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Echtzeit | Beitrag vom 09.11.2019

Hörspielserie zu Prag `89Brüder

Von Sebastian Hocke

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Ost-Deutsche Flüchtlinge steigen über einen Zaun auf das Gebiet der Prager Botschaft. (AFP/ Pascal George)
Auf der Flucht aus der DDR führte der Weg für viele 1989 in die Prager Botschaft. (AFP/ Pascal George)

Sommer 1989, irgendwo in Brandenburg. Sonny ist 14 Jahre alt, als sein großer Bruder eines Nachmittags vor ihm steht und sagt: Pack Deine Sachen!

Die wahren Hintergründe dieser überstürzten Flucht aus der DDR begreift Sonny erst wesentlich später. Sein Bruder, in der DDR Berufskraftfahrer, wird nie mit ihm darüber sprechen. Denn ausnahmsweise ist es nicht die Stasi, die hinter ihm her ist. In der Nacht, als schließlich die Züge mit den Botschaftsflüchtlingen von Prag aus in den Westen rollen, ist keiner von beiden an Bord.

30 Jahre nach dem Fluchtversuch, 2019, macht sich Sonny noch einmal auf den Weg, den er damals mit Timur, seinem Bruder, zurückgelegt hat. Wir fahren mit. Über Dresden, durch die ehemalige CSSR bis nach Prag. Immer die alte Strecke entlang. Unterwegs wird auch Sonny allmählich klarer, was damals eigentlich passiert ist. Und das Bild des großen Bruders, der ihm immer ein Vorbild war, bekommt zunehmend Risse.

Roadmovie und Kriminalgeschichte: "Brüder" ist beides. Gleichzeitig erzählt die Serie von Geschwistern, die sich unterwegs verlieren. Inspiriert ist der fiktive Plot von einer wahren Begebenheit. Und auch die eigene Fluchtgeschichte des Autors Sebastian Hocke spielte bei der Bearbeitung des Stoffes eine Rolle.

Mit Florian Schmidtke und Ina Piontek
Buch, Regie & Montage: Sebastian Hocke
Gefördert von der Film- und Medienstiftung NRW

Folge 1: Damals

Folge 2: Sind unterwegs, Timur.

Folge 3: W50

Folge 4: Abfahrt in Dresden

Die insgesamt acht Folgen werden in der Sendung "Echtzeit" ab dem 9. November im wöchentlichen Rhythmus gesendet. Folge 5 bis 8 werden zu einem späteren Zeitpunkt ebenfalls online abrufbar sein.

Sebastian Hocke zur Serie "Brüder":

"Die Hörspiel-Serie geht auf eine wahre Begebenheit zurück, die sich allerdings schon in den 1950er-Jahren ereignet hat, im Haus der Familie, in dem ich auch heute wohne. Der Berufskraftfahrer, der sich damals nach Westberlin retten wollte, wurde an der Grenze gestellt. Transferiert habe ich die Begebenheit in die Zeit, in der ich persönlich Teil der Fluchtbewegung wurde, ins Jahr 1989. Ich wollte immer meine eigene Fluchtgeschichte beziehungsweise die meiner Familie erzählen, schon damals auf der Filmhochschule. Ich erinnere mich, wie ich als Kind zwischen den ganzen heulenden Erwachsenen im Bundeswehr-Auffanglager sitze.

Das Gegenteil der "Fluchtbilder", die man kennt

Es war eben gar nicht das, was man sonst so aus dem Fernsehen kennt. Das kann man sich als Unbeteiligter nicht vorstellen, aber meiner Familie schießen heute noch Tränen in die Augen wie auf Knopfdruck, wenn darüber gesprochen wird, wie meine älteste Schwester mit ihrem Mann, der bei der Stasi war, zurückblieb, wie wir auf der Silberhochzeit meiner Tante fehlten. Dabei waren wir ja nur sehr kurz im Westen.

Keine weitere "Hurra wir sind drüben"-Geschichte

Mich haben sehr die zwischenmenschlichen Zwänge interessiert, die da ins Spiel gekommen sind. Und dieses Thema, des ungewollt Schuldigwerdens. Letztlich durch fehlende Konfrontation mit dem, was passiert ist. So wie bei Timur.

Natürlich ist die Fluchtgeschichte der dramaturgische Motor des Ganzen. Aber die Grautöne in der fiktionalisierten Lebenswirklichkeit zu zeigen, wie es sie tatsächlich in DDR-Biografien gab, das ist mir das eigentliche Anliegen. Trotz allem Rummel um das Mauerfall-Jubiläum sehe ich da immer noch eine Lücke, einen Raum für viele Geschichten, die noch zu erzählen sind."

Sebastian Hocke: Geboren 1982 in der DDR, studierte Drehbuch an der Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" Potsdam-Babelsberg. 1989 floh er mit seiner Familie in den Westen – am 8. November – nur um am 10. November wieder zurück in die DDR zu gehen. Arbeitet als Hörspielmacher, erhielt Preise und Nominierungen vom ORF, der ARD und Festivals in Leipzig, Jena, Chemnitz, Karlsruhe, Köln und Berlin. Seine Hörstücke und Hörspiele wurden im MDR, SWR, WDR, ORF, SRF und Deutschlandfunk Kultur ausgestrahlt. Auf CD wurden sie im mairisch-verlag und BUCHFUNK-Verlag veröffentlicht.

Florian Schmidtke: Geboren 1982, studierte Schauspiel an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart. Arbeitet als Schauspieler für Theater, Film und Fernsehen. Von 2009 bis 2018 war er festes Ensemblemitglied am Hans Otto Theater Potsdam. Seit 2019 spielt er in der Netflix-Serie "Barbarians" mit.

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Fazit

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