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Lesart / Archiv | Beitrag vom 28.11.2016

Hörbuch "Happy Aging" Gelassen älter werden

Von Gesa Ufer

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Eine alte Frau spricht am 18.12.2013 im Evangelischen Seniorenheim Albestraße in Berlin über ihr Leben. (picture-alliance / dpa-ZB / Britta Pedersen)
Das ganze Leben besteht doch aus Veränderungen: Ulrike Draesner über das Älterwerden (picture-alliance / dpa-ZB / Britta Pedersen)

Ein Hörbuch über das Älterwerden, über ausbleibende Menstruation und Falten - das klingt dröge? Ist es aber nicht, wenn es so zauberhaft wie von Ulrike Draesner erzählt wird. Die 54-Jährige erzählt aus ihrem Leben, ohne in Peinlichkeiten abzurutschen.

"Happy Aging": Der Titel dieser Doppel-CD klingt eher furchterregend, nach Ratgeberliteratur, wo es doch im Untertitel heißt "Ulrike Draesner erzählt ihre Wechseljahre". Oh je. Warum sich freiwillig Geschichten über Hitzewallungen, ausbleibende Menstruation, Falten und Depressionen erzählen lassen? Ganz einfach: Weil Ulrike Draesner erzählt!

Das ganze Leben erscheint ihr, der wachen Beobachterin, Lyrikerin, Romanautorin, Übersetzerin und Essayistin, als eine Aneinanderreihung von Wechseln.

"Ich erinnere mich so an ein eigenes Spiel aus meiner Kindheit, das über eine ganze Reihe von Jahren ging. Da hieß, glaub ich, 'Älter werden' für mich einfach so den Moment erleben, bis ich groß genug bin, damit beim Sitzen auf dem Stuhl oder in vor allem in der U-Bahn oder in der Straßenbahn meine Beine endlich auf den Boden kommen."

Mutig, frisch und ohne Scham spricht die 54-Jährige über ihre Weiblichkeit, ohne dabei in peinliche oder gar eklige Feuchtgebiete abzudriften: über die Sprachlosigkeit mit der eigenen Mutter über Körperlichkeit zu sprechen, über das mühsame Verbauen des ersten Tampons, über den Triumph endlich als junge Frau in der Gesellschaft sichtbar zu werden, aber auch über so traumatische Erfahrungen wie die einer Fehlgeburt.

Dem Älterwerden ambivalent gegenüber stehen 

"In dem Moment platzte plötzlich die Zeit, und ich hab nur noch eine Zeitlupenerinnerung. Mein Partner sah das nie. Die Zeit dehnte sich auf, hab das tote Kind da liegen sehen. Ich war da ganz allein damit."

Besonderen Zauber entfaltet dieser Bericht durch Ulrike Draesners lebendige und freie Rede. Unverstellt und voller feinster Nuancen verfertigen sich ihre Gedanken beim Sprechen. Dabei steht die promovierte Sprachwissenschaftlerin trotz aller Zuversicht dem Prozess des Alterns auch ambivalent gegenüber:

"Natürlich gibt es da dieses Moment des 'Huch, wer guckt mir da aus dem Spiegel entgegen? Das bin ich?' Und es gibt auch dieses irre Auseinanderklaffen von Innenbild und Außenbild. Wie ich mir mich vorstelle, wie ich aussehe. Und dann guck ich in den Spiegel. Und dann sitzen lauter Dreißigjährige um mich herum und ich denk mir 'Bin ich ja Teil von denen' und dann auf einmal denk ich 'Hups, für mich schon – für die anderen ja nicht' – und auf der anderen Seite gibt es da diesen Moment der Neugier: Wer mendelt sich da heraus?"

Etwa, dass Zwänge wegfallen.

Plädoyer, sich viel zuzutrauen

"Die Zeit tickt und tickt und tickt – die tickt viel gnadenloser, als wenn du 70 bist. Dieser ganze Druck der Reproduktion, der Partnerfindung – ich erinnere mich noch so mit 20 – es war höllisch. Diese Zeit der Weichenstellung. Wo willst du hin in deinem Leben? Da hab ich das Gefühl: Der Stress ist abgefallen."

Und so macht Ulrikes Draesner vor allem Mut. Den Namen "Happy Aging" verdankt ihr Bericht übrigens einer Hautcreme, die sich eben nicht das Anti-Aging zum Motto gemacht hat. In diesem Sinne liefert die 54-Jährige ein höchst anregendes und trotzdem unaufgeregtes Plädoyer dafür, sich lebenslang viel zuzutrauen, und sich immer wieder neu zu erfinden.

"Happy Aging – Ulrike Draesner erzählt ihre Wechseljahre"
Supposé-Verlag
2 CDs, 2,5 Stunden Spielzeit, 24 Euro

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