Seit 15:05 Uhr Tonart

Donnerstag, 09.07.2020
 
Seit 15:05 Uhr Tonart

Lesart / Archiv | Beitrag vom 11.04.2016

Hörbuch: "Klänge" von Wassily Kandinsky Wunderbar skurril und berauschend

Von Andi Hörmann

Podcast abonnieren
Das Münter-Haus in Murnau (Bayern). In diesem Haus, auch "Russenhaus" genannt, lebten die Künstler Gabriele Münter (1877-1962) und Wassily Kandinsky (1866-1944) in den Sommermonaten von 1909-1914. Hier entstanden Werke und Ideen, die als Kunst des "Blauen Reiter" berühmt wurden, heute ist es ein beliebtes Ausflugsziel. (dpa/ Felix Hörhager)
Das Münter-Haus in Murnau (Bayern). In diesem Haus, auch "Russenhaus" genannt, lebten die Künstler Gabriele Münter (1877-1962) und Wassily Kandinsky (1866-1944) in den Sommermonaten von 1909-1914. Hier entstanden Werke und Ideen, die als Kunst des "Blauen (dpa/ Felix Hörhager)

Der Expressionist Wassily Kandinsky gilt als einer der Wegbereiter der abstrakten Kunst. Farben empfand er nicht nur als optische, sondern auch als akustische Reize. Sein 1912 veröffentlichtes Buch "Klänge" erscheint nun als Hörbuch und versammelt 38 Avantgarde-Popsongs.

Audio: Frederico Sánchez Feat. The Mistakeman "Unverändert"

"Meine Bank ist blau, aber nicht immer da. Erst vorgestern habe ich sie wieder gefunden..."

Kandinsky schrieb wie er malte: Klar und farbig, kurios und fabulierend.

Audio: Frederico Sánchez Feat. The Mistakeman "Unverändert"

"...Neben ihr steckte der abgekühlte Blitz. Wie immer. Dieses Mal war das Gras um den Blitz herum etwas verbrannt..."

Eine blaue Bank, ein Blitz im grünen Gras - Farbe und Form. Das faszinierte den Maler Wassiliy Kandinsky auch an der Sprache: Klang und Rhythmus der Wörter hatten es ihm angetan. In der Musik tanzen die Töne, und damit auch der ganze Text.

Audio: Sophia Domancich "Blick"

"Ich rief nicht nach Dir. Ich bat Dich nicht, durch den weißen Vorhang zu schauen auf mich. Wozu verbirgt er sein Gesicht vor mir? Warum sehe ich nicht Dein Gesicht hinter dem weißen Vorhang?"

Der 1866 in Moskau geborene Expressionist Künstler Wassily Kandinsky gilt nicht nur als Wegbereiter der abstrakten Kunst, er schrieb auch Bücher. 1912 erschien der Band "Klänge" – mit seinen 56 Holzschnitten und 38 Prosagedichten.

Audio: Jeff Beer "Hügel"

"Zwischen den Hügeln schlängelt sich ein schmaler Pfad, einfach weiß. Das heißt: weder bläulich, noch gelblich, weder ins Blaue, noch ins Gelbe."

"Klänge" entstehen zeitgleich mit dem "Blauen Reiter"

Entstanden sind diese Texte als Kandinsky zusammen mit Franz Marc die Kunstbewegung "Der blaue Reiter" gründet – mit der er sich mehr und mehr von der Gegenständlichkeit in der Malerei verabschiedete. Im bayerischen Murnau waren die beiden damals und so findet sich die Alpenlandschaft in Texten mit Titeln wie "Hügel" oder "Im Wald". Unter der Regie des Hörspielautors und Musikkritikers Karl Bruckmaier sind sie jetzt tatsächlich Klänge geworden.

Audio: Lydia Daher "Im Wald"

"Der Wald wurde immer dichter, die roten Stämme immer dicker, die grünen Kronen immer schwerer, die Luft immer dunkler, die Büsche immer üppiger, die Pilze immer zahlreicher..."

"Klänge" das sind 38 Avantgarde-Popsongs: Elf Musiker aus Deutschland, den USA, Großbritannien und Frankreich haben die Worte von Kandinsky vertont - oder besser in ihrem Musikstil untermalt. Frederico Sánchez von der Indie-Pop-Band "Das Weiße Pferd" lässt sich etwa von Kandinsky zu einer Art B-Movie-Soundtrack inspirieren.

Audio: Frederico Sánchez "Ausgang"

"Du hast in die Hände geklatscht. Neig nicht Deinen Kopf zu Deiner Freude. Nimmer. Nimmer. Und da schneidet er wieder mit dem Messer. Wieder schneidet er mit dem Messer. Durch..."

Faszinierende Pop-Plastik aus Tönen und Texten

Bei dem in Teheran geborenen und in München aufgewachsenen Percussionisten und Experimentalmusiker Saam Schlamminger knistert und klackert es, wenn Kandinsky über das Erscheinungsbild der Zahl "3" sinniert – ähnlich einem Schriftsetzer, der sich über die Typographie den Kopf zerbricht.

Audio: Saam Schlamminger "Anders"

"Es war eine große 3, weiß auf dunkelbraun. Ihr oberer Haken war in der Größe dem unteren gleich. So dachten viele Menschen. Und doch war dieser obere etwas, etwas, etwas größer als der untere..."

In der Malerei von Wassily Kandinsky geht es um farbenfrohe Abstraktion, in seiner schlichten Prosadichtung um die Wahrnehmung von Farben, Formen und Emotionen. Die lautmalerische Sprache seines Künstlerbuches "Klänge" wird durch die akustische Inszenierung zu einer faszinierenden Pop-Plastik aus Tönen und Texten - und in den Zwischentönen klingt fein und passend der ewige Zweifel des Künstlers durch.  

Audio: Saam Schlamminger "Anders"

"...es war vielleicht auch anders."

Wunderbar skurril und berauschend zugleich.

Wassily Kandinsky: Klänge
Hörbuch in der Bearbeitung von Karl Bruckmaier
Belleville 2016
4 CDs
20 Euro            

Mehr zum Thema

D-Dur klingt nach einem goldenen Gelb
(Deutschlandradio Kultur, Buchkritik, 26.11.2007)

Musikelite in den Bergen
(Deutschlandfunk, Kultur heute, 11.09.2006)

Lob der Skizze
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 06.11.2008)

Synästhesie - Der siebte Sinn
(Deutschlandfunk, Essay und Diskurs, 25.12.2014)

Sinneseindrücke - Das Phänomen der Synästhesie und die Musik
(Deutschlandfunk, Musikszene, 10.11.2014) 

Lesart

weitere Beiträge

Buchkritik

Jhumpa Lahiri: "Wo ich mich finde"Aufbruch in neue Gefilde
Buchcover zu "Wo ich mich finde" von Jhumpa Lahiri auf orangefarbenem Aquarellhintergrund. (Rowohlt Verlag / Deutschlandradio)

Im Mittelpunkt von Jhumpa Lahiris neuem Roman steht eine Ich-Erzählerin, die ihren glanzlosen Alltag in einer namenlosen italienischen Stadt schildert. Nichts scheint das Muster der Gewohnheiten außer Kraft setzen zu können - bis die Protagonistin eine Entscheidung trifft.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur