Hörspiel, vom 04.09.2021, 20:05 Uhr

Hörspiel des Monats JuniFlüstern in stehenden Zügen

Hörspiel nach dem Theaterstück von Clemens J. Setz

C. vermag seinen Hunger nach menschlicher Nähe nirgendwo zu stillen. Seine Bedürfnislage verhandelt er telefonisch mit maschinengleichen Menschen am anderen Ende der Welt. Ein lyrischer Monolog über die Kluft zwischen emotionaler Einsamkeit und mechanischem Callcenter-Sprech.

Der Protagonist erfindet sich von Telefonat zu Telefonat neu. Zu sehen: Ein Mann steht an einem Fenster, schaut hinaus und telefoniert. (EyeEm / Maskot)
Der Protagonist erfindet sich von Telefonat zu Telefonat neu. (EyeEm / Maskot)

C.s Sehnsucht äußert sich am Telefon: Die Versuche des Protagonisten C., Konversation zu führen mit Menschen in Callcentern, deren Aufgabe es dort nicht ist, Mensch zu sein, führen in Kommunikationswüsten, in welchen noch die hitzigste Aufwallung des Protagonisten auf dem Kalkül, dem Skript der Abzockerfirmen versandet. Der persönliche Kontakt zu einer Kundin seines Computerreparaturgeschäfts läuft bald über in ein weiteres, jedoch etwas längeres Telefonat.

So entpuppt sich Clemens J. Setz' Text als feinfühlige, lyrische Erzählung aus dem Inneren des einsamen Protagonisten C. und als Grundlage für die Soundwelten des Hörspielmachers und Klangkünstlers Stefan Weber in der Regie von Philip Scheiner.


"Flüstern in stehenden Zügen" wurde von der Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste zum Hörspiel des Monats Juni 2021 gewählt.

Die Begründung der Jury:
"Hallo, mein Name ist Riese, ich möchte Ihnen bitte all mein Geld überweisen. Wie mach ich das?

Der Horror jedes Konsumentenschutzverbandes wird hier zur nächtlichen Beschäftigungstherapie für den Computerladenmitarbeiter C. Raphael Muff als einsamer Protagonist dieses eindringlichen Audiomonologs durchwühlt seinen Spamordner auf der Suche nach der nächsten Abzockermail. Mit schwerer Zunge geht er mit seinen betrügerischen Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartnern auf Tuchfühlung, gewitzt versucht er menschliche Regungen beim stummen Gegenüber zu provozieren und erfindet sich dabei von Telefonat zu Telefonat neu.

In Philip Scheiners Bearbeitung des gleichnamigen Theaterstücks von Clemens J. Setz werden die kurzen Gesprächspassagen zu aufgeheizten Klangwüsten. Den Dialog bleibt er schuldig, denn die Antworten auf C.s Gesprächsbemühungen sind nicht zu hören. Gerade das macht das Radiostück zum emotionalen Hörspielabenteuer. Das Zuhören wird zur Achterbahnfahrt der Gefühle: Ekel, Mitgefühl, Unverständnis, Schadenfreude wechseln sich genauso schnell ab wie die Namen der kontaktierten Callcentermitarbeiterinnen und -mitarbeiter.

Sie tun einem fast schon leid, die Ulrichs, Arthurs, Bobs, Angelikas und Gerds da auf der anderen Seite der Telefonleitung. C. lässt nicht locker, zählt gefakte Passwörter auf, wiederholt geduldig falsche Kundennummern und erzählt nebenbei von seiner Schwester Dora, die leider vom Bora-Wind in Triest davongeweht wurde, von seinen neuen Boxhandschuhen mit den klingenden Namen Billy und Scott und von weiteren tragischen Schicksalsschlägen seiner erfundenen Verwandtschaft.

Der dramaturgisch fein gewebte Text mit seinen raumgreifenden Pausen hat die Jury sofort in den Bann gezogen. Zusammen mit der nuancenreichen Stimme Raphael Muffs entfaltet die sphärische Klangkomposition aus metallischen Sounds ein wunderbares akustisches Kammerspiel. Muffs Stimme changiert zwischen Zärtlichkeit, unverhohlener Aggressivität und unendlicher Traurigkeit. Dahinter steht eine dichte Klangkulisse voller mysteriöser Geräusche, die durch die Leitungen vibrieren. Grilli Pollheimers Originalmusik fürs Theaterstück akzentuiert gemeinsam mit den Sounds von Stefan Martin Weber das Gesprochene.

Und plötzlich, nach all den ins Leere gesprochenen Dialogen, gibt es Antworten. Der Arbeitskollege (Franz Solar) lässt sich zur Mittagsjause einladen und die Kundin aus dem Computerladen (Evamaria Salcher) zeigt echtes Interesse an C.s Flirtversuchen. Das weckt berechtigte Hoffnung auf ein Happy End."


Flüstern in stehenden Zügen
Von Clemens J. Setz
Bearbeitung und Regie: Philip Scheiner
Komposition: Stefan Weber
Mit Raphael Muff, Evamaria Salcher, Franz Solar
Ton: Christian Michl
Produktion: ORF Steiermark/Schauspielhaus Graz/Ö1 2021
Länge: ca. 55‘


Clemens J. Setz, 1982 in Graz geboren, studierte Mathematik und Germanistik. Lebt als Übersetzer und freier Schriftsteller in Wien. 2011 wurde er für seinen Erzählband Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Für seinen Roman "Die Stunde zwischen Frau und Gitarre" erhielt Setz den Wilhelm Raabe-Literaturpreis 2015. Mit "Vereinte Nationen" war Setz 2017 und mit "Die Abweichungen" 2019 zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen. 2021 wurde er mit dem Georg-Büchner-Preis geehrt.

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