Hörspiel, vom 02.02.2019

Hörspiel des MonatsAuf der Suche nach den verlorenen Seelenatomen

Von Susann Maria Hempel

Das Radiostück basiert auf Gesprächen mit einem ehemaligen DDR-Häftling, der im Gefängnis einen schweren Schock mit darauffolgender Amnesie erlitt. Es geht um die Auflösung des Ich und den Versuch seiner Rekonstruktion.

Copyright liegt bei Susann Maria Hempel. Bildtitel: Auf der Suche nach den verlorenen Seelenatomen; Zeichnung Hirsch (rbb KulturRadio/Susann Maria Hempel)
Auf der Suche nach den verlorenen Seelenatomen; Zeichnung Hirsch (rbb KulturRadio/Susann Maria Hempel)

In der Begründung der Jury der Akademie der Darstellenden Künste heißt es:

„Es fällt schwer zu glauben, dass "Auf der Suche nach den verlorenen Seelenatomen" erst Susann Maria Hempels zweite Radioarbeit sein soll, so souverän hat die Autorin, Komponistin, Sängerin, Regisseurin und einzige Sprecherin dieses Kunstwerk gestaltet.
Sie spricht darin die Unterhaltung mit einem durch seine Haft in der ehemaligen DDR schwer traumatisierten Menschen nach: Der Schock der unrechtmäßigen Inhaftierung selbst als vermeintlicher Republikflüchtling, aber auch die Misshandlung durch Mitgefangene und die Angst vor ihr haben ihn so weit aus der Bahn geworfen, dass ihm nicht mehr gelingt, seinen Alltag zu organisieren, wichtige Entscheidungen zu fällen, sich einer Fremdbestimmung zu widersetzen oder auch nur diese Unfähigkeit anderen gegenüber zu verbalisieren als mit seiner Gesprächspartnerin. ‚Dangge Susann, Dangge dass ich dadrüber redn konnte, jetze’, mit diesen Worten, leicht gehetzt in thüringischer Sprachfärbung gesprochen, beginnt das Hörstück, ‚das konnt ich jetze eigntlich wörklich bloß mit Dir’.

Hempel lässt in ihrer monologischen Wiederholung dieses Dialogs die Zuhörenden dessen große Intimität miterleben, ohne seine Vertraulichkeit zu verraten. Es geht um die Auflösung des Ich und den Versuch seiner Rekonstruktion: ‚Ich hab keine Erinnerung mehr an mich. Wenn ich mich aber unterhalt’, jetzt so mit dir jetze, dann kann ichs geistig zurückholen.’ Der Weg dorthin führt, es ist eine deutsche Geschichte, in den Wald der Kindheit, eine Art Privatmythos, den sich der Erzähler mit seinem Freund geschaffen hat, dessen kürzlicher Tod als Auslöser des Bekenntnisses angedeutet wird. Durch kompositorisch reduzierte und elektronisch entfremdete hochromantische Liedsätze, Schumanns Eichendorff- und Heine-Vertonungen, durchbrochen von digitalem Vogelgezwitscher, Rotkehlchen und Zilpzalp, erschafft Hempel in und um diese Erzählung eine Atmosphäre, in der das, was wir Seele nennen, nahezu greifbar, ihre Verletzungen erfahrbar, und die Metaphern die ihrer Beschreibung dienen sollen, wirklich werden: Erfahrbar nur durch den intimen Sinn des Gehörs, schrecklich und schön. Selbstverständlich ist dieses vom rbb als Feature gesendete Werk Susann Maria Hempels das Hörspiel des Monats November.”

Darstellerin, Musik und Regie: die Autorin
Produktion: rbb 2018
Länge: 54’31

Die Deutsche Akademie der Darstellenden Künste in Frankfurt am Main zeichnet jeden Monat ein Hörspiel aus den Produktionen der ARD-Anstalten aus. Die Entscheidung über das HÖRSPIEL DES MONATS trifft eine Jury, die jeweils für ein Jahr unter der Schirmherrschaft einer ARD-Anstalt arbeitet. Am Ende des Jahres wählt die Jury aus den 12 Hörspielen des Monats das HÖRSPIEL DES JAHRES.

Anschließend: Hörspielmagazin 02/19