Seit 05:05 Uhr Aus den Archiven
Samstag, 15.05.2021
 
Seit 05:05 Uhr Aus den Archiven

Lesart | Beitrag vom 02.02.2021

Hörbuch zu Didier Eribons "Rückkehr nach Reims"Der Wille, ein selbstbestimmtes Leben zu führen

Von Andi Hörmann

Der französische Autor Didier Eribon bei einem Interview auf der Frankfurter Buchmesse 2017 (picture alliance / dpa / Jan Haas)
Der Philosoph und Foucault-Biograf Didier Eribon findet mit dem Essay "Rückkehr nach Reims" auch in Deutschland viel Aufmerksamkeit. (picture alliance / dpa / Jan Haas)

Schonungslose Gesellschaftsanalyse aus der Perspektive eines Intellektuellen, der aus der Arbeiterklasse stammt: Das ist Didier Eribons "Rückkehr nach Reims". 2017 inszenierte Thomas Ostermeier den Text fürs Theater, nun liest er ihn als Hörbuch.

"Ich besuchte meine Mutter. Es war der Beginn einer Aussöhnung mit ihr. Oder genauer: Einer Aussöhnung mit mir selbst, mit einem ganzen Teil meines Selbst, den ich verweigert, verworfen, verneint hatte."

Dafür kehrt Didier Eribon, damals schon gefeierter Intellektueller in Paris, bekennend homosexuell, zurück in die Kleinstadt seiner Kindheit: nach Reims. Und damit zur Mutter, die als Putzfrau arbeitete, zum Vater, der Fabrikarbeiter war. Und setzt sich auseinander mit deren Sicht auf die Welt, ihren Sehnsüchten, aber auch mit ihrer Intoleranz.

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)

"Ich habe es meinem Vater immer übelgenommen, dass er genau das war, was er war: Diese Verkörperung einer Arbeiterwelt, die man, wenn man ihr nicht angehört, bestenfalls aus Filmen oder Romanen kennt. Das war wie bei Emile Zola, behauptet meine Mutter, obwohl sie nie eine Zeile von Zola gelesen hat. Wer diese Welt kennt, weil er sie erlebt hat und ein Teil von ihr gewesen ist, dem fällt es schwer, zu ihr zu stehen und sich auf sie zu berufen."

Es ist vor allem auch die Verachtung der Homosexualität, mit der Didier Eribon zu kämpfen hat. 2009 veröffentlicht der damals schon in der Pariser Bohème etablierte Schriftsteller, Soziologe und Philosoph seinen autobiografischen Essay "Rückkehr nach Reims", der erst 2016 auf Deutsch erschien. Immer wieder bezieht Eribon sich darin auf den ganz großen Existenzialisten des 20. Jahrhunderts.

"In meinen damaligen Orts- und Zeitbezügen schwor ich jedoch nur auf Sartre. Er war wirklich Saint Sartre. Für mich der heilige Sartre."

Kampfschrift für liberales Denken

"Rückkehr nach Reims" ist nur vordergründig eine radikale Abrechnung mit zerrütteten Familienverhältnissen. Dieser Text ist eine regelrechte Kampfschrift für liberales Denken und liefert eine radikale Gesellschaftsanalyse: Warum gewinnt die rechtspopulistische Front National an Stimmen aus der einstmals kommunistischen Arbeiterklasse? Warum entscheidet soziale Herkunft über Bildung und Kultur? Reflexionen vor dem Hintergrund seiner persönlichen Familiengeschichte mit schonungslosen Einblicken in die Psyche.

"Der vor den Augen von uns Kindern ausgelebte Ehewahnsinn dürfte zu meinem Entschluss, aus dieser Familie und diesem Milieu zu fliehen, seinen Teil beigetragen haben. Lange Zeit blieb mir die Vorstellung von Familie, überhaupt von Paarbeziehungen, Ehen, dauerhaften Bindungen, Lebensgemeinschaften, und so weiter, ein Graus."

Nicht perfekt gelesen, aber authentisch

Thomas Ostermeier, Leiter der Schaubühne in Berlin, liest dieses viereinhalbstündige Hörbuch. 2017 hat er den Text schon als Drei-Personen-Stück inszeniert. Und seine bisweilen schludrige Sprechhaltung passt wunderbar zu dieser Milieustudie eines Arbeiterkindes, das intellektuell große Ambitionen hat.

"Ich kann sagen, dass neben meinem Willen, endlich ein freies, schwules Leben zu führen, die Memoiren von Simone de Beauvoir der Hauptgrund für meinen Umzug nach Paris gewesen sind", schreibt Eribon in seinem Werk.

"Rückkehr nach Reims" ist ein überaus gelungenes Hörbuch. Die Performance ist nicht perfekt, aber macht den Text noch authentischer. Auch oder gerade weil ein Stück philosophischer Existenzialismus in dieser Produktion mitschwingt: Der Weg ist das Ziel.

"Der folgende Satz aus Sartres 'Saint Genet' war entscheidend für mich: Es kommt nicht darauf an, was man aus uns gemacht hat, sondern darauf, was wir aus dem machen, was man aus uns gemacht hat."

Didier Eribon: Rückkehr nach Reims
Aus dem Französischen von Tobias Haberkorn
Mit Thomas Ostermeier (Sprecher)
Roof Music

*Redaktioneller Hinweis: Wir haben fehlende Angaben zum Hörbuch ergänzt.

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Lesart

weitere Beiträge

Buchkritik

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur