Hörspiel, vom 22.12.2012

HörspielJames Joyce: Ulysses 1 + 2

Von James Joyce

<strong>Szene:</strong> Martello Tower am Strand von Sandycove, Dublin - <strong>Uhrzeit:</strong> 8.00 Uhr - <strong>Kunst:</strong> Theologie - <strong>Symbol:</strong> Erbe - <strong>Technik:</strong> Erzählung (eines jungen Mannes)

Manfred Zapatka in der Rolle des Erzählers (SWR/Conny Fischer)
Manfred Zapatka in der Rolle des Erzählers (SWR/Conny Fischer)

16. Juni 1904, es ist acht Uhr morgens. Der Medizinstudent und Möchtegernschriftsteller Buck Mulligan rasiert sich auf der Brüstung des alten Wehrturms am Strand von Sandycove im Süden Dublins. Mit einem Oxfordstudenten, dem Engländer Haines, bewohnen er und Stephen Dedalus den Tower. Der junge Dichter und Gelehrte Stephen arbeitet als Aushilfslehrer in einem College.

Er hat sein Medizinstudium in Paris abgebrochen und ist wegen seiner im Sterben liegenden Mutter nach Dublin zurückgekehrt. Beim gemeinsamen Frühstück zeigen sich Spannungen zwischen den Martello-Bewohnern, die chronisch pleite sind. Stephen missfallen das überhebliche Verhalten von Haines und Mulligans Blasphemien und Sticheleien. So zieht Mulligan den Atheisten Stephen immer wieder damit auf, seiner Mutter am Sterbebett Gebet und Segen verweigert zu haben. Die drei frühstücken, bleiben dabei der alten Frau, die ihnen die Milch bringt und bei Joyce die Verkörperung Irlands ist, einen Teil des Geldes schuldig und verlassen den Turm. Haines will in die Nationalbibliothek, Mulligan nimmt ein Bad im Meer, nicht ohne zuvor Stephen den Schlüssel zum Tower und noch zwei Pence abgeknöpft zu haben. Sie verabreden sich dennoch in den Pub gegen die Mittagszeit, wenn Stephen seinen Lohn als Lehrer erhalten habe.

Im ersten Buch von Homers "Odyssee" haben sich im Palast um Penelope die Freier breit gemacht, verprassen den Besitz und erniedrigen Telemachos, den Sohn des Odysseus. Dieser will dem Spuk ein Ende bereiten und Nachforschungen über seinen verschollenen Vater anstellen. Gleich Telemachos macht auch Stephen sich alleine auf den Weg durch Dublin, um seinem Dasein eine neue Form zu geben. Später findet er in Leopold Bloom seinen Vater im Geiste.

Joyce erzählt in einer realistischen Erzählhaltung, die mit kurzen Passagen im inneren Monolog von Stephen durchsetzt ist.


Aus dem Englischen von Hans Wollschläger
Hörspielbearbeitung, Musik und Regie: Klaus Buhlert
Mit Manfred Zapatka, Werner Wölbern, Jens Harzer, Hans Werner Meyer, Margit Bendokat, Dietmar Bär und Rufus Beck
SWR/DLF 2012


anschließed:

Kapitel 2: Nestor

Szene: College im Dorf Dalkey bei Dublin - Uhrzeit: 10.00 Uhr - Kunst: Geschichte - Symbol: Pferd - Technik: Katechismus (personal)

Stephen unterrichtet zerstreut und gelangweilt in einem Privatcollege Geschichte. Sie ist diesem Kapitel thematischer Bezugspunkt. Doch die Schüler interessieren sich offensichtlich nicht für Schlachten und Heroen, lesen einfach die Antworten aus Büchern ab.

Als Stephen keine Lust mehr hat auf seine vergebliche Liebesmühe, stellt er den Jungen ein Nonsense-Rätsel und verliert sich in Erinnerungen an seine Pariser Zeit. Mit dem Ende der Stunde ist für die Schüler das ersehnte Hockeyspiel angesagt, nur der schüchterne Cyril Sargent, der Stephen an seine eigene Schulzeit erinnert, bleibt in der Klasse und bitte um Hilfe in Mathematik. Stephen geht ins Büro des Schuldirektors Mr. Deasy, um sein Gehalt abzuholen. Der magere Lohn wird ihm ausgezahlt. Dabei spannt ihn Deasy sogleich für seine Zwecke ein: Stephen soll seine guten Beziehungen zur Presse nutzen und einen Leserbrief dort unterbringen. Es geht um die Maul- und Klauenseuche, die England als Vorwand nutzt, um Exporte aus Irland mit einem Embargo zu versehen. Mit antisemitisch gefärbten Ermahnungen zu sparsamer Lebensführung entlässt Mr. Deasy Stephen.

Dieses Kapitel spielt mit der - im Unterschied zu Kapitel 17 - in personaler Erzählhaltung genutzten Technik der Unterweisung, des Katechismus, in der Schule und fürs Leben.

In der "Odyssee" befragte Telemachos bei der Suche nach seinem Vater den alten König Nestor. Der wusste zwar viel zu reden, aber nichts über den Verbleib von Odysseus. Ähnlich ergeht es Stephen mit Mr. Deasy, der sich als nicht gerade weiser Ratgeber entpuppt.


Aus dem Englischen von Hans Wollschläger
Hörspielbearbeitung, Musik und Regie: Klaus Buhlert
Mit Manfred Zapatka, Jens Harzer, Jürgen Holtz, Lyonel Hollaender, Anatol Aljinovic, Leo Burkhardt, Michel Stieblich und Franz Jährling
SWR/DLF 2012
Länge: 40'13

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Produktion: SWR/DLF 2012