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Lesart / Archiv | Beitrag vom 22.08.2016

Hörbuch "Mein Kampf"Wie der Mythos einer Hetzschrift zerlegt wird

Von Susanne Billig

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Der Schauspieler Matthias Hageböck vom Berliner Theaterkollektiv Rimini Protokoll am 31.08.2015 im E-Werk in Weimar (Thüringen) während der Fotoprobe zu dem Theaterstück "Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1 & 2"  (picture alliance / dpa / Sebastian Kahnert)
"Rimini Protokoll" hat "Mein Kampf" bereits zu einem Theaterstück verarbeitet, auf dem das Hörspiel basiert. Das Foto zeigt den Schauspieler Matthias Hageböck. (picture alliance / dpa / Sebastian Kahnert)

Die kritische Ausgabe von Hitlers "Mein Kampf" steht seit Monaten auf der "Spiegel"-Bestsellerliste. Worauf gründet sich eigentlich der Mythos von "Mein Kampf"? Das Theaterkollektiv Rimini Protokoll hat dazu ein kunstvoll-collagenhaftes Hörspiel entwickelt, das dieser Frage nachgeht.

Die kritische Ausgabe  von Hitlers "Mein Kampf" vom Institut für Zeitgeschichte rangiert seit Anfang des Jahres auf der Spiegel Bestseller-Liste. Worauf gründet sich eigentlich der Mythos von "Mein Kampf"? Das Autoren-Regie-Team "Rimini Protokoll" hat dazu ein Hörspiel entwickelt, das dieser Frage nachgeht

Stimme Mann 1:
"Adolf Hitler, Mein Kampf, Band eins und zwei, Hörspiel von Helgard Haug und Daniel Wetzel, Anführungszeichen unten."

Stimme Mann 2 und Stimme Frau parallel:
"Als ich einmal so durch die innere Stadt strich, stieß ich plötzlich auf eine Erscheinung mit langem Kaftan und schwarzen Locken. Ist dies auch ein Jude?, war mein erster Gedanke. Ich beobachtete den Mann verstohlen und vorsichtig, allein, je länger ich in dieses fremde Gesicht starrte und forschend Zug um Zug prüfte, umso mehr wandelte sich in meinem Gehirn die erste Frage zu einer anderen Fassung: Ist dies auch ein Deutscher!"

Für "Adolf Hitler, Mein Kampf" bringt die Theatergruppe Rimini Protokoll keine professionellen Schauspieler ins Hörspielstudio, sondern Menschen, die sich seit langem mit diesem Buch auseinandersetzen: Ein Rapper, eine Völkerrechtlerin, ein israelischer Rechtsanwalt, ein Brailleschrift-Redakteur und eine Jura-Professorin kneten das Hetzwerk und wälzen es hin und her; teils entlang schriftlicher Dialoge, teils in spontaner Debatte begutachten sie es aus den verschiedensten Blickwinkeln, nehmen es politisch, juristisch, moralisch, persönlich unter die Lupe, um herauszufinden: Was steckt hinter dem Mythos dieses Buches?

Ein Text mit Sprengstoff

Mann 1: Gib doch mal ein, ähm, "Adolf Hitler, Mein Kampf". Fangen wir mal so an. Tatsächlich - da ist es es!

Junge Frau: So, da können wir jetzt wählen zwischen Dutch, German und English.

Mann 1: Okay, sogar in verschiedenen Sprachversionen.

Junge Frau: Da hat jemand das Buch richtig eingescannt.

Mann 1: Was wäre denn, wenn ich den Text jetzt ausdrucken würde?

Junge Frau:: Das wäre das Herstellen einer volksverhetzenden Schrift -

Mann 1: Hmmm.

Junge Frau: - auch strafbar, aber nur, wenn man die Schrift herstellt, um sie zu verbreiten.

Dass ein mythisch aufgeladener Text Sprengkraft besitzt, in Zeiten, in denen Rechtspopulisten Zulauf erhalten und stramme Nazis sich darunter mischen, daran lässt das Hörspiel keinen Zweifel. Vor allem aber ist "Mein Kampf" als unkommentierte Neuausgabe auch nach dem 1. Januar 2016 noch immer verboten, erklärt Völkerrechtlerin Anna Gilsbach, denn Volksverhetzung darf hierzulande nicht publiziert werden. Den Rahmen des collagenhaft angelegten Stückes bildet ein wiederkehrendes Assoziationsspiel.  

Mann 1: A!

Mann 2: Stopp!

Mann 1: M.

Viele Stimmen: M, wie Macht... Mehrheit... Meinungsbild... Minderwertigkeit... Mutter...

Mann 1: M - wie Meinungsbild.

Mann 2: Wer findet, es gibt Bücher, die verboten werden müssen?

Viele Stimmen: Ja... natürlich... nein... nein... vielleicht.

Mann 2: Also ich bin absolut gegen Zensur. Niemand hat das Recht zu behaupten, mehr zu wissen als jemand anders.

Viele Stimmen: Richtig... darum geht es nicht... deine Freiheit, mein Lieber, endet an der Gesundheit und Sicherheit... du bestimmst aber nicht über meine Gesundheit!

Spannende Mischung

Eine spannende Mischung bietet "Rimini Protokoll" an: politische und juristische Hintergrundinformationen, leidenschaftliche Diskussionen, durchbrochen von Scherzen und Gelächter, damit heiliger Ernst und erneute Mythenbildung gar nicht erst aufkommen können. Vor allem für junge Menschen ist das zu empfehlen, lehrt das Hörspiel doch in seiner Offenheit und Unfertigkeit, worin die Stärke unserer heutigen Debattenkultur besteht: Raum für neue Perspektiven entsteht nur, wenn sich auch das öffentliche Denken und Sprechen nicht hermetisch abgeriegelt und ideologisch festgetackert präsentieren, sondern unabgeschlossen, suchend und fragend. Dafür steht diese Produktion.
 
Mann 1: So, und wo stehen wir denn jetzt mit dem Ausdruck von "Mein Kampf"? Jetzt ist es fast fertig, es fehlen nur noch fünfzehn Seiten. Zum Schluss haben wir jetzt hier noch ein paar Werbeblätter. Jetzt haben wir‘s!

Junge Frau: Okay. Dann...

Beide: Jetzt ist es fertig!

Junge Frau: Und was machen wir jetzt damit?

 

Rimini Protokoll, "Adolf Hitler, Mein Kampf, Band 1 & 2",
Hörspielproduktion des WDR-Produktion, 53 Minuten, CD, 12 Euro

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