Hörspiel, vom 20.02.2019, 21:30 Uhr

Hörspiel: Leben im Kosmos der GartenkolonieDie Roofe

Blick auf eine Gartenlaube mit einem Unterstand für einen Wohnwagen. Sieht alles etwas heruntergekommen aus. (picture alliance / dpa / Hans Joachim Rech)
Laube in einer seltsamen Gartenkolonie (picture alliance / dpa / Hans Joachim Rech)

Die Roofe: Ein Dickicht, ein verwildertes Stück Land, eine Kolonie. Dauercamper, Leute, die sich keine Wohnung mehr leisten können, Autofreaks mit Deutschlandfahnen, Untergetauchte wohnen hier. Philipp hat viel Zeit mit ihnen verbracht. Auf den Spuren seiner Mutter Hiltrud, die sich Bojana genannt hat, war sie eine Schamanin oder eine Escort-Dame?

Produktionsfotos aus dem HörspielstudioPeter Kurth spricht den WalterManchmal wird es auch ganz gemütlich - Eva Weißenborn und Martin Frenk im provisorischen Hörspielstudio-BettDie Schauspielerin, Autorin und Regisseurin Cristin König Cristin König spricht die Lina, Max Mauff den PhilippMax Mauff und Regisseur Steffen MoratzCristin KönigRegisseur Steffen Moratz im Gespräch mit Eva WeißenbornEva Weißenborn spricht die Rolle der Agnes


Ursendung
Die Roofe
Von Matthias Karow
Regie: Steffen Moratz
Mit: Eva Weißenborn, Peter Kurth, Martin Reik, Max Mauff, Cristin König, Winnie Böwe und Tilo Nest
Komposition: Daniel Kaiser
Ton: Martin Eichberg
Produktion: Deutschlandfunk Kultur 2019
Länge: 43'30


Der Autor Matthias Karow (Deutschlandradio / Anke Beims )Der Autor Matthias Karow (Deutschlandradio / Anke Beims )


Kosmos einer Kleingartenkolonie: Die Roofe von Matthias Karow

Von Anke Beims
Ton: Christiane Neumann
Produktion: Deutschlandfunk Kultur 2019
Länge: 8'25


"Seilwinden find’ ich toll"
Matthias Karow im Gespräch mit Anke Beims über das Schreiben von Hörspielen und sein neues Stück "Die Roofe"

Anke Beims: Matthias Karow, Du warst zuerst Musiker und Sounddesigner – wie wurdest Du Hörspielautor?

Matthias Karow: Zum Schreiben bin ich übers Musikmachen, über Songtexte gekommen. Und hab nach meinem Studium der Tontechnik, oder währenddessen eigentlich schon angefangen zu schreiben. Einfach für mich, weil es mich interessiert hat, mir Spaß gemacht hat. Und ich habe damals Sachen zu einer Universität geschickt, wo ich mich beworben habe, weil ich dachte, ich mache das einfach mal in Hildesheim, da kann man Creative Writing studieren. Und die haben mich genommen, da war ich ganz glücklich und ich dachte, ich schmeiß mich jetzt nochmal ins Schreiben rein und das habe ich dann damals gemacht, das war dann ein Abschluss in Kulturwissenschaften, also ich bin diplomierter Kulturwissenschaftler. So bin ich zum Schreiben gekommen. Und dann hatte ich ein Praktikum beim WDR, eine Redakteurin hat mitbekommen, dass ich Schreiben studiere und hat mich gefragt, ob ich einen Text hätte. So habe ich dann mein erstes Hörspiel gemacht.

Anke Beims: Wie kommst du auf deine Stoffe?

Matthias Karow: Orte und Sätze sind es manchmal. Es sind oft Orte, glaube ich, Orte, die dazu führen, dass ich merke, die haben eine bestimmte Magie. Magie in Anführungszeichen, an der ich andocken kann, die ich versuche zu verstehen. In diesem Falle ist es eine Kleingartenkolonie, die noch nicht eingeordnet ist. Es gibt verschiedene Arten von Kleingartenkolonien. Diese ist ein Kosmos, der in sich sehr geschlossen ist, sehr eigene Regeln, Gesetze hat, Abgrenzungen. Das war mein Interesse, dieser Ort gekoppelt an das Bild von Rasenmähen, was mich extrem interessiert. Rasenmähen ist was Tolles, finde ich. Ich mach das gerne, schon von Jugend - Kindesalter an. Es hat etwas sehr Meditatives, diese Art von Bahnen ziehen, je nachdem, was für einen Rasenmäher man benutzt.

Anke Beims: Das heißt, du findest Orte, die dich interessieren, reale Orte, in die du dich fiktiv hineinbegibst.

Matthias Karow: Den Ort, den ich am Ende beschreibe, den gibt es so nicht, er ist aus verschiedensten Bruchstücken zusammengesetzt, in der Hoffnung, dass es am Ende konsistent wirkt, wie ein Ort, den es gibt. Den muss es geben. Sonst ist es schiefgegangen. In dem Falle ist es tatsächlich so, dass man diese Kleingartenkolonie als eine Art Dschungel hat, wie in ein unglaubliches Dickicht, in das man fast wie ein Feldforscher reingeht und guckt was los ist: Was passiert, welchen Figuren man begegnet und welche Geschichten sich auftun. Hinter welchem Baum oder auf welchem Baum, in welcher Hütte, welchen Tieren man begegnet und welchem Dreck.

Fotos von Matthias KarowMatthias KarowMatthias KarowMatthias KarowMatthias Karow

Anke Beims: Das sind ja eher Randgestalten, gerade in diesem Stück

Matthias Karow: Das ist eine heruntergewirtschaftete Kleingartenkolonie, die Zuflucht für gesellschaftliche Randfiguren bietet, die sich dort eingerichtet haben und versuchen ihr Leben mit all den Problemen, die es mit sich bringt, in Würde zu gestalten und Strukturen aufzubauen, die ihnen Halt geben. Wie leben diese Leute zusammen? Das funktioniert ähnlich, wie in der Stadt, aber auch ganz anders. Es gibt Strukturen von Abgrenzung, Hierarchien die mir neu waren, deutliche Grenzen von - wer noch weiter unter einem steht. Es geht darum, ab welchem Punkt wird mein Leben unwürdig? Wieviel Geld muss ich verdienen um mir die Wohnung, die Hütte leisten zu können? Und wenn dieser bestimmte Punkt erreicht ist, den spürt man ja bei Menschen, oder diese Angst, die damit einhergeht auch, ab wann gehöre ich nicht mehr dazu?

Anke Beims: Du schreibst bewusst über Orte, die du nicht kennst, um diese Welten selbst auch kennenzulernen?

Matthias Karow: In dem Falle ja, auf jeden Fall, manchmal ist es natürlich auch spannend einen Ort zu beschreiben und neu zu entdecken, den man sehr gut kennt, aber in dem Fall habe ich natürlich recherchiert und mir Sachen angeguckt. Das ist jetzt nicht nur aus der Phantasie zusammengeschraubt, aber auch das wäre nicht schlimm. Es können Engel auftreten, und Waschbären meinetwegen, das kann ich machen, wenn es der Geschichte dienlich ist.

"Die Roofe" das ist fiktiv, das gibt es so natürlich nicht. Es gibt hier in der Umgebung von Berlin einen Roofensee. Das ist für mich eine sehr bestimmte Art von Waldgebiet, in dem bestimmte Töne, bestimmte Spechtarten einen bestimmten Ton machen. Und wenn ich an diese Vorstellung von Wald denke, kommt der Name Die Roofe dem sehr nahe und ich assoziiere sehr schnell eine Atmosphäre, und dass das im Hörspiel funktioniert, das ist meine Hoffnung.

Anke Beims: Mir fielen im Skript die Begriffe Druckluftnagler und Seilwinde auf - geräuschvolle Maschinen, die man mit der Hand betätigt.

Matthias Karow: Ich habe während meiner Abizeit in einem Sägewerk gearbeitet und daher kenne ich die Dinge einfach gut, Druckluftnagler, also damit werden Paletten gebaut, das ist einfach so ein Gerät, das Kraft bedeutet, es hat ein unglaubliches, präzises Geräusch. Und eine Seilwinde, das wird sich nie ändern, das wird auch in dreihundert Jahren noch ein tolles Objekt sein, durch eine bestimmte Bewegung und mit bestimmten Kräften kann ich etwas nach oben ziehen, was ich so gar nicht tragen könnte. Macht, wenn es schlecht gewartet ist, ein tolles Geräusch, für das Hörspiel super. Das sind einfach Geräusche, mit denen man manchmal zu bestimmten Orten und Figuren Zugang bekommt. Und wenn ich von dort ausgehe - von der Seilwinde, die aus irgendeinem Grund auf dieser Wiese steht oder auf dem Weg, kann ich anfangen die Geschichte zu erzählen.


Matthias Karow, geboren 1978 in Neustadt am Rübenberge, Autor und Musiker. Hörspiele "Der Wanderer und seine Regenhaube" (WDR 2006), "Der Mond der fliegenden Enten" (DKultur 2010), "Der Kochlöffel" (DKultur 2011). Zuletzt: "Der Blechschuppen" (NDR 2017). Er lebt in Berlin.

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