Hörspiel, vom 04.01.2020, 20:05 Uhr

Hörspiel des MonatsAufzeichnungen aus dem Irrenhaus

von Christine Lavant

Sechs Wochen verbrachte Christine Lavant als Zwanzigjährige in der „Landeskrankenanstalt Klagenfurt“, nachdem sie einen Suizidversuch mit Medikamenten unternommen hatte. Elf Jahre später, im Herbst 1946, schrieb sie über ihre Erlebnisse mit Patientinnen, Pflegerinnen und Ärzten in der Institution Psychiatrie.

Schizophrenia, conceptual image MODEL RELEASED. Schizophrenia, conceptual image. PUBLICATIONxINxGERxSUIxHUNxONLY VICTORxHABBICKxVISIONS/SCIENCExPHOTOxLIBRARY F003/4394 schizophrenia conceptual Image Model released schizophrenia conceptual Image PUBLICATIONxINxGERxSUIxHUNxONLY VICTORxHABBICKxVISIONS SCIENCExPHOTOxLIBRARY F003 (imago stock&people)
. (imago stock&people)

Die Begründung der Jury:

"Peter Rosmaniths Hörspielfassung von Christine Lavants „Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus“ (ORF 2019) besitzt die Intensität eines Kammerspiels in besonderem Maße: Es inszeniert die subjektiv verstörende Perspektive einer suizidgefährdeten Zwanzigjährigen auf den stationären Aufenthalt in der „Landesirrenanstalt Klagenfurt“ Mitte der 1930er Jahre.
Zugleich dokumentiert bereits der poetisch-metaphorische Ausgangstext von Lavant die bedrückende Atmosphäre in einer der Psychiatrien, die später institutionell an der Vorbereitung der Euthanasie-Gräuel beteiligt waren.
Konzentriert auf die Sicht der Insassin einer Kranken- und Heilanstalt erzählt dieses Hörspiel auch von deren manischer Verliebtheit, die durch das Abhängigkeitsverhältnis vom ärztlichen Therapeuten einen Missbrauch forciert. Diese komplexe Geschichte wird stimmlich geradezu hypnotisierend umgesetzt von der mehrfach ausgezeichneten Südtiroler Schauspielerin Gerti Drassl.
Die nüchterne, hierarchisch organisierte Zwangsexistenz, explizit die Unterdrückungsmechanismen in einer psychiatrischen Verwahranstalt, werden durch die Kraft der Poesie im Kontrast zur scharfen Situationsanalyse artikuliert. Hin- und hergerissen zwischen Lavants Gefahr der Selbstauflösung und ihrem Versuch, sich aus dem Tunnel des inneren Schreckens zu befreien, hinterlässt das Hörspiel ein geradezu erschütterndes Stimmungsbild.
Verstärkt wird dieses zum empathischen Hören einladende Setting durch die gegenseitige Durchdringung der Text- und Musik-Bereiche (Instant Composings / „Improvisationen aus dem Augenblick heraus“). Dadurch wird die Atmosphäre der Bedrohung, Demütigung und existentiellen Verunsicherung der Protagonistin beispielhaft inszeniert. Text und Musik (von Franz Hautzinger, Matthias Loibner und Peter Rosmanith) begegnen sich auf dieser Ebene völlig gleichberechtigt."

Hörspiel des Monats
Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus
von Christine Lavant
Bearbeitung und Regie: Peter Rosmanith
Komposition: Franz Hautzinger, Matthias Loibner und Peter Rosmanith
Produktion: Autorenproduktion im Auftrag des ORF
Länge: 53‘01"

Die Deutsche Akademie der Darstellenden Künste in Frankfurt am Main zeichnet jeden Monat ein Hörspiel aus den Produktionen der ARD-Anstalten aus. Die Entscheidung über das HÖRSPIEL DES MONATS trifft eine Jury, die jeweils für ein Jahr unter der Schirmherrschaft einer ARD-Anstalt arbeitet. Am Ende des Jahres wählt die Jury aus den 12 Hörspielen des Monats das HÖRSPIEL DES JAHRES.

Abonnieren Sie unseren Newsletter!