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Lesart / Archiv | Beitrag vom 20.06.2016

Hörbuch: "Das Erbe des Zauberers" von Terry PratchettMit Katharina Thalbach in der "Scheibenwelt"

Von Susanne Billig

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Die Schauspielerin Katharina Thalbach (dpa/picture alliance)
Die Schauspielerin Katharina Thalbach: "Wer hat jemals von einer Zauberin gehört, hä?" (dpa/picture alliance)

Zombies, Hexen und Werwölfe bewohnen die "Scheibenwelt" des Fantasy-Autors Terry Pratchett. Sie schlagen sich mit Problemen herum, die auch den Erdenbewohnern bekannt sind. Die Schauspielerin Katharina Thalbach hat den Band "Das Erbe des Zauberers" - großartig - als Hörbuch eingelesen.

Katharina Thalbach: "Die Macht traf sie – wie ein Hammerschlag. Einmal mehr schickte sie einen hexentelepathischen Ausläufer ihres Ichs in den Kopf des Vogels, betrachtete dort purpurne Gedankenschichten in einem Kokon aus silbernen Fäden; setzte zu einem Fluch an, brach nach einigen Worten ab und schloss den Mund wieder, als die Worte in Gestalt bunter Blüten durch Wolken schwebten, die in allen Regenbogenfarben schillerten."

Auf dem Rücken von vier Elefanten gleitet die Scheibenwelt durch den Kosmos. Zombies, Hexen, Trolle und Werwölfe leben hier, doch Autor Terry Pratchett geht es nicht um romantischen Eskapismus. Als Satiriker hält er der Menschheit den Spiegel vor, nimmt Eitelkeiten und Machtgelüste aufs Korn.

In den letzten Jahren hat der Schall & Wahn Verlag etliche Terry-Pratchett-Romane in Hörbücher verwandelt, das jüngste Werk heißt "Das Erbe des Zauberers". Das Buch stammt bereits aus dem Jahr 1987, es ist der dritte Scheibenwelt-Roman und befasst sich tatsächlich: mit der Gleichberechtigung der Geschlechter.

Katharina Thalbach: "Grrrrr, jetzt hör mir mal gut zu! Derartige Magie eignet sich nicht für Frauen! Es geht dabei um Bücher und Sterne und andere geheimnisvolle Dinge wie zum Beispiel 'Ge-me-trie'. Das ist zu hoch für deine Tochter! Und außerdem, wer hat jemals von einer Zauberin gehört, hä?"

Nur männliche Nachwuchszauberer dürfen studieren

Die Scheibenwelt trennt klar nach Geschlechtern: Männer können den Beruf des Zauberers ergreifen und sich mit magischen Kräften verbünden, Frauen lernen Kräuter kennen und brauen Heilsäfte zusammen. Ausnahmen gibt es nicht – bis die kleine Eskarina spürt, dass magische Kräfte in ihr brodeln. Sie begehrt auf, tatkräftig unterstützt von Oma Esmeralda Wetterwachs – eine generationenübergreifende Verschwörung für die Sache der Mädchen und Frauen thematisiert Terry Pratchett hier in der Verpackung eines Fantasyepos. Eskarina dringt sogar in die Unsichtbare Universität ein, die nur männlichen Nachwuchszauberern offen steht. Als Putzfrau verschafft sie sich Zugang und greift nach den Sternen akademischen Ruhms, torpediert von reichlich Widersachern und Hindernissen.

Katharina Thalbach: "Nach kurzer Zeit bemerkte sie auch noch etwas anderes: Ein schrilles Pfeifen an der menschlichen Hörschwelle. Esk hatte dieses Geräusch schon einmal vernommen, in der kalten Wüste, ein gieriges Schnattern, das Summen eines Bienenstocks, das leise Knistern, das von einem Ameisenhügel ausgeht. 'Sie kommen!', schrie sie. 'Sie kommen hierher!'"

Ist es nötig zu sagen, wie begnadet Katharina Thalbach liest? Ihre schöne tiefe Stimme changiert zwischen zärtlich und rau, rasend und wispernd, jede Figur erhält ihre besondere Note, ihren Sprachfehler, ihre Intonation.

Wie bei Terry Pratchett üblich, bordet das Buch über von schrägen Ideen, skurrilen Figuren, verrückter Wissenschaft und verschlungenen Handlungssträngen. Katharina Thalbach führt als kundige Erzählerin mitten durch das Getümmel, schreit, flüstert, krächzt und greint, dass es eine Hörbuchfreude ist – von der ersten bis zur letzten Minute. Und die sei hier einfach schon einmal verraten:

Katharina Thalbach: "Die Ameisen stahlen weitere Zuckerbrocken und in einer der hohlen Wände erbauten sie daraus eine weiße Pyramide, in der sie mit einer feierlichen Zeremonie den mumifizierten Leichnam ihrer Königin bestatteten. An der Wand der Grabkammer brachten sie eine Inschrift an, die in verschnörkelten Insektenhieroglyphen das Geheimnis der Unsterblichkeit enthüllte. Ihre Entdeckung wäre wohl kaum ohne wichtige Konsequenzen für das Universum geblieben, wenn sich die Pyramide nicht bei der nächsten Überschwemmung in Zuckerwasser verwandelt hätte."

Der Fantasy-Autor Terry Pratchett: Als Satiriker hält er den Menschen den Spiegel vor. (dpa / picture alliance / Alessandro Della Bella)Der Fantasy-Autor Terry Pratchett: Als Satiriker hält er den Menschen den Spiegel vor. (dpa / picture alliance / Alessandro Della Bella)

Terry Pratchett: Das Erbe des Zauberers
Übersetzt von Andreas Brandhorst, gesprochen von Katharina Thalbach
Random House Audio, Köln 2016
2 CDs Seiten, 12,74 Euro

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