzen ist, muss damit rechnen, abgewählt zu werden.

In den 133 Geschichten – sie sind, wie immer bei Kluge, eine Melange aus wahren und erfundenen Ereignissen – vermisst der 2003 mit dem Büchner-Preis ausgezeichnete Autor den Handlungsspielraum des Politischen. Kluge nimmt mit den Kurzgeschichten Korrekturen an dem Bild vor, das in der Öffentlichkeit vom politischen Geschehen und den damit befassten Akteuren besteht. Dieses Zurechtrücken genügt, um auf die bestehende Schieflage aufmerksam zu machen. In der Politik müssen Entscheidungen getroffen werden. Kluge erzählt allerdings Geschichten, in denen Politiker, die vor der Alternative stehen, sich für eine von zwei Möglichkeiten zu entscheiden, abwarten, was sich ergibt, wenn sie nicht handeln. Sie hoffen auf eine Art "Übernachtwunder".

Davon erzählt Kluge in der Geschichte "Das Prinzip Überraschung", in der er sich daran erinnert, wie er als Kind ein Tretauto geschenkt bekam, das eines Abends kaputt ging. Seine Kinderfrau ermutigte ihn, das defekte Fahrzeug in den Schuppen zu stellen, um dem Auto Gelegenheit zu geben, sich im Schlaf zu erholen. Zu seiner Freude stand es am nächsten Morgen wieder fahrbereit zur Verfügung. Wahrscheinlich hat es der Mann der Hauswartfrau repariert. Das Ereignis hat Spuren bei Kluge hinterlassen: "Noch heute hoffe ich", so der Autor, "wenn ich die Lösung eines Problems vertage, auf ein solches Übernachtwunder."

In anderen Geschichten regt Kluge dazu an, das politische Vokabular zu überdenken. So erscheint ihm das in der Politik beschworene "Augenmaß" ein eher fragwürdiges Maß zu sein, weil das Auge durch Schrecken beeindruckt werden kann, es blind für Wesentliches ist und sich nicht erinnern kann.

Alexander Kluges sachlicher Erzählgestus macht sich gern in jene Gefilde auf, die durchsetzt sind vom Absurden. Das Unerwartete, kaum Glaubhafte, ist sein bevorzugtes Metier. Wie Johann Peter Hebel in seinen "Kalendergeschichten" (er)findet Kluge Ereignisse, die er nach einer ganz eigenen Rezeptur aufbereitet. Sie verleiht seinen Denkgerichten ihren unverwechselbaren Gehalt. Unaufgeregt und fast nebenbei versteht es dieser auf die Vernunft bauende Analytiker in seinem Buch, das von viel Zauber umgebene Geschäft der Politik zu entzaubern.

Besprochen von Michael Opitz

Alexander Kluge, Das Bohren harter Bretter. 133 politische Geschichten
Suhrkamp Verlag, Berlin 2011
336 Seiten, 24,90 Euro

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